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Interview mit Prof. Dr. Stefan H.E. Kaufmann

Copyright: Stefan Kaufmann

Der Immunologe Stefan H.E. Kaufmann, geboren 1948, ist Gründungsdirektor des Max-Planck-Instituts für Infektionsbiologie in Berlin. Einer seiner Forschungsschwerpunkte liegt in der Entwicklung von neuen Medikamenten und einem verbesserten Impfstoff gegen Tuberkulose. 2008 veröffentlichte er mit "Wächst die Seuchengefahr?" ein auch für Laien verständliches Standardwerk über globale Epidemien in einer vernetzten Welt. Kaufmann gehört dem wissenschaftlichen Beirat des Berlin-Instituts an.

 

Noch vor wenigen Jahrzehnten dachte man, durch Viren oder Bakterien verursachte übertragbare Krankheiten gehörten endgültig der Vergangenheit an. Dann kam HIV/AIDS. Es gab Ausbrüche neuer Erreger wie Ebola oder SARS. Aktuell geht die so genannte Schweinegrippe um die Welt. Wie kommt es, dass Infektionskrankheiten wieder auf dem Vormarsch sind?

 

In den Entwicklungsländern waren sie nie verschwunden. In den 1960er Jahren, als man tatsächlich glaubte, die Seuchen besiegt zu haben, lagen die Entwicklungsländer außerhalb des Blickfeldes. Mit der Globalisierung und zunehmender Migration ist das anders geworden. Nicht nur Menschen und Waren reisen heute um die Welt, auch Krankheitserreger.

Zudem hat die Menschheit neue Erregerherde geschaffen: Erstens mit der industrialisierten Massentierhaltung, zweitens durch vermehrte Kontakte zu Wildtieren, etwa bei Waldrodungen in Entwicklungsländern. Von den 30 bis 40 neuen Infektionskrankheiten, die in den letzten 30 Jahren aufgetaucht sind, einschließlich der neuartigen Grippetypen, werden 70 Prozent vom Tier auf den Menschen übertragen. Krankheitserreger sind die großen Gewinner der Globalisierung.

 

Die Pest tötete im Mittelalter ein Viertel bis ein Drittel der Europäer, die Spanische Grippe von 1918 bis 1920 weltweit rund 50 Millionen Menschen. HIV/AIDS hat in gut 25 Jahren 25 Millionen dahingerafft. Welche Effekte haben diese Seuchen?

 

Infektionskrankheiten begleiten die Menschen seit Beginn ihrer Existenz. Seuchen gibt es erst, seit die Menschen sesshaft wurden, Vieh hielten und in Ansiedlungen dichter zusammen lebten. Die Pest bedeutete nicht nur einen demografischen Einschnitt. Sie dezimierte hauptsächlich die arbeitsfähige Bevölkerung zwischen zehn und 50 Jahren. Das hat wahrscheinlich den Wert des Einzelnen als Arbeitskraft erhöht und der katholischen Kirche einen Teil ihrer Einkommensbasis entzogen, den Zehnten, den die Bauern abzuliefern hatten. Das ebnete der Reformation den Weg - und den Glaubenskriegen. 

 

Gibt es solche Effekte auch heute noch?

 

HIV/AIDS trifft heute vor allem die wirtschaftlich aktive Bevölkerung. In Ländern wie Malawi, wo in manchen Dörfern nur noch Großmütter und Waisenkinder leben, lässt sich kaum noch eine funktionierende Gesellschaft aufrecht erhalten, erst recht keine Wirtschaft. In Botswana werden häufig zwei Personen für eine Stelle eingestellt, um die hohen Ausfälle auszugleichen. Das hemmt jede Entwicklung. Die hohen Geburtenziffern, die solche Länder häufig aufweisen, gehen mit schlechten gesundheitlichen Bedingungen und geringen Bildungschancen einher.

 

Welche wirtschaftlichen Folgen hat das?

 

Die Bedeutung der Infektionskrankheiten lässt sich am besten anhand des Verlustes an Lebenszeit in Gesundheit ermessen, die der Menschheit durch Krankheitszeiten, Behinderungen und frühzeitigen Tod entstehen: "Disability adjusted life years", abgekürzt DALYs. Die drei großen Seuchen AIDS, Tuberkulose und Malaria bringen es jährlich zusammen auf 166 Millionen verlorener Lebensjahre. AIDS allein macht davon gut die Hälfte aus.

 

Welche Infektionskrankheiten folgen in der "Rangliste" nach AIDS, Tuberkulose und Malaria?

 

Atemwegsinfektionen, zu denen auch die Grippe zählt, verursachen gute 95 Millionen verlorener Lebensjahre. Der Schaden, den allein die Grippe der US-Wirtschaft zufügt, wird auf insgesamt 90 Milliarden US-Dollar jährlich geschätzt. Es folgen Durchfallerkrankungen mit 62 Millionen DALYs. Das zeigt, dass auch nicht tödlich verlaufende Infektionskrankheiten einen enormen Einfluss haben - auch in den Industrieländern.

 

Die großen Seuchen sind dennoch sehr ungleich über die Welt verteilt.

 

Die drei großen "Killer" HIV, Tuberkulose und Malaria sind vor allem in Afrika und Südostasien verbreitet, wobei Tuberkulose häufig als Begleitinfektion bei AIDS-Kranken auftritt. Malaria tötet überwiegend Kleinkinder. Auch von den Durchfallerkrankungen sind die Entwicklungsländer am stärksten betroffen, und wiederum vor allem Kleinkinder. 

Hinzu kommen in den ärmsten und abgelegensten Regionen Tropenkrankheiten wie Bilharziose oder Kala-Azar. Da sie keine globale Bedrohung darstellen, werden sie von der Weltöffentlichkeit als "vernachlässigte Krankheiten" meist übersehen. 

Leicht vergessen wird auch, dass die meisten Kinder in Entwicklungsländern mit Würmern infiziert sind. Das schwächt ihre Gesundheit, unter anderem, weil sie leichter angreifbar sind für Bakterien und Viren. Der schlechte Allgemeinzustand beeinträchtigt überdies ihre Lernfähigkeit.

HIV-Infektionen sind auch in den baltischen Staaten, die inzwischen EU-Mitglieder sind, und in Russland überdurchschnittlich häufig, eingeschleppt unter anderem von ehemaligen Sowjetsoldaten, die sich in Afghanistan mit mehrfach benutzten Drogen-Injektionsnadeln angesteckt hatten. 

 

Welche Mittel gibt es gegen diese Plagen in den Entwicklungsländern?

 

Mit einfachen nichtmedizinischen Maßnahmen ließe sich in den Entwicklungsländern schon viel erreichen: Sauberes Wasser bietet die wirksamste Prävention gegen Durchfallerkrankungen. Bettnetze, am besten mit Insektiziden imprägniert, schützen vor Stechmücken, die Malaria übertragen. Und Kondome bieten nahezu vollständigen Schutz vor HIV-Ansteckung - wenn die Menschen ausreichend informiert sind und Zugang zu diesen Mitteln erhalten. Dazu müsste außerdem eine größere Selbstbestimmung für Frauen kommen. 

 

Was können wir tun, um die globale Bedrohung durch neue Infektionskrankheiten einzudämmen?

 

Auf jeden Fall müssen wir unsere Haltung zum Fleischkonsum überdenken. Schweine und Hühner, unsere beliebtesten Nahrungslieferanten, sind gleichzeitig bedeutende Reservoire für Erreger, die potenziell auch Menschen krank machen oder töten können. Je dichter die Tiere beieinander und bei den Menschen leben, desto leichter verbreiten sich diese Viren. 

Ein weiteres Problem liegt in der allzu leichtfertigen Verwendung von Antibiotika in der Medizin, und noch mehr in der Tierzucht, wo sie nicht nur zur Vorbeugung und Behandlung von Krankheiten eingesetzt werden, sondern auch als Leistungsförderer. In der EU ist dies glücklicherweise einigermaßen unter Kontrolle, aber weniger in den USA und gar nicht in asiatischen Fischfarmen. Dadurch entwickeln Bakterien Resistenzen, das heißt, die Antibiotika verlieren ihre Wirkung bei ernsthaften Erkrankungen. 

 

Wo sind der Forschung Durchbrüche gelungen, wo sind künftig Erfolge im Kampf gegen Infektionskrankheiten zu erwarten?

 

Gegen Malaria gibt es heute immerhin den neuen Wirkstoff Artemisinin. Allerdings setzt man es begrenzt ein, da sich bereits erste Resistenzen gezeigt haben. An einer Art Impfstoff dagegen arbeitet die Wissenschaft noch, ebenso an der Impfung und neuen Medikamenten gegen die Tuberkulose, deren Erreger immer häufiger gegen die herkömmlichen Medikamente resistent sind.

Wo künftig Durchbrüche gelingen, ist schwer vorauszusagen. Wissenschaft und Industrie sind darauf angewiesen, dass die Gesellschaft Anreize setzt und Schwerpunkte vorgibt. Die Gates-Stiftung fördert zum Beispiel ein Projekt zur biotechnologischen Synthese von Artemisinin. 

Die jetzige Grippe-Pandemie verleiht vielleicht der Entwicklung eines Impfstoffes gegen alle Influenza-Stämme den notwendigen Anschub. Immunologen wissen, dass auch Teile von Grippeviren, die sich längst nicht andauernd verändern wie die bisher genutzten Oberflächenproteine, das "Gedächtnis" unseres körpereigenen Abwehrsystems anregen können. Es wäre also möglich, einen universellen Grippe-Impfstoff herzustellen. Nur war es für die Industrie bisher attraktiver, jedes Jahr eine neue Vakzine für den jeweils aktuellen Erreger auf den Markt zu bringen.

 

Das Interview führte Sabine Sütterlin.

Nachdruck unter Quellenangabe (Sabine Sütterlin / Berlin-Institut) erlaubt.

 

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