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Mangelnde Akzeptanz, schlechte Infrastruktur, kaum Finanzierung

Foto: enpact e.V.

Interview mit Sebastian Rubatscher vom Verein enpact über die Probleme des Unternehmertums in Nordafrika.

 

In einer Interviewreihe hat das Berlin-Institut Menschen aufgesucht, die mit der Beschäftigungskrise in Afrika und dem Nahen Osten unmittelbar in Berührung kommen. Das zweite Interview in der Reihe haben wir mit Sebastian Rubatscher, Gründer des Vereins enpact, geführt.

Der Verein enpact organisiert unter anderem ein Mentoring-Programm, bei dem ägyptische, tunesische, jordanische und marokkanische Neugründer mit österreichischen und deutschen Start-ups zusammenkommen. Die jungen Unternehmer tauschen sich über Probleme und Lösungen auf dem Weg zum Erfolg aus. Dabei steht ihnen ein Mentor beratend zur Seite. In Workshops erlernen sie darüber hinaus wertvolle Fähigkeiten vom Entwurf eines Businessplans bis hin zur überzeugenden Vorstellung des eigenen Projekts bei einem Investor (in der Start-up-Szene „Pitch“ genannt). Sebastian Rubatscher und sein Team haben bereits 57 Teilnehmer begleitet, die zusammen mehr als 2.000 Arbeitsplätze geschaffen haben. Im Interview mit dem Berlin-Institut beschreibt er den Werdegang seiner Teilnehmer, zeichnet die Lage des Unternehmertums in der Mena-Region und erklärt, wie man Gründer besser unterstützen könnte.

 

Wie hat sich die Unternehmer-Landschaft gewandelt, seitdem Sie in der Region arbeiten?

 

Enorm. Heute redet man in den Ländern über Unternehmertum. Start-ups werden bekannter. Es gibt viele Konferenzen und Veranstaltungen, bei denen Start-ups regelmäßig zusammenkommen. Das Schöne ist, dass es sich dabei um lokale Initiativen handelt, die von selbst entstanden sind. Auch in unseren Bewerberzahlen zeigt sich die gesteigerte Anziehungskraft des Unternehmertums. 2014 zählten wir 300 Bewerber. In diesem Jahr rechnen wir mit über 500. Außerdem werden die Bewerbungen qualitativ besser. Gerade in Tunesien und Marokko, wo wir immer Sprachprobleme hatten, lernen die jungen Leute inzwischen teilweise wirklich gutes Englisch an den Unis. Auch die Geschäftsideen sind besser. 80 Prozent der tunesischen Bewerbungen im ersten Jahr konnte man in die Tonne werfen, heute vielleicht noch 40 Prozent und der Rest ist häufig richtig gut.

 

Was ist aus den ganzen Unternehmen geworden, die Sie betreut haben?

 

80 bis 90 Prozent unserer Start-ups gibt es noch. Außerdem hat sich die Zahl der Beschäftigten deutlich erhöht. Besser noch: Die Start-ups sind alle gewachsen. Im Jahr 2013 hatten sie im Schnitt 5,6 Mitarbeiter, ein Jahr darauf 9 und heute sind wir bei über 10. Und dabei entstehen keine Blue-Collar-Jobs am Fließband, sondern Jobs für Akademiker. Das sind die Arbeitsplätze, die am Ende wirklich etwas bewirken.

 

Wo liegen die größten Probleme für das Unternehmertum?

 

Die kulturelle Akzeptanz von Unternehmertum ist noch nicht wirklich da. Oft dürfen die Familien gar nicht wissen, dass ihre Kinder gründen. In der Oberschicht, aus der die meisten Gründer kommen, gilt weiterhin das Credo: „Du musst Arzt oder Anwalt werden, du musst in ein großes Unternehmen oder in den öffentlichen Dienst gehen.“ Wenn die Kinder dieser Familien dann plötzlich Risiken eingehen, im Zweifelsfall sogar das Geld der eigenen Familie aufs Spiel setzen, kommt das nicht gut an. Manchen Eltern fällt es leichter, zu sagen, ihr Kind sei arbeitslos, als zu erzählen, die Tochter oder der Sohn habe ein Start-up gegründet. Das Thema Familie ist so wichtig, dass wir überlegen, in Kairo einen „Mami-Roundtable“ einzurichten, an dem die Eltern der Gründer zusammenkommen und ihre Probleme ansprechen können.

 

Ein weiteres großes Problem ist die Infrastruktur. Besonders in Tunesien ist das eine Katastrophe. Als wir dort angefangen haben, gab es einen klitzekleinen Co-Working-Space, der 30 Quadratmeter groß war. Es gab Gründungszentren an Universitäten, die aussahen wie Krankenhauszimmer. Da will man nicht gründen. Viele unserer Gründer klagen auch über Bürokratie. Je nachdem, was sie auf den Markt bringen wollen, kann es extrem lange dauern, bis sie alle Genehmigungen für die Geschäftsgründung zusammenhaben.

 

Nicht zuletzt ist die Finanzierung schwierig. Das Investitionsklima in den Ländern ist so schlimm, dass kaum jemand aus dem Westen in ein ägyptisches Start-up investieren würde. Um das zu umgehen, registrieren viele ägyptische Start-ups ihre Firmen in Europa.

 

Was würde den Start-ups in diesen Ländern helfen, diese Hürden zu umgehen?

 

Was die Finanzierung betrifft, wäre es gut, einen Fonds aufzusetzen, der den Zugang zu Geld erleichtert. Aus dem amerikanischen Raum gibt es diesbezüglich bereits einige ganz gute Initiativen. Aber auch innerhalb der Länder könnte mehr passieren. Die großen Familienunternehmen übernehmen bislang kaum Verantwortung für die nachwachsende Generation und stecken so gut wie kein Geld in Neugründungen. Es würde den Unternehmern außerdem helfen, wenn unabhängige, nicht-staatliche Start-up-Verbände entstehen würden. Diese könnten über Unternehmertum aufklären und zeigen, was man als Neugründer tun kann, wo Risiken lauern und wo es gute Anlaufstellen gibt.

 

Was die Infrastruktur betrifft, braucht es ebenfalls Initiativen. Wir bauen in Tunesien gerade ein Start-up-Haus für 70 Gründer auf. Dort können sie sich untereinander austauschen und in Kontakt mit erfahrenen Personen und Organisationen kommen. Es wird unterschiedliche Treffen geben, bei denen zum Beispiel Leute von der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit ihre Projekte vorstellen, Vertreter von Investitionsbanken erklären, wie sich Start-ups auf Gelder bewerben können und so weiter.

 

Wie könnten internationale Geldgeber das Unternehmertum in diesen Ländern unterstützen?

 

Die Hilfe aus den Geberländern ist schlecht koordiniert, sowohl von deutscher als auch von europäischer Seite aus. Zurzeit fließen Millionen von Euro nach Tunesien. An sich ist das nicht schlecht. Doch keiner weiß, was wirklich benötigt wird: Brauchen die potenziellen Unternehmer Beratung, brauchen sie ein Gebäude, in dem sie ihre Ideen umsetzen können oder vielleicht etwas ganz anderes? Zurzeit planen wir ein Projekt, das wir Start-up-Meter nennen. Damit wollen wir ermitteln, was in den einzelnen Ländern bereits vorhanden und was noch nötig ist, damit sie gründerfreundlicher werden.

 

Das Interview führte Ruth Müller am 05.01.2016.

Nachdruck unter Quellenangabe (Müller, Berlin-Institut) erlaubt.

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