Facebook
Twitter

Bildung macht den Unterschied

Anfang Februar 2018 findet die Finanzierungskonferenz der Globalen Bildungspartnerschaft in Dakar statt. Vorab haben wir mit Stephan Exo-Kreischer, Direktor von ONE Deutschland, über die Bedeutung von Bildung und die dafür notwendigen finanziellen Mittel gesprochen.

Als internationale Lobby- und Kampagnenorganisation setzt sich ONE dafür ein, extreme Armut weltweit zu beenden. Welche Bedeutung hat das Thema Bildung dabei? Wie ist ONE in diesem Bereich aktiv?

Bildung ist ein Schlüssel zur Armutsbekämpfung – sie ist die Grundlage für viele entwicklungspolitische Ziele wie bessere Gesundheit, bessere Ernährung, Bekämpfung von Armut, und Gleichberechtigung. Bei ONE konzentrieren wir uns insbesondere auf die Stärkung von Mädchen, denn derzeit haben weltweit über 130 Millionen Mädchen keinen Zugang zu Bildung. Je ärmer ein Land ist, desto schwerer haben es Mädchen. In Subsahara-Afrika wird dieser sogenannte Gendergap besonders deutlich. Dort gehen 51 Millionen Mädchen nicht zur Schule – 6 Millionen mehr als Jungen! Das ist kein statistischer Zufall, sondern hat strukturelle Gründe. Wir müssen dahin kommen, dass Mädchen den gleichen Zugang haben wie Jungen. 


Was wären die Folgen für die Mädchen?

Mit besserer Bildung verdienen sie später deutlich mehr Geld und investieren dieses meistens sinnvoll in ihre Familie und ihre Gemeinschaften. Hätten Mädchen den gleichen Bildungszugang wie Jungen, brächte das Entwicklungsländern Mehreinnahmen im Gegenwert von mindestens 112 Milliarden US-Dollar pro Jahr. Mädchen zu stärken ist also nicht nur moralisch der richtige Ansatz, sondern auch strategisch klug. Darauf machen wir in unserer Kampagne „Armut ist Sexistisch!“ und in verschiedenen Berichten deutlich. 


Was fordert ONE von den Regierungen der Geberländer um die Bildungskrise in Afrika zu überwinden?

Wenn wir es schaffen wollen, dass alle Kinder eine Schule besuchen, müssen sich die internationalen Ausgaben für Bildung insgesamt bis 2020 verdoppeln. Entwicklungshilfe spielt dabei eine sehr wichtige Rolle und die Geberländer müssen die Investitionen in Bildung deutlich erhöhen. Die aufgestockten Mittel müssen die Primar- und Sekundarbildung priorisieren. Sie bilden die Basis dafür, dass die Kinder später im Leben einen Beruf erlernen und langfristig zum Wohlstand ihrer Gesellschaft beitragen können.  


Und was müssen die afrikanischen Länder selbst tun?

Die Regierungen Afrikas stehen natürlich auch in der Pflicht. Sie sollten 20 Prozent ihres jährlichen Budgets für Bildungsinvestitionen aufwenden – das fordern auch andere Partner in der internationalen Bildungszusammenarbeit wie die Globale Bildungspartnerschaft. Darüber hinaus sollte der Effekt der Investitionen genau geprüft werden, um die Wirksamkeit und Chancengleichheit von Bildungssystemen zu erhöhen. Wie bereits beschrieben, ist es aber auch wichtig, insbesondere die Hürden für Mädchen abzubauen, damit sie ihre Schuldbildung erfolgreich abschließen können. Dazu zählen zum Beispiel kulturelle Normen, sexualisierte Gewalt, die den Mädchen insbesondere in Konfliktgebieten begegnet, und die Kosten. Selbst, wenn Mädchen eine Grundschule abschließen, entscheiden sich arme Eltern im Zweifel eher dafür, die Jungen auf eine weiterführende Schule zu schicken. Den Mädchen bleibt dann meist nur der Haushalt oder die – oft frühzeitige – Heirat. Wir brauchen neben mehr Investitionen also auch politische Reformen bis auf die lokale Ebene, um die Hürden für Mädchen aus dem Weg zu räumen. 


2017 trafen Politiker internationaler Geberländer und ihre afrikanischen Kollegen bei unterschiedlichen Foren aufeinander, etwa beim G20-Gipfel in Hamburg oder dem EU-Gipfel mit der Afrikanischen Union in Abidjan. Welche Rolle spielte Bildung bei diesen Treffen und wie bewerten Sie deren Ergebnisse?

Das G20-Treffen in Hamburg wurde leider thematisch dominiert von den Ausschreitungen in der Innenstadt. Viel Aufmerksamkeit wurde auch dem neuen US-Präsidenten zuteil. Im finalen G20-Communiqué wurde allerdings sowohl ein innovativer Finanzierungsmechanismus für Bildung erwähnt als auch die beiden Bildungsfonds „Globale Bildungspartnerschaft“ (GPE) und „Education Cannot Wait“ (ECW). Die Erwähnung ist ein zaghafter Schritt in die richtige Richtung, aber auch nicht mehr. Hier sind die G20 konkrete Antworten und Maßnahmen schuldig geblieben. Betrachtet man das von der deutschen Präsidentschaft ausgegebene Ziel, eine neue Partnerschaft mit Afrika einzugehen, so war der G20-Gipfel insgesamt eher eine Enttäuschung. 


Was hat Ihnen auf den beiden Gipfeln denn gefehlt? 

Es wurden viele Gelegenheiten verpasst – dabei lagen noch nie so viele Themen zur Armutsbekämpfung auf dem Tisch. Die „Compacts mit Afrika“ sind weit hinter den Erwartungen zurückgeblieben. Weder wurden fragile Staaten in diesen Partnerschaftsabkommen aufgenommen, in denen die meisten Menschen in extremer Armut leben, noch gab es einen konkreten Fahrplan, wie die Initiative nach dem Hamburger Gipfel weiter geführt wird. Bei dem EU-Gipfel mit der Afrikanischen Union hat es außer der hastig beschlossenen Vereinbarung zu Libyen keine neuen Impulse zur nachhaltigen Verbesserung der Lage in Afrika gegeben – und das trotz des offenkundigen Investitionsbedarfs in Bildung, Beschäftigung und gesellschaftlicher Beteiligung.  


Im Februar 2018 werden Frankreich und Senegal gemeinsam die Finanzierungskonferenz der Globalen Bildungspartnerschaft in Dakar ausrichten. Welche (finanziellen) Zusagen sollte Deutschland dort machen?

Die GPE hat sich zum Ziel gesetzt, Entwicklungsländer dabei zu unterstützen, ihre Bildungssysteme zu verbessern. Damit soll insbesondere Kindern eine Bildung ermöglicht werden, die von Armut oder Konflikten bedroht sind. Für dieses Ziel veranschlagt die GPE einen Finanzbedarf von vier Milliarden US-Dollar bis 2020. Ab 2018 will die Bundesregierung die Globale Bildungspartnerschaft mit neun Millionen Euro im Jahr finanzieren. Das entspricht lediglich 0,67 Prozent der Gesamtfinanzierung. Gemessen an seiner Wirtschaftskraft läge ein fairer deutscher Beitrag bei 7,9 Prozent, was 100 Millionen Euro jährlich entspricht. Zusammen mit anderen Entwicklungsorganisationen fordern wir darum die Bundesregierung auf, die GPE mit diesem fairen Beitrag zu unterstützen.  


Wie wird ONE 2018 dafür sorgen, dass dem Thema Bildung mehr Aufmerksamkeit wiederfährt?

Ein wichtiger Moment, um auf das Thema globale Bildung aufmerksam zu machen, ist tatsächlich die Finanzierungskonferenz der Globalen Bildungspartnerschaft. Derzeit laufen hierzu die Drähte bei uns heiß. Wir sind sowohl im Gespräch mit den politischen Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträgern, machen auf das Thema in unserer Pressearbeit aufmerksam und üben über unsere sozialen Kanäle Druck für politische Maßnahmen aus. Das Ziel muss sein, dass alle die Chance einer hochwertigen Bildung bekommen. Mit dem 2. Februar endet unsere Lobby- und Kampagnenarbeit zu Bildung natürlich nicht. Sowohl während der anstehenden Koalitionsgespräche als auch während der Haushaltsverhandlungen im Bundestag werden wir weiterhin alles dafür tun, dass das Thema globale Bildung auf den Tisch kommt. Wir können es uns nicht leisten, nicht darüber zu sprechen. 


Das Interview führte Alisa Kaps. 
Nachdruck unter Quellenangabe (Alisa Kaps/ Berlin-Institut) erlaubt.

Europa als Ziel?

Die Zukunft der globalen Migration

Atlas der Globalisierung

mit Beiträgen von Alisa Kaps, Tanja Kiziak, Reiner Klingholz, Manuel Slupina und Sabine Sütterlin

Von individuellen und institutionellen Hürden

Der lange Weg zur Arbeitsmarktintegration Geflüchteter

Afrikas demografische Vorreiter

Wie sinkende Kinderzahlen Entwicklung beschleunigen