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Entwicklungshilfe per Fahrrad

Wie Fahrräder Leben verändern können, erklären Kristina Jasiunaite und Lena Kleine-Kalmer von World Bicycle Relief (WBR). Die international tätige Organisation macht Menschen mobil und verknüpft dabei humanitäre Hilfe mit einem unternehmerischen Ansatz.

 

World Bicycle Relief: Was ist darunter zu verstehen?

Kristina Jasiunaite: World Bicycle Relief macht Menschen mit robusten Fahrrädern mobil. Unsere Vision ist, dass Entfernungen kein Hindernis für Bildung, Gesundheit und wirtschaftliche Entwicklung mehr sind. Als international tätige, gemeinnützige Organisation produzieren wir das so genannte Buffalo-Fahrrad, das speziell für den Einsatz in ländlichen Entwicklungsregionen entworfen ist. Wir glauben, dass jedes Fahrrad, das unsere Produktionsstätten verlässt, ein Stück dazu beitragen kann, die Welt zu verbessern.
Teil unseres Ansatzes ist es, eng mit lokalen Akteuren und Organisationen zusammenzuarbeiten. Menschen vor Ort kennen die lokalen Gegebenheiten und Bedarfe am besten. In diesem Licht suchen wir auch gezielt die Zusammenarbeit mit anderen Hilfsorganisationen.

 

Wie entstand die Idee „Entwicklungshilfe durch das Fahrrad“?

Kristina Jasiunaite: Wesentlicher Auslöser für die Entstehung von WBR war der Tsunami von 2004. Der Gründer unserer Organisation, F. K. Day, der zu dem Zeitpunkt bereits über 30 Jahre in der Fahrradindustrie tätig war, reiste kurz nach der Flutkatastrophe zusammen mit seiner Frau nach Sri Lanka. Sie wollten herausfinden, wie man dem Land am besten helfen konnte. Vor Ort sah er ziemlich schnell, dass es vor allem an Transportmöglichkeiten mangelte – Fahrräder schienen eine einfache und nützliche Lösung. So führte eins zum anderen: Das Unternehmen SRAM und ein paar andere Player aus der Branche wollten für den Wiederaufbau spenden. Mit Spenden finanzierten sie knapp 24.000 Fahrräder, die sie in Indien kauften. Diese wurden unter anderen an Kinder, Lehrer, Krankenpfleger, Ärzte und Fischer übergeben. So wurden sie wieder mobil. Sie konnten wieder Schulen, Märkte, Jobs und Krankenstationen erreichen und ihr Leben neu aufbauen.

 

Wie sind die gemeinnützigen und profitorientierten Unternehmenssparten von WBR miteinander verknüpft?

Kristina Jasiunaite: Teil unserer Unternehmensphilosophie ist, dass wir nicht einfach nur charity betreiben – also Hilfsprogramme mit Fahrräder aufbauen –  sondern Menschen vor allem dazu befähigen wollen, eigenständig, unabhängig und wirtschaftlich handeln zu können.
Für die philanthropische Arbeit sammeln wir Spenden. Diese werden dafür eingesetzt die Buffalo-Fahrräder zu produzieren, Mechaniker auszubilden und die Räder im Rahmen von Hilfsprogrammen an SchülerInnen oder Krankenpflegepersonal zu übergeben. Wir arbeiten hauptsächlich in ländlichen Regionen Subsahara-Afrikas, wo es meist keine anderen Transportmittel gibt und die Menschen sich Fahrräder selbst nicht leisten können. Unsere kommerzielle Unternehmenssparte richtet sich hingegen an Privatkäufer, Bauern, Kleinunternehmer oder zum Beispiel Milchkooperativen, aber auch größere Firmen. Je nach Möglichkeiten können die Fahrräder bei uns in einem Schub gekauft oder über andere flexible Finanzierungsmodelle, wie etwa durch Mikrokredite, erstanden werden. Teile der Erlöse aus dem kommerziellen Betrieb fließen zurück in die philanthropische Programmarbeit, so dass diese nicht ausschließlich von Spendengeldern abhängig ist.

 

Wie treiben Fahrräder Entwicklung voran?

Kristina Jasiunaite: 2017 feierten wir das 200-jährige Jubiläum des Fahrrads. Seine Erfindung ermöglichte in den Jahren nach 1817 erstmals einen preiswerten und effektiven Transport für die breite Masse. Dies war die Geburtsstunde der individuellen Mobilität. Mobilität und Transport sind zu wesentlichen Komponenten unseres Alltags geworden, ohne die unsere Systeme gar nicht mehr funktionieren würden.
Wenn wir uns die gegenwärtige Situation in Entwicklungsländern anschauen, sehen wir, dass Infrastrukturen nur mangelhaft ausgebaut und Transportsysteme unzuverlässig sind. Das gilt insbesondere für ländliche Regionen. So erledigen in Afrika viele Menschen auf dem Land ihre alltäglichen Arbeiten ausschließlich zu Fuß. Dabei tragen sie regelmäßig schwere Lasten, zum Teil über 30 Kilo und das gerne mal über mehrere Stunden unter der brennenden Sonne. Unter diesen Bedingungen bringt unser „Buffalo-Rad“ eine enorme Verbesserung: Ohne Probleme trägt es bis zu 100 Kilo auf dem Gepäckträger. Mit einem verlässlichen Fahrrad sparen die Menschen Zeit und können weitere Distanzen zurücklegen. Ein Krankenpfleger etwa, der zu Fuß zuvor bis zu vier Stunden für einen Patientenbesuch unterwegs war, schafft dieselbe Strecke heute mit einem Fahrrad in nur 30 Minuten. Die so eingesparte Zeit nutzt er, um weitere Patienten zu betreuen.
Hinzukommt, dass das Fahrrad wohl eines der inklusivsten Verkehrsmittel überhaupt darstellt. Egal ob Mann oder Frau, alt oder jung: Das Rad ermöglicht Mobilität für einen Querschnitt der Gesellschaft. Viele Frauenbewegungen unterstützen unsere Arbeit, weil sie davon überzeugt sind, dass das Fahrrad einen wichtigen Beitrag zur Emanzipation von Frauen und Mädchen leisten kann.

 

Das Fahrrad als Mittel zur Emanzipation? Ist das nicht eine Mammutaufgabe?

Kristina Jasiunaite: In unseren Bildungsprogrammen gehen die meisten Fahrräder an Mädchen und Frauen, mitunter machen sie bis zu 70 Prozent aus. Außerdem organisieren wir in den Gemeinden vor einer Fahrradübergabe Kurse zu Geschlechterfragen, um die Menschen für das Thema zu sensibilisieren. In Subsahara-Afrika müssen Mädchen oft bis zu 40 Prozent mehr Zeit für Aufgaben im Haushalt aufbringen als gleichaltrige Jungs und gehen deshalb deutlich seltener in die Schule. Wenn wir die Übergabe der Fahrräder an Mädchen mit dem klaren Ziel „Schulabschluss“ verknüpfen, kann unglaublich viel erreicht werden.
Mit diesen Maßnahmen wollen wir nicht nur individuelle, sondern gesamtgesellschaftliche Veränderungsprozesse anstoßen. Aus Studien wissen wir, dass sich Investitionen in die Bildung von Mädchen und Frauen vielfach auszahlen. Mit diesem Ziel im Hinterkopf sind unsere Programme mit einem kraftvollen Anreizsystem ausgestattet: Wer eines unserer Fahrräder über unser Bildungsprogramm erhalten möchte, muss sich mit dem Thema der Geschlechtergleichheit auseinandersetzen!

 

Wie kann man eure Arbeit unterstützen?

Kristina Jasiunaite: Über unsere Webseite ist es möglich, Geld zu spenden oder Fundraising-Initiativen zu lancieren, etwa im Rahmen eines Geburtstages, Firmenjubiläums oder sportlichen Events. Der Kreativität sind dabei keine Grenzen gesetzt!

Lena Kleine-Kalmer: Dazu eine praktische Information: Eine Spende über 134 Euro ermöglicht uns die Bereitstellung genau eines Fahrrads, von der Produktion bis zur Übergabe zum Beispiel an eine/n Schüler/in. Eine tolle Sache, wie ich finde, wenn man so konkret nachvollziehen kann, wie viel dieser relativ kleine Betrag bewirken kann. Ein einfaches Fahrrad kann das Leben einer ganzen Familie verändern.

 

Welche Erfahrung in Verbindung mit Eurer Arbeit hat euch besonders geprägt?

Kristina Jasiunaite: Ich hatte in Subsahara-Afrika einem Mädchen namens Melanie ein Fahrrad überreicht. Sie hatte zuvor täglich neun Kilometer zu Fuß zur Schule laufen müssen – eine Strecke die sie jeden Tag über zwei Stunden Zeit kostete. Mit ihrem Fahrrad brauchte sie für den Schulweg nur noch 30 Minuten. Die eingesparte Zeit und Kraft kann sie seither dazu nutzen, an den abgelegenen Brunnen zu fahren um den täglichen Trinkwasserbedarf der Familie zu stillen. Wie Melanie haben wir mittlerweile Tausende Mädchen mit Fahrrädern mobilisiert. Das ist für mich die beste Motivation, jeden Tag mit Leidenschaft unser Ziel weiter zu verfolgen.

Lena Kleine-Kalmer: Eine prägende Erfahrung hatte ich während einer Fahrrad-Übergabezeremonie im südafrikanischen Sambia –  ein Riesenereignis in Anwesenheit der ganzen Gemeinde. Ich sprach mit einem schüchternen Mädchen. Sie war etwa 17 Jahre alt, ging aber noch in die dritte Klasse – das heißt, sie wurde erst mit 14 eingeschult. Ihre Einschulung hatte so lange auf sich warten lassen, weil man ihr vorher nicht erlaubt hatte, den Schulweg über 14 Kilometer zu Fuß zu laufen.
Als ich ihr das Rad übergab, zögerte sie nicht lang: Sie stieg auf, trat los und machte einen großen Kreis um den Schulhof. Dann kam sie zurück, hielt neben mir an und sagte: "Come with me". Sie wirkte wie ausgewechselt. Ich setze mich auf den Gepäckträger und wir fuhren los. Nach einer kurzen Spritztour stellte sie das Fahrrad ab, drehte sich zu mir und sagte: "Now that I can ride I think I can achieve everything!". Dies war ein toller und bewegender Moment, der mir wohl lange in Erinnerung bleiben wird. Fahrräder geben nicht nur Mobilität, sondern auch Selbstbewusstsein.

Das Interview führte Alper Baysan.
Nachdruck unter Quellenangabe (Alper Baysan/ Berlin-Institut) erlaubt.

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