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Nadia Bellal berät internationale Organisationen in Fragen der Geschlechtergerechtigkeit

Nadia Bellal berät internationale Organisationen in Fragen der Geschlechtergerechtigkeit – darunter die Vereinten Nationen, die Europäische Kommission und die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit. Als Teil dieser Arbeit erforscht sie die Lage von Frauen in unterschiedlichen Mena-Ländern. Hauptberuflich betreibt sie eine Akupunkturklinik in Algier.

 

 

Frauen gehen in der Mena-Region selten einer bezahlten Arbeit nach, obwohl sie häufig sehr gut qualifiziert sind – manchmal sogar besser als Männer. Wie erklären Sie dieses Paradox?

 

Die Antwort auf diese Frage steht in engem Zusammenhang mit der Kultur in der Region. Die muslimische Tradition ist in der Mentalität der Menschen tief verankert. Die Tatsache, dass Frauen manchmal besser qualifiziert sind als Männer, kann als erster Triumph der Frauen begriffen werden. Doch leider strahlt dieser noch nicht in andere Bereiche aus. Es ist schwierig für Frauen, einen Arbeitsplatz zu finden – noch dazu einen in gehobener Position. Denn rein kulturell müssen Frauen nicht arbeiten gehen. Sie sollten heiraten und als Mütter zuhause bleiben.

 

Glauben Sie, dass sich die Ansprüche junger Frauen in den vergangenen 10 bis 15 Jahren verändert haben?

 

Die wirtschaftliche Lage vieler Familien in der Region hat sich verschlechtert. Deshalb sind auch die sozialen Vorbehalte gegen Frauenerwerbstätigkeit kleiner geworden. Weiterhin arbeiten Frauen eher im Bildungs- und Gesundheitsbereich. Diese Berufswahl spiegelt die Mentalität der Gesellschaft wider. Wenn Frauen im Bildungs- oder Gesundheitssektor arbeiten, ist das akzeptabel, denn dies wird ihrem Bild als Mütter, also als Menschen, die sich um andere kümmern, gerecht. Grundsätzlich konkurrieren in der Region zwei Strömungen, die sich auf die Vorstellungen von Frauen auswirken: Die eine, eher moderne, gelangt über neue Kommunikationsmittel aus Europa ins Land, die andere, konservative, aus den arabischen Ländern, insbesondere aus Katar. Insgesamt ist es aber schwierig, einzuschätzen, ob die Ansprüche von Frauen sich gewandelt haben. Es mangelt an wissenschaftlichen Erkenntnissen darüber.

 

Was müsste geschehen, um das Ansehen von Frauen in der Region zu verbessern?

 

Der Weg zu einem veränderten Frauenbild unterscheidet sich von Land zu Land, von Region zu Region und von Gemeinschaft zu Gemeinschaft. Grundsätzlich sind zwei Faktoren zentral: Zunächst müsste der rechtliche Rahmen so angepasst werden, dass Frauen gleichberechtigt ihre Ziele äußern können ohne dafür verurteilt zu werden. Doch das ist nicht genug. Vor allem muss sich die Mentalität ändern – die Menschen müssen sich ändern. Das ist sehr kompliziert. Wichtig sind dabei Erfolgsgeschichten von Frauen, die eine neue Rolle in der Gesellschaft einnehmen. Das würde das Bild von Frauen verändern und zu einem neuen Frauenmodell verhelfen. Dabei müssen wir aber vermeiden, zu stark in die Kultur einzugreifen. Denn die Menschen sind sehr stark in ihrer Kultur verwurzelt. Die Unterstützung von Schulen und Moscheen wäre deshalb besonders wichtig.

 

Gibt es in der Region eine feministische Bewegung, die diese Entwicklung befördern könnte?

 

Es gibt sehr aktive Frauen, die in NGOs versuchen, die Mentalität religiöser Menschen zu verändern. Doch diese Frauen repräsentieren nicht die Mehrheit in der Region: Sie sind modern, haben moderne Ideen und sie sind sehr aktiv. Die Bewegung spricht also nicht die breite Gesellschaft an. Es ist für die NGOs außerdem schwierig, dem Geschlechterthema einen hohen Stellenwert zu verleihen. Denn meistens hat die Armutsbekämpfung die oberste Priorität in der Region. Nur wenige ziehen die Verbindung zwischen Demokratie, Armut und Gleichberechtigung. Trotzdem glaube ich, dass die NGOs helfen, die Lage der Frauen zu verbessen. Schon heute zeigt ihre Arbeit gute Ergebnisse. In einem Umfeld von geringem Fortschritt gibt es vereinzelt große Fortschritte. Frauen verlassen das Haus zwar im Hidschab, also mindestens in ein Kopftuch gehüllt, aber immerhin gehen sie aus. Sie gehen so zur Arbeit oder studieren. Das ist sehr wichtig und ich bin sicher, dass es weiter vorwärts geht. Es wird Zeit brauchen. Seit dem Arabischen Frühling sind Frauen viel sichtbarer geworden und sie können ihrer Stimme besser Ausdruck verleihen, doch ob sie im anschließenden Demokratisierungsprozess wirklich repräsentiert sind, bleibt fraglich.

 

Wie könnten internationale Akteure dazu beitragen, dass sich die Lage verbessert?

 

Die deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) könnte eine sehr wichtige Rolle einnehmen, denn sie arbeitet mit den Regierungen zusammen. Dadurch kann sie ganz unmittelbar Einfluss nehmen und das ist besonders in Fragen der Geschlechtergerechtigkeit wichtig. Die GIZ ist damit viel flexibler als multilaterale Organisationen mit großen Verwaltungsapparaten.

 

Das Interview führte Ruth Müller am 22.02.2015 für die Studie „Krisenregion Mena. Wie demografische Veränderungen die Entwicklung im Nahen Osten und Nordafrika beeinflussen und was das für Europa bedeutet.“ Die Studie wurde gefördert vom Institut für Auslandsbeziehungen (ifa) aus Mitteln des Auswärtigen Amtes.

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