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"Talente, Technologie und Toleranz" sind keine Fremdwörter für Wilkes. Er hat auf seine ganz eigene Weise vorgemacht, wie effektives Tourismus- und Standort-Marketing aussehen kann, und die indische Filmindustrie mit einer Bollywood-Produktion an die idyllische Bergstraße geholt. Damit will er Touristen aus Asien in die Region locken. Auch in der Schulpolitik ist er neue Wege gegangen und hat in den letzten zwei Jahren den Anteil der Hauptschüler ohne Schulabschluss von zehn auf zwei Prozent reduziert.

Das Handelsblatt untersucht in regelmäßigen Abständen die Zukunftsfähigkeit Deutschlands auf Kreisebene. In Ihrer bisherigen Amtszeit hat sich der Kreis Bergstraße um 51 Rangplätze verbessert. Wie macht man das?

Wir haben erstens ganz klar auf das Thema Bildung gesetzt: Das heißt, wir haben ein riesiges Schulbauprogramm aufgelegt, um die Schulen in Ordnung zu bringen. Wir brauchen Infrastruktur, um den Ganztagsbetrieb überall zu leisten. Durch das „Bergsträßer Modell“ bleiben die rund 140 Millionen Euro, die wir dafür in fünf Jahren ausgeben derzeit zu rund 80 Prozent in der Region. Wir versuchen, mit beschränkten Ausschreibungen die Handwerker vor Ort ins Geschäft zu bringen. Dadurch entsteht ein Wirtschaftskreislauf in der Region von Bildung bis zu Arbeit und Einkommen. Zweitens ist uns in den Verhandlungen um die Metropolregionen Deutschlands gelungen, als einziger Kreis Mitglied von zwei europäischen Metropolregionen zu werden: Rhein-Main und Rhein-Neckar. Wir nutzen diese beiden großen Ballungsräume, koppeln uns an und nehmen damit auch an deren wirtschaftlicher Entwicklung teil.

Sie haben sich auch insbesondere im Bereich der Hauptschulen engagiert.

Wir müssen für jeden Schüler sicherstellen, dass er seinen Schulabschluss schafft. Schüler, die ohne Abschluss die Schule verlassen, sind junge Menschen, die am Arbeitsmarkt keine Perspektive haben. Damit sind sie auf Dauer auf die Fürsorge des Sozialstaats angewiesen, mit allen weiteren Folgen, Problemen und Fehlentwicklungen, die die Gesellschaft belasten und viel, viel Geld kosten. Deswegen kommt es darauf an, die Förderung der Schule so zu organisieren, dass diese Schüler alle den Schulabschluss schaffen. Die Lehrer wissen bereits zwei Jahre vor dem Abschluss, wer es nicht schaffen wird. Diese Schüler kommen in „Schubklassen“ mit nur zwölf Schülern und werden zusätzlich von einem Sozialpädagogen begleitet. Im ersten Durchlauf haben von den 62 Schülern, von denen man vorher annahm, dass sie es nicht schaffen würden, 60 ihren Abschluss gemacht. Das ist eine Erfolgsquote, die sich ohne weiteres auf Deutschland übertragen ließe.

Sie sind bekannt dafür, dass Sie die indische Filmindustrie an die Bergstraße geholt haben? Wie kommt man auf so eine Idee?

Wir sind eine Region, die für Touristen attraktiv ist und die in der Nähe des Frankfurter Flughafens liegt. Mit den kleinen Fachwerkstädtchen und der schönen Naturlandschaft lag es nahe, sich für die indische Filmindustrie als Kulisse anzubieten. Vor zwei Jahren haben wir über einen Tag hinweg elf Produzenten aus Bombay unsere Region so engagiert vorgestellt, dass drei Monate später der erste Bollywood-Film dort gedreht wurde. Der erste, der in Deutschland überhaupt produziert wurde und der dann seine Premiere in einem Kino in Deutschland an der Bergstraße hatte, mit einem riesigen Medienaufgebot. Das heißt, wir haben nicht nur Grundlagen geschaffen, um Touristen aus Indien diese schöne Region vorzustellen, sondern gleichzeitig auch innerhalb Deutschlands ein hervorragendes Beispiel für erfolgreiches Standort-Marketing abgegeben.

Brünhilde und Bollywood, wie passt das zusammen? Wie reagieren die Bergsträßer auf das etwas andere Kulturprogramm?

Das passt ganz hervorragend zusammen. Wir sind das Land der Nibelungen. Die Nibelungen sind von Worms aus in den Odenwald gezogen. Die Nibelungensage ist eine der wenigen deutschen Sagen, die international bekannt ist, nicht zuletzt durch Richard Wagner und seine Opern. Wenn man in Goethe-Instituten deutsch lernt, ist die Nibelungensage immer ein Thema, und es war tatsächlich so, dass ich den elf Filmproduzenten bei der Begrüßung auf Schloss Auerbach in romantischem mittelalterlichen Flair erzählt habe, dass Siegfried hier erschlagen wurde und die Story hier gespielt hat.

Viele der regionalen Vorteile treffen auch auf den benachbarten Odenwaldkreis zu. Trotzdem bleibt dieser im Zukunftsatlas des Handelsblatts um 210 Rangplätze hinter dem Kreis Bergstraße zurück. Woran liegt das?

Der Odenwaldkreis hat natürlich Nachteile, weil er etwas weiter von den Ballungsräumen, von den Autobahnen und von der Schiene entfernt ist. Aber die Öffnung für kreative Lösungen muss hier noch mehr eine Rolle spielen. Je weiter Sie in die Provinz gehen, desto mehr finden Sie althergebrachte Verhaltensweisen auch in der Politik. Ich habe den Vorteil gehabt, als Quereinsteiger in die Politik zu wechseln und damit Dinge in Frage zu stellen und mit ganz neuen Ideen aufzuwarten, die für langjährige Verwaltungsleute völlig ungewohnt waren. Es lohnt sich, ein bisschen die Berufe zu durchmischen, mal einen Wechsel von der Politik in etwas anderes und umgekehrt zu wagen.

Während die wirtschaftliche Entwicklung auf Kreisebene überregionale Anerkennung findet, bezeichneten benachbarte Landräte Sie schon mal als "Totengräber der Region". Warum?

Auch da gab es althergebrachte regionalpolitische Vorstellungen. Wir hatten in Südhessen die Region Starkenburg. Das waren die fünf südhessischen Gebietskörperschaften, vier Landkreise und die Stadt Darmstadt. Die Bund-Länder-Kommission für Raumordnung hat elf europäische Metropolregionen festgelegt. Das sind Regionen, die für die Globalisierung stehen, die eine bestimmte Größe haben, eine kompakte Zusammensetzung und Infrastruktur, wie den Frankfurter Flughafen, der in Südhessen außerhalb dieser Region Starkenburg gelegen war. Ohne so einen internationalen Flughafen ist man keine Metropolregion. Die regionalpolitische Landkarte stimmte nicht. Deshalb haben wir das überwunden. Jetzt wird sich selbst die SPD in diesem Jahr noch aus dem regionalpolitischen Projekt Starkenburg zurückziehen. Die Einsicht kam etwas später. Insoweit war das Totengräberattribut eigentlich im Nachhinein eher ein Kompliment für mich.

Neben Technologien und Talenten spielt auch Toleranz eine zentrale Rolle für das Zukunftspotenzial einer Region. Der Verfassungsschutz weist daraufhin, dass sich im Kreis Bergstraße in den letzten Jahren zunehmend rechtsextreme Strukturen verfestigt haben. Inwiefern sehen Sie in dieser Entwicklung eine Gefahr für den wirtschaftlichen Aufschwung?

Das ist leider ein Phänomen, das wir überall haben. Wir erleben immer mehr, dass auch rechtsextreme Parteien erfolgreich sind und bis in die Landtage kommen. Wenn man sich anguckt, wo die Klientel herkommt, sind das gerade die, die wir mit erfolgreichen Schulabschlüssen in Zukunft in eine andere Richtung bringen wollen. Das sind meistens junge Menschen, die keinen Erfolg haben, die sich nach den alten rechtsextremen Verhaltensmustern dann anderen "Starken" anschließen. Sie suchen und finden in der Gemeinschaft die Anerkennung, die sie in unserer Gesellschaft, im schulischen System und auch im Ausbildungssystem nicht mehr bekommen, weil sie dort als Verlierer abgestempelt sind. Ich bin ganz sicher, wenn es im Kreis Bergstraße keine Hauptschüler mehr gibt, die ohne Schulabschluss die Schule verlassen, dann wird auch das Potenzial für rechtsradikale Rattenfänger kleiner werden.

Also indirekte Prävention durch Bildung. Gibt es auch konkrete Maßnahmen, mit denen Sie dieses Problem direkt angehen?

Wir stehen mit dem Staatsschutz im Kontakt und mit der Polizei. Wir machen ständig Angebote in den Schulen, um die Lehrer über rechtsradikale Tendenzen, über Liedgut und Songs zu informieren. Die entsprechenden Symbole und Zeichen sind für Erwachsene teilweise gar nicht als solche zu erkennen. Da ist sehr viel Aufklärung notwendig, die auch geleistet wird. Das Wichtige ist, die Ursache, anzugehen und die liegt in der persönlichen Entwicklung eines Menschen. Wenn die positiv ist, wenn man Ziele hat, dann ist man weitgehend immun gegen solche Einflüsse.

Was sind Ihre nächsten Projekte? Auf welche Überraschungen muss man sich in der näheren Zukunft an der Bergstraße einstellen?

Es wird noch in diesem Monat ein großes Forum geben, mit dem das Thema der Schubklassen in der ganzen Region öffentlich vorgestellt wird. Wir werden vorschlagen, dieses Modell flächendeckend für alle Hauptschulklassen einzuführen. Die sozialpädagogische Unterstützung, die kleineren Klassen und die frühe Verzahnung mit Arbeit und Beruf sind für die Frage, ob die Hauptschule eine Zukunft hat, die richtige Antwort. Wir sind in Hessen jetzt drei Monate vor der Landtagswahl. Ich möchte die Parteien alle dazu animieren, sich auf diese Frage einzulassen. Wir brauchen die Schubklasse, aber wir brauchen dann auch von der Politik die Botschaft, dass man entsprechende Lehrerstellen zur Verfügung stellt. Es wird auch in Zukunft weitere Projekte geben. Man darf nichts überstürzen, wir haben eine ganze Reihe von Baustellen aufgemacht, und die müssen noch weiter bearbeitet werden. Ich freue mich jetzt erst mal auf die zwei nächsten Filmproduktionen aus Bollywood.


Das Interview führte Sarah Ganter.


Nachdruck unter Quellenangabe (Sarah Ganter / Berlin-Institut) erlaubt.

 

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