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„Geld alleine schaft keine Arbeitsplätze.“

In unserer Reihe zur Lage der Jugend in Nahost und Afrika hat das Berlin-Institut ein Interview mit Thomas Bedenbecker von der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) geführt. Er war viele Jahre im westafrikanischen Niger tätig – mit einem Bruttoinlandsprodukt pro Kopf von nicht einmal 900 US-Dollar nicht nur das fünftärmste Land der Erde, sondern auch der Staat mit der weltweit höchsten Fertilitätsrate. Niger dürfte bis 2050 eine Verdreifachung seiner Bevölkerung erleben.


Frauen in Niger haben die höchsten Kinderzahlen der Welt, das Bevölkerungswachstum ist enorm, das Land extrem arm. Wie sieht das Leben der meisten Menschen in Niger aus?

Niger ist ein riesiger Flächenstaat, dessen Norden und Osten aus Fels- und Sandwüste bestehen (Sahara), während der Süden und Westen zur Sahelzone gehören. Dort konzentriert sich auch der größte Teil der Bevölkerung. Diese umfasst aktuell etwa knapp 20 Millionen Einwohner. Die wirtschaftliche Grundlage der allermeisten Nigrer ist die Landwirtschaft in Form von Regenfeldbau, Kleinbewässerung in Oasen oder aus Tiefbrunnen und Bohrungen. Tierhaltung erfolgt vor allem durch Nomaden. Die jährlichen Niederschläge schwanken stark. Auf Jahre, in denen die jährlichen Niederschläge eine leichte Überschussproduktion der Grundnahrungsmittel Hirse und Mais erlauben, folgen unausweichlich Dürreperioden. Während dieser Zeit muss das Land auf seine Reserven sowie auf Importe und Nahrungsmittelhilfe aus dem Ausland zurückgreifen. Niger exportiert Rohstoffe wie Uran, Erdöl, Kohle, Eisen und Gold. Die Erlöse hieraus sind aber im internationalen Vergleich nur bescheiden. Die private Wirtschaft ist sehr schwach, klein, kaum diversifiziert, schafft kaum Arbeitsplätze und spielt als Motor der Entwicklung nur eine geringe Rolle.

Welche Qualifikationen bringen die Menschen in Niger mit?

Was das Bildungsniveau der Bevölkerung angeht, ist Niger eines der Schlusslichter im innerafrikanischen Vergleich: nur 16 Prozent aller Erwachsenen zwischen 25 und 64 Jahren können lesen und schreiben! Zwar hat sich die Einschulungsrate der Kinder in den letzten Jahren deutlich verbessert, aber viele der Schüler, vor allem der Mädchen, brechen den Schulbesuch innerhalb der ersten vier Jahre wieder ab. Verbessert haben sich in den letzten Jahren auch die Indikatoren im Gesundheitswesen. Das Land hat aber weiterhin die höchste Wachstumsrate der Bevölkerung von jährlich rund vier Prozent. Durchschnittlich bringt jede nigrische Frau 7,6 Kinder zur Welt!

Jedes Jahr drängen in Niger 600.000 neue junge Menschen auf den Arbeitsmarkt. Wie sieht ihr Alltag aus?

Diese jungen Menschen haben kaum Chancen, eine Anstellung zu finden. Im Jahre 2012 gab es im gesamten Land nur rund 150.000 formale Arbeitsplätze, von denen 95.000 von der privaten Wirtschaft aufgebracht wurden und der Rest vom öffentlichen Dienst. Im Jahr 2013 registrierte das nationale Arbeitsamt ANPE nur 8.600 neue Stellenangebote. Dies ist aber nur ein Teil der Wirklichkeit: Erheblich mehr Arbeitsstellen gibt es im informellen Sektor. Diese aber bieten keinerlei soziale Absicherung wie Kranken- und Rentenversicherung oder Kündigungsschutz.

Was bedeutet dieser Arbeitsmarkt für die jungen Nigrer?


Auch unter Einschluss der Schattenwirtschaft ist das Missverhältnis zwischen bestehenden Arbeitsplätzen und der hohen Zahl von Jugendlichen, die in jedem Jahr neu auf den Arbeitsmarkt kommen, eklatant. Der Großteil der Jugendlichen versucht, sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser zu halten und wandert dafür in die Städte ab. Viele von ihnen wandern auch ins Ausland aus. Traditionell gibt es in Niger zwei Wanderungsbewegungen ins Ausland: einmal die saisonale Migration, bei der hauptsächlich junge Männer für einen begrenzten Zeitraum in die Küstenländer Westafrikas wandern, um auf den dortigen Plantagen zu arbeiten. Sie kehren anschließend in ihre Heimatregion zurück und können mit dem verdienten Geld den Brautpreis bezahlen, heiraten und ihre eigene Wohnunterkunft bauen. Die andere Migrationsbewegung zieht junge Männer und Frauen in die arabischen Nachbarländer im Norden, nach Algerien und Libyen. Bisher ziehen nur sehr wenige Nigrer von dort aus weiter nach Europa.

Was müsste in Niger getan werden, damit Arbeitsplätze entstehen? Woher könnten die dafür notwendigen Unternehmen kommen und was könnten oder sollten der Staat und die internationale Zusammenarbeit tun, um sie zu unterstützen? Würde dies helfen, Fluchtursachen zu bekämpfen?

Eins ist klar: Geld alleine schafft keine Arbeitsplätze. Diese entstehen nur, wenn einheimische und ausländische Unternehmer Mitarbeiter benötigen, um ihr Geschäft betreiben zu können. Eine ganze Reihe von Faktoren führt dazu, dass das Land im Wettbewerb mit den anderen Wirtschaften Westafrikas nur sehr schlecht abschneidet: Das Land hat keinen Zugang zum Meer. Aus diesem Grund müssen alle Importgüter, die nicht per Luftfracht hereinkommen, per LKW über mehr als 1.000 Kilometer von einem der Häfen in Benin, Togo, Ghana oder gar der Elfenbeinküste transportiert werden. Dies macht alle Importe, egal ob Rohstoffe, weiterverarbeitete Waren oder Investitionsgüter, enorm teuer. Außerdem ist der Absatzmarkt im Niger nur sehr klein und verfügt nur über wenig Kaufkraft.

Kann der Staat dazu beitragen, dass Unternehmen und damit Arbeitsplätze entstehen?


Unternehmer werden auch abgeschreckt durch überbordende staatliche Auflagen und Vorschriften, eine aufwändige Verwaltungsbürokratie, eine unzureichende Energieversorgung. Es gibt häufig oft mehrere Tage dauernde Stromausfälle. Hinzu kommt das schlechte Bildungsniveau der Bevölkerung, das dazu führt, dass es so gut wie keine spezialisierten Arbeitskräfte auf dem Markt gibt, sondern nur solche, die angelernt werden müssen. Alle genannten Faktoren sind Ansatzpunkte für eine Verbesserung des Investitionsklimas, welches neue Arbeitsplätze schaffen würde. Diese Herausforderungen sind sehr groß und sicher nicht kurzfristig erreichbar. Nur wenn es gelänge, diese anzugehen, könnten mittelfristig junge Nigrer motiviert werden, im Lande zu bleiben, anstatt ins Ausland abzuwandern!

Selbst wenn Ansätze zur Stärkung der Wirtschaft greifen, dürfte es schwierig werden, die nigrische Bevölkerung kurzfristig mit der immensen Zahl benötigter Jobs zu versorgen. Wie kann das Land damit umgehen? Könnte Migration dazu beitragen, den jungen Menschen zu einer besseren Perspektive zu verhelfen und das Land voran zu bringen und, wenn ja, wie müsste diese organisiert sein?

Es gibt keine kurzfristige Perspektive für eine Stärkung der Wirtschaft und die nachhaltige Entstehung neuer Arbeitsplätze. Auch langfristig wird in Niger keine Vollbeschäftigung zu erreichen sein. Auch in Zukunft wird es Migration aus dem Niger heraus geben. Wir müssen davon ausgehen, dass diese wegen des enormen Bevölkerungsdrucks sogar stark zunehmen wird. Vermutlich wird die erwähnte saisonale Migration in die Küstenländer zunehmen, ebenso diejenige in die nördlichen arabischen Nachbarländer. Eine Stabilisierung der wirtschaftlichen und der politischen Verhältnisse in Libyen, Algerien und auch Tunesien würde die „Sogwirkung“ diese Länder für Migranten aus Niger verstärken. Auch die Migration der Nigrer nach Europa wird stark zunehmen.

Bisher hat sich das Land nicht festgelegt, wie es damit umgehen will. Es gibt keine nationale Migrationsstrategie, die herausgearbeitet hätte, wie Niger von diesen Wanderungsbewegungen profitieren und sie nutzen könnte, um das Land wirtschaftlich voranzubringen. Die Erfahrungen in anderen Ländern Westafrikas haben klar gezeigt, dass die Herkunftsländer in mehrfacher Hinsicht von Migration profitieren können durch finanzielle Rücküberweisungen der Migranten an die Familien und die örtlichen Gemeinschaften, aber auch das mitgebrachte Know-how und die im Ausland gewonnen beruflichen Kompetenzen und Qualifikationen im Falle ihrer Rückkehr ins Heimatland.

Wie gestaltet sich die Migration bisher? Ist sie für junge Menschen eine echte Option? Wenn ja, wie planen sie ihre Reise? Wohin gehen sie und wie finanzieren sie ihr Vorhaben?

Der Entschluss zur Migration ist häufig keine individuelle Entscheidung einer Einzelperson, sondern basiert auf Entscheidungen, die von der größeren Familie getroffen werden. Diese wählt häufig aus, wer sich auf Wanderung begibt und wohin er sich zu begeben hat. Dabei spielen die Erfahrungen anderer junger Leute aus der Region eine wichtige Rolle: Wer hat wo Erfolg gehabt, wie ist er dorthin gekommen, wie gefährlich war die gewählte Route? Die Familie steuert auch den größten Teil der absehbaren Kosten bei. Der Rest ist dann oft kreditfinanziert. Schon alleine deshalb sind die jungen Migranten verpflichtet, die daheimgebliebene Familie vom Ausland aus finanziell durch Rücküberweisungen zu unterstützen.

Niger ist mit seiner langen Grenze zu Libyen auch ein Durchgangsland für Migration. Wie geht das Land damit um – innerhalb des Landes und an den Grenzen?

Niger ist ein Durchgangsland für Migranten aus anderen west- und zentralafrikanischen Ländern. Die Wanderungsströme ziehen entweder nach Libyen oder nach Algerien weiter. Wie viele dieser Durchgangsreisenden dann weiter nach Europa ziehen, lässt sich im Niger selber nicht mit Sicherheit ermitteln: Einige der Reisenden bleiben in Algerien oder Libyen, andere werden von einem der genannten Länder ausgewiesen und kehren wieder nach Niger zurück, um von dort aus in ihre Ursprungsländer weiterzureisen. Wieder andere sehen sich gezwungen, ihre Migrationspläne aufzugeben und umzukehren. Bisher hat Niger keine nationale Migrationspolitik definiert. Offiziell fördert das Land die Migration der Angehörigen anderer afrikanischer Länder nicht. Niger möchte verhindern, dass sich Migranten aus anderen Ländern im Niger ansiedeln, dort Geld verdienen und sich in Konkurrenz zur lokalen Bevölkerung begeben. Hierbei stößt die nigrische Regierung aber auf ein Problem: Bürger aus anderen Ländern der Westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft genießen Reise- und Niederlassungsfreiheit und benötigen keine Arbeitsgenehmigung. Sie können also nicht an der Grenze abgewiesen oder ausgewiesen werden, denn dies würde einen Verstoß gegen geltendes Recht bedeuten.


Das Interview führten Reiner Klingholz und Ruth Müller im August 2016 per E-Mail.

Nachdruck unter Quellenangabe (Klingholz/Müller, Berlin-Institut) erlaubt.

 

 

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