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Copyright: Petra König

Die Studie des Berlin-Instituts "Talente, Technologie und Toleranz – wo Deutschland Zukunft hat" geht der Frage nach, welche Bedingungen über die Zukunftsfähigkeit einer Region entscheiden. Ist es die Wirtschaftskraft, eine schlanke Bürokratie, der Ausbildungsstand der Erwerbstätigen oder die kulturelle Offenheit einer Region? Das Konzept "Talente, Technologie und Toleranz" nutzt eine Reihe von neuen Indikatoren, um das Entwicklungspotenzial von Standorten zu beschreiben. Der TTT-Index hat sich in verschiedenen Ländern als zuverlässige Messgröße für künftige Entwicklungschancen bewährt. Das Berlin-Institut hat das TTT-Konzept erstmals für alle deutschen Bundesländer getestet. Zu den Ergebnissen der Studie hat das Berlin-Institut Experteninterviews geführt.

 

Folgen in Deutschland die Menschen den Jobs oder die Jobs den Menschen?

Ich denke, die Menschen folgen den Jobs. Es lassen sich Wanderungsbewegungen in den Süden Deutschlands beobachten, es gibt Bildungswanderer nach Berlin, und es gibt leider auch Abwanderung derer, die gut ausgebildet sind, und die in Berlin nicht die berufliche Perspektive vorfinden, die sie sich wünschen.

Nach Berlin kommen also Menschen, um sich hier ausbilden zu lassen. Welche weiteren Aspekte machen Berlin attraktiv für Zuwanderer?

Die Lebensqualität in Berlin ist sehr hoch, eine große Zahl hochrangiger Forschungseinrichtungen ist vorhanden, Berlin als Hauptstadt ist natürlich Sitz von staatlichen Institutionen, Botschaften und Verbänden.

Berlin steht in der Studie "Talente, Technologie und Toleranz – wo Deutschland Zukunft hat" des Berlin-Instituts bei Talenten und Toleranz bundesweit auf dem ersten Platz der Bundesländer. Die ökonomische Situation ist aber weitaus schlechter als in Bayern oder in Baden-Württemberg – was läuft falsch in Berlin?

Es gibt sicherlich einiges zu verbessern in Berlin. Als Beispiele seien Bürokratie und Bestandspflege genannt: Ansässige Unternehmen könnten besser betreut werden sowie systematischer und transparenter Dienstleistungen gestellt bekommen. Trotzdem ist die Lage unserer Einschätzung nach nicht so schlecht, wie die Veröffentlichungen es vermuten lassen. Danach ist Berlin beispielsweise deutschlandweit auf dem letzten Platz, was die Halbjahresprognose der Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts angeht. Nach unserer Wahrnehmung dagegen ist die Stimmung der Unternehmer in der Stadt gegenwärtig sehr gut. Dies belegt auch unsere aktuelle Konjunkturumfrage. Wir gehen davon aus, dass sich dies auch in einem entsprechenden Wachstum des BIP niederschlagen wird. Daher glauben wir, dass die amtliche Statistik die Faktoren, die in Berlin das Wachstum bedingen, nicht in vollem Maße in den Prognosen des BIP abbildet. Diesen Standpunkt teilt im übrigen auch die Hauptverwaltung Berlin der Deutschen Bundesbank in Ihrem Bericht zum zweiten Quartal 2007.

Eine andere Sache ist, dass Berlin auch aufgrund seiner Vergangenheit als industrieller Standort nicht sehr stark ist, und dass aufgrund der starken Exportnachfrage deutschlandweit die Industrie boomt. An dieser Entwicklung partizipiert Berlin nur unterdurchschnittlich.

Berlin oder zumindest einige Viertel Berlins wie der Prenzlauer Berg gelten ja als Orte, die besonders viele Selbstständige anziehen, insbesondere eine "digitale Bohème", die Leben und Erwerbsarbeit kaum noch getrennt denkt und – so das Klischee - mit dem Laptop im Café sitzt und dabei Latte macchiato trinkt. Welche Bedeutung kommt dieser Gruppe von Zuwanderern zu?

Die angesprochene Gruppe dieser selbstdefiniert Selbständigen ist vornehmlich der Kreativwirtschaft zuzurechnen. Die Kreativwirtschaft ist eines der definierten Berliner Wirtschaftscluster. Mit 180.000 Beschäftigten (davon 100.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigten) kommt diesem Cluster eine große Bedeutung für den Wirtschaftsstandort zu.

Wieso gelingt es woanders besser, Potenziale umzusetzen?

Hier darf man die besondere Geschichte Berlins nicht außer Acht lassen. Aufgrund der Teilung kam Berlin als Hauptsitz für die Industrie nicht in Frage, und der ehemals bedeutende Standort der Elektro- und Maschinenbau-Industrie hat zu Zeiten des geteilten Berlins diese Bedeutung verloren. Die ehemals Berliner Unternehmen sitzen heute in Westdeutschland. Berlin ist das Bundesland mit den wenigsten Arbeitsplätzen im sekundären Sektor, also in der Industrie. Seit der Wiedervereinigung sind zwar 17 Jahre vergangen, aber das hängt Berlin noch nach.

Was kann man machen, um das zu ändern?

Man kann die Situation für die Unternehmen vor Ort optimieren. Sei es, dass Unternehmen Dienstleistungen der Verwaltung in Anspruch nehmen, sei es, dass sie von der Wirtschafts- oder Technologieförderung profitieren können. Die Angebote in der Bestandpflege sind in Berlin wenig transparent. Es ist aus unserer Sicht nicht sichergestellt, dass Unternehmen das optimale Angebot zukommt und dass sie nicht über Gebühr mit bürokratischen Hürden zu kämpfen haben. Hier sind Verbesserungen möglich und nötig - und Berlin sollte sie angehen.

Bei der Bestandspflege ließe sich also noch einiges verbessern. Welche konkreten Ziele verfolgt die IHK darüber hinaus bei ihrer Standortpolitik?

Die IHK strebt eine Fokussierung der Wirtschaftsförderung auf die Gesundheits-, Verkehrs und Kreativwirtschaft an. Diese sollen mit den angeschlossenen technologischen Kompetenzfeldern vorangebracht werden, sowohl was die Situation der ansässigen Unternehmen anbelangt, damit sie sich optimal entwickeln können, als auch im Hinblick auf die Akquise. Zudem müssen die Standortqualitäten besser kommuniziert werden. Berlin muss national und international als wirtschaftsfreundlicher Standort wahrgenommen werden.

Welche Rolle spielt im Verhältnis dazu die Familienfreundlichkeit eines Standorts? Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag hat kürzlich gemeinsam mit dem Bundesfamilienministerium den "Familienatlas" veröffentlicht, der die Situation der Familien in den deutschen Bundesländern vergleicht. Wie hat Berlin da abgeschnitten?

Vergleichsweise gut, in einigen Bereichen sogar sehr gut. So ist zum Beispiel die Situation der Kinderbetreuung deutlich besser als in Westdeutschland. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist auch aufgrund der guten Chancengleichheit für Frauen besser als in anderen deutschen Großstädten. Problematisch ist eher die wirtschaftliche Situation der Familien, also die Möglichkeit, Arbeits- und Ausbildungsplätze zu finden. Auch das Familieneinkommen liegt unterhalb des Bundesdurchschnitts, hat sich im letzten Jahr aber gesteigert. Insgesamt ist Berlin für Familien ein attraktiver Standort.

Welche Entwicklungen sehen Sie in Berlin bezüglich der Stichworte "Talente, Technologie und Toleranz"? Ist Berlin auch in zehn Jahren noch "arm, aber sexy"?

Stichwort Technologie: Berlin ist technologieorientiert und gut beraten, diesen Standortvorteil weiter auszubauen. Die Forschungsinstitute sind vorhanden, es muss daran gearbeitet werden, dass die wirtschaftliche Wertschöpfung aus den wissenschaftlichen Erkenntnissen stärker in am Wirtschaftsstandort bleibt. Hierfür ist die Kooperation von Wirtschaft und Wissenschaft zu verbessern und der Wissenstransfer muss sich stärker an der Nachfrage der Unternehmen orientieren. Stichwort Talente: Hier liegt die große Chance Berlins, auch im Zusammenhang mit dem demografischen Wandel. Die gut ausgebildeten Fachkräfte sind vorhanden, es gilt, entsprechend attraktive Arbeitsangebote zu schaffen, um eine Abwanderung zu verhindern. Diese Aufgabe muss Berlin bewältigen. Und abschließend Stichwort Toleranz: Sie haben in Ihrer Studie ja darauf hingewiesen, dass Erfahrungen mit Ausländern die Toleranz stärken. Auch hier wird sich Berlin sicherlich nicht zurückentwickeln. Die Attraktivität Berlins wird sicherlich nicht zurückgehen. Wir gehen vielmehr fest davon aus, dass es Berlin in stärkerem Maße gelingen wird, seine Potenziale zu nutzen. Dies wird sich auch in harten Faktoren wie der Entwicklung des BIP und des Pro-Kopf-Einkommens niederschlagen.

Was macht Berlin interessant für Menschen mit Migrationshintergrund?

Die kulturelle Vielfalt und die Offenheit der Bevölkerung.

Und umgekehrt, was macht Menschen mit Migrationshintergrund interessant für die Berliner Wirtschaft?

Die Berliner Wirtschaft profitiert von dem, was die Menschen mitbringen, von den Angeboten, die sich aus dieser Vielfalt ergeben, und aus der guten Zusammenarbeit auch zwischen deutschen und ausländischen Unternehmern.

Können Sie da ein Beispiel nennen?

Unternehmen, die sich beispielsweise stärker in Polen engagieren wollen, profitieren selbstverständlich von den entsprechenden Sprach- und Landeskenntnissen polnischer Mitarbeiter. Die Vielfalt der Nationalitäten in Berlin ist ein Vorteil für die Unternehmen, der mit zunehmenden internationalen Verflechtungen noch mehr zum Tragen kommen wird.


Das Interview führte Margret Karsch.


Nachdruck unter Quellenangabe (Margret Karsch / Berlin-Institut) erlaubt.

 

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