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Interview mit Prof. Margareta Kulessa

 

Margareta Kulessa ist seit 2002 als Professorin für Allgemeine Volkswirtschaftslehre und Internationale Wirtschaftsbeziehungen an der Fachhochschule Mainz tätig. Darüber hinaus gehört sie seit 2000 dem Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) an. Der WGBU ist ein unabhängiges wissenschaftliches Beratergremium, das 1992 im Vorfeld der Rio-Konferenz von der Bundesregierung eingerichtet wurde. Zu den Aufgaben des WGBU zählt, globale Umwelt- und Entwicklungsprobleme zu analysieren und darüber in Gutachten zu berichten sowie Handlungs- und Forschungsempfehlungen zu erarbeiten.


Die reichen Industrieländer verursachen den Klimawandel - die armen Entwicklungsländer tragen die Folgen. Lässt sich so die Diskussion um globale Gerechtigkeit und Klimawandel zusammenfassen?

Das ist zwar ein wesentlicher Teil der Klimaschutzdebatte, wie wir sie heute führen, aber die tatsächlichen Zusammenhänge sind viel komplexer. Je nachdem, um welche Treibhausgase es geht und welchen Zeitraum man betrachtet, kann sich das Bild verschieben. Dann zeigt sich, ob wirklich nur die Industrieländer Verursacher des Klimawandels sind, oder ob nicht auch die Entwicklungsländer mit dazu beitragen.

Am stärksten ins Auge stechen die klimatischen Veränderungen in den Entwicklungsländern. Mehr Dürren, mehr Stürme - die Katastrophen finden in immer kürzeren Abständen statt. Woran merken wir in den Industrieländern, in Europa, dass sich das Klima verändert - und dass wir auch unsere politische Haltung ändern müssen?

Der Klimawandel ist ungerecht, er trifft besondere Regionen besonders hart. Und das sind zum großen Teil die ärmsten Regionen, und dort trifft er wiederum die ärmsten Menschen, die von der Landwirtschaft abhängig sind, am stärksten. Natürlich betrifft der Klimawandel, sogar über seine Extremereignisse, auch die Industrieländer. Denken Sie an die USA und Hurrikane, aber denken Sie auch an die Hitzewellen in Europa in den vergangenen Jahren. Gerade Südeuropa wird erheblich mit der Dürre zu kämpfen haben. Selbst wir in Deutschland bekommen den Klimawandel spüren. Aber weil unsere Wirtschaftsstruktur kaum noch von der Landwirtschaft abhängt, haben wir viel bessere Chancen, uns anzupassen.

Wie müssen wir denn als verantwortliche Weltgemeinschaft darauf reagieren?

Es geht vor allem darum, schnell einen ehrgeizigen Klimaschutz umzusetzen. Das bedeutet, den Trend zu steigenden Emissionen in den nächsten Jahren umzukehren. Bis Mitte des Jahrhunderts müssen wir die Emissionen global gesehen halbiert haben. Alle, die zur Vermeidung von Emissionen beitragen können, müssen alles in ihrer Kraft Stehende tun. Das heißt, vor allem die wirtschaftlich Wohlhabenden sind in der Pflicht. Aber auch die Länder, in denen sich große terrestrischen Kohlenstoffspeicher befinden, das sind etwa Länder mit erheblichem Bestand an tropischen Wäldern.

Das Ziel der internationalen Politik ist es, bis 2050 die CO2-Emissionen zu halbieren. Das ist noch lange hin - ist das wirklich als ehrgeizig zu bezeichnen?

Das ist sehr ehrgeizig! Das Ziel resultiert aus der Überzeugung, dass es auch erreichbar sein muss - und mehr dürfte wirklich kaum machbar sein. Es geht es darum, möglichst zu vermeiden, dass erstens die Temperatur langfristig nicht um über zwei Grad Celsius ansteigt, und dass sie zweitens pro Dekade nicht um über 0,2 Grad Celsius steigt. Wenn man das alles erreichen will, ist man gut beraten, bis 2050 eine Halbierung umzusetzen.

Was würde passieren, wenn diese Schwellenwerte nicht eingehalten würden?

Die Natur, das Ökosystem, und auch die Menschen sind nur begrenzt in ihrer Fähigkeit, sich in einer bestimmten Zeit an Umweltveränderungen anzupassen. Über die Jahrzehnte können wir vielleicht gerade mit zwei Grad umgehen, das gilt für die Ökosysteme wie für den Menschen, aber wenn wir schon in einer Dekade einen deutlichen Anstieg hätten, dann würden wir die ökologische und sozio-ökonomische Anpassungsfähigkeit des Ökosystems überstrapazieren.

Eine gemeinsame Anstrengung aller Staaten der Welt ist also notwendig. Dafür braucht es ein Regelwerk. Was bewerten Sie vor diesem Hintergrund die Forderung, die Ecuadors Energieminister Alberto Acosta im Mai dieses Jahres erhoben hat: 350 Millionen Dollar pro Jahr als Entschädigung dafür, dass sein Land den Regenwald als Speicher von Treibhausgasemissionen erhält sowie die Ureinwohner und Artenvielfalt schützt?

Das ist ein Ansatz, der seine Berechtigung hat. Wir kennen Staaten und Naturschutzorganisationen, die Ländern für das Nichtabholzen in Naturschutzgebieten Geld zahlen. Und der Gedanke ist auch richtig, da einerseits vom Erhalt der Tropenwälder alle profitieren, und andererseits gerade wirtschaftlich ärmere Länder durch deren Vernichtung kurzfristig Einnahmen generieren können. Hier ist es richtig, dass die wirtschaftlich wohlhabenden Länder einen Teil der Kosten übernehmen, damit diese Kohlenstoffspeicher nicht vernichtet werden. Allerdings verlangt Ecuador einen sehr hohen Preis, der deutlich über dem liegt, was bisher bei ähnlichen Projekten gezahlt wurde.


Das Interview führte Margret Karsch.

Nachdruck unter Quellenangabe (Margret Karsch / Berlin-Institut) erlaubt.

 

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