Thomas Kopetsch

Interview mit Dr. Thomas Kopetsch, Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV), Berlin

Copyright: Dr. Thomas Kopetsch


Dr. Thomas Kopetsch (geb. 1966), studierter Diplom-Volkswirt, leitet seit 2000 die Abteilung Bedarfsplanung, Bundesarztregister und Datenaustausch der Kassenärztlichen Bundesvereinigung sowie der gemeinsamen Statistikabteilung mit der Bundesärztekammer in Berlin. Vorher war er als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl Volkswirtschaftslehre-Finanzwissenschaft der Universität Rostock tätig.

Der Gesundheitszustand der Deutschen ist im internationalen Vergleich gut, die Lebenserwartung ist hoch - und sie steigt jedes Jahrzehnt etwa um drei Jahre. Wird das so weitergehen?

Tatsächlich nimmt die Mortalität in den höheren Altersklassen sogar noch ab, insofern wird die Lebenserwartung eher noch schneller steigen.

Gibt es ein Höchstalter, das Menschen irgendwann vermutlich erreichen werden?

Die Literatur zeigt, dass das statistische Durchschnittsalter steigt. Bei einer Lebensspanne von 100 bis 120 Jahren liegt jedoch eine Obergrenze, die wohl nicht überschritten werden wird. Aber natürlich ist es äußerst bemerkenswert, dass ein immer höherer Prozentsatz der Bevölkerung ein immer höheres Alter erreicht.

Wovon hängt es denn ab, ob jemand sich dieser Obergrenze nähert?

Drei Dinge sind für die Verlängerung der Lebenserwartung verantwortlich: erstens die Verbesserung der Ernährung, zweitens die Verbesserung der hygienischen Bedingungen, und drittens der medizinische Fortschritt. Interessant ist, dass der medizinische Fortschritt nicht unbedingt die Lebenserwartung bei der Geburt erhöht, sondern die Lebenserwartung der älteren Jahrgänge.

Voraussetzung dafür ist allerdings, dass dann ausreichend Ärztinnen und Ärzte da sind, die die Älteren untersuchen und behandeln können. Ist diese Versorgung gesichert?

Gute Frage - es wird immer gesagt, im internationalen Vergleich hätten wir sehr viele Ärzte in Deutschland. Das ist wohl richtig, aber solche Vergleiche hinken auch immer: Man muss sich auch die Gesamtzahl der im Gesundheitswesen Tätigen angucken. Und dabei sieht man, dass wir in Deutschland zwar mehr Ärzte haben als in Großbritannien, dass es dort aber sehr viel mehr Krankenschwestern und anderes medizinisches Hilfspersonal gibt als in Deutschland. Da muss man die Gesamtzahl der Menschen in Gesundheitsberufen betrachten. Und hier liegt Deutschland im internationalen Vergleich nur im Mittelfeld.

Werden wir denn in Zukunft genug Ärzte haben, um den Bedarf an medizinischer Versorgung zu decken?

Bis vor ungefähr sieben Jahren hatten wir in Deutschland die Tendenz, dass gesagt wurde: "Wir haben eine Ärzteschwemme", also zu viele Ärzte. Seitdem können wir jedoch feststellen, dass Ärzte knapp werden. Das merkt man schon daran, dass im letzten Jahr fast zwei Drittel der Krankenhäuser vakante Stellen für Krankenhausärzte nicht besetzen konnten. Und im ambulanten Bereich ist es so, dass viele Ärzte in den Ruhestand gehen, ohne einen Nachfolger zu finden. Darüber hinaus hat die Zuwanderung ausländischer Ärzte in den letzten Jahren massiv zugenommen - ein Indiz dafür, dass es an Ärzten mangelt. Ärzte werden zunehmend zur beschränkenden Größe im Gesundheitswesen.

Obwohl die Bevölkerung schrumpft, brauchen wir also nicht weniger Ärzte, denn gleichzeitig werden wir älter …

... ja, diese beiden Entwicklungen des demografischen Wandels heben sich nicht auf: Ärzte werden knapp, denn im höheren Lebensalter ist der Bedarf an medizinischer Versorgung höher. Und der Ärztebedarf wird sogar noch steigen.

Wird sich auch der Facharztbedarf ändern?

Ja, allerdings betrifft dies nicht alle Fachrichtungen gleichermaßen. Die so genannten Altenversorger werden stärker benötigt werden, das sind vor allem Augenärzte, bei denen es in manchen Gegenden in Deutschland schon extrem lange Wartezeiten auf Termine gibt, oder Urologen. Auf der anderen Seite brauchen wir weniger Kinderärzte und Gynäkologen, weil die durchschnittliche Zahl der Kinder sinkt und weil Frauen in höherem Alter seltener zum Frauenarzt gehen. Und auch Hausärzte gehören zu den Ärzten, die von betagten Menschen häufig aufgesucht werden.

Warum gibt es denn zu wenige Ärzte in Deutschland - bilden wir zu wenige aus?

Es gibt fünf Entwicklungen, die zur Verknappung von Ärzten führen. Da ist erstens der medizinische Fortschritt: Die Medizin kann inzwischen Therapien realisieren, die vorher undenkbar waren. Die Therapiemöglichkeiten wandern zudem ins höhere Alter, beispielsweise wurden vor zwanzig Jahren gewisse Herzoperationen nicht an über 70-Jährigen durchgeführt, mittlerweile ist das Routine.

Der medizinische Fortschritt schafft also einen höheren Ärztebedarf - was noch?

Zweitens der demografischer Wandel, also das steigende Durchschnittsalter der Bevölkerung, und drittens die Tendenz zur allgemeinen Arbeitszeitverkürzung, die auch die Ärzte betrifft. Aufgrund von Arbeitszeitverkürzungen in Krankenhäusern werden dort mehr Ärzte benötigt. Viertens haben wir eine Feminisierung der Profession: Fast zwei Drittel der Studienanfänger sind Frauen, das wird sich fortsetzen, in den nächsten fünf, sechs Jahren wird die Frauenquote in der Ärzteschaft insgesamt 50 Prozent überschreiten. Diese beiden Faktoren, Arbeitszeitverkürzung und Feminisierung der Medizin, haben dazu geführt, dass das geleistete Arbeitszeitvolumen um knapp zwei Prozent gesunken ist - obwohl wir in der Statistik zwischen 2000 und 2007 fast sieben Prozent mehr Ärzte und Ärztinnen in Deutschland ausweisen konnten. Denn viele Ärztinnen arbeiten in Teilzeit. Der fünfte Grund, warum wir einen Ärztemangel haben, ist, dass sich der ärztliche Arbeitsmarkt ausdifferenziert hat: Früher strebten viele an, im Krankenhaus Oberarzt zu werden oder sich mit einer Praxis selbstständig zu machen. Heute arbeiten viele Mediziner in Unternehmensberatungen, in der Pharmaindustrie, in der Medizininformatik oder als Gutachter.

Und warum?

Es gibt eine Untersuchung, die dazu 5.000 Ärzte befragt hat, die entweder aus der kurativen Tätigkeit ausgestiegen sind oder ins Ausland gegangen sind. Die Befragten nannten drei Gründen: erstens die als nicht leistungsgerecht empfundene Entlohnung der ärztlichen Tätigkeit, zweitens die mangelnde Vereinbarkeit des Berufs mit Familie und Freizeit, drittens die zunehmende Belastung durch bürokratische Tätigkeiten.

Die wachsende Frauenerwerbstätigkeit insgesamt, die auch die Zahl der Ärztinnen erhöht, kann den Mangel nicht ausgleichen, weil diese oft in Teilzeit arbeiten?

Genau, es gibt eine Faustformel: Für die Lebensarbeitszeitleistung von zwei Ärzten werden drei Ärztinnen benötigt - das ist ein Faktum, aus dem man die entsprechenden Konsequenzen ziehen muss.

Gibt es regionale Unterschiede beim Ärztemangel, etwa zwischen Stadt und ländlichem Raum?

Generell lässt sich sagen: Je attraktiver eine Stadt ist, desto weniger haben die dort ansässigen Krankenhäuser Schwierigkeiten, Ärzte zu anzuziehen und zu halten, und desto weniger haben die dortigen Vertragsärzte, die ihre Praxis abgeben wollen, Schwierigkeiten, einen Nachfolger zu finden. Je ländlicher ein Gebiet beziehungsweise unattraktiver die Stadt ist, desto größer sind die entsprechenden Probleme und desto größer ist auch der Ärztemangel.

Weniger Menschen bedeuten ja nicht unbedingt einen geringeren Ärztebedarf, wenn vor allem die ältere, weniger mobile Bevölkerung in den dünn besiedelten Regionen zurückbleibt. Gibt es Lösungsansätze, um die Versorgung auch hier zu sichern? Ist etwa Schwester Agnes, die von Dorf zu Dorf fährt und als Ansprechpartnerin fungiert, ein Modell?

Die Probleme sind nicht monokausal entstanden und auch nicht so zu lösen, deshalb müssen vielfältige Ansätze diskutiert werden. Das zunächst ostdeutsche Problem haben jetzt auch westdeutsche Flächenländer wie Niedersachsen. Um eine flächendeckende medizinische Versorgung zu erhalten, wären beispielsweise Filialpraxen auf dem Land denkbar, in denen jeden Tag ein anderer Arzt aus der Stadt Dienst hat.

Wenn es zu wenig Ärztinnen und Ärzte in Deutschland gibt, aus welchen Ländern können wir dann welche anwerben?

Heute kommen die zugewanderten Ärzte vor allem aus Mittel- und Osteuropa, sprich: aus Polen, der Tschechischen Republik und der Ukraine, aber auch aus Österreich.

Wieso auch aus Österreich? Gerade dahin gehen ja viele angehende deutsche Mediziner zum Studium, weil es dort keinen numerus clausus gibt - kommen die dann auch alle zurück?

In Österreich gibt es lange Wartezeiten für Studierende, die das Studium abgeschlossen haben und nun eine Weiterbildung zum Facharzt antreten wollen. In Deutschland ist es relativ unproblematisch, eine solche Stelle zu bekommen, in Österreich müssen die angehenden Mediziner teilweise drei, vier, fünf Jahre darauf warten.

Und in Österreich gibt es keine Ärzteknappheit?

Noch nicht, die bilden noch über Bedarf aus.

Deutschland ist auf Ärzte aus dem Ausland angewiesen. Das ist zunächst ein Gewinn - entstehen daraus auch Probleme?

Es kann schwierig werden, wenn es Sprachprobleme gibt. Außerdem haben die ausländischen Ärzte auch eine andere Mentalität - und wenn es wie in manchen Krankenhäusern Ostdeutschlands 70 Prozent ausländische Ärzte gibt, dann wird es manchmal schwierig, die vielen verschiedenen Mentalitäten unter einen Hut zu bekommen.

Wohin gehen denn die deutschen Ärzte, wenn sie auswandern?

Vor allem in die Schweiz und aus Forschungsgründen auch in die USA, außerdem nach Großbritannien und in die skandinavischen Länder.

Was hat das - neben der Ärzteknappheit hierzulande - für Folgen?

Das ist aus volkswirtschaftlicher Sicht bedenklich, weil das Studium in Deutschland umsonst ist. Das Medizinstudium ist das teuerste überhaupt, es kostet 250.000 Euro. Jeder hier ausgebildete Arzt, der ins Ausland geht, bedeutet einen Export deutscher Steuergelder und einen Verlust an dringend benötigter Arbeitskraft.

Das Interview führte Margret Karsch.

Nachdruck unter Quellenangabe (Margret Karsch / Berlin-Institut) erlaubt.

 

Alle Interviews Zur Auswahl