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Interview mit Prof. Dr. med. Ulrich Keil, Universität Münster

 

Ulrich Keil ist Direktor am Institut für Epidemiologie und Sozialmedizin der Universität Münster. Außerdem lehrt er an Universitäten in North Carolina und Wien und leitet das "WHO Collaborating Centre for Epidemiology and Prevention of Cardiovascular and other Chronic Diseases" an der Universität Münster.



Momentan liegt die Lebenserwartung in Deutschland bei 77 Jahren für Männer und bei 82 Jahren für Frauen. Die meisten Fachleute gehen davon aus, dass sie in Zukunft weiter steigt. Werden wir bald 150 Jahre und älter?

In Deutschland wie in vielen westlichen Ländern hat die Lebenserwartung in den letzten Jahrzehnten um etwa zweieinhalb Jahre pro Dekade zugenommen. Im Zeitraum von 1990 bis 1997, also in der Zeit nach der Wende, ist in den neuen Bundesländern die Lebenserwartung von Männern und Frauen sogar um 3,2 Jahre gestiegen. Der Rückgang der Todesursache durch Herzkreislauferkrankungen trägt am meisten dazu bei. Dabei ist vor allem die Sterblichkeit bei den über 65-Jährigen zurückgegangen.

Ich gehe davon aus, dass die Lebenserwartung noch ein Jahrzehnt so weiter zunehmen wird wie bisher. Danach ist es aber durchaus möglich, dass das zunehmende Übergewicht in unserer Bevölkerung sich nicht nur in der Morbidität, also der Wahrscheinlichkeit, krank zu werden, sondern dann auch in der Mortalität, also der Sterblichkeit, niederschlägt und zu einer eventuell sogar stagnierenden Lebenserwartung führt.

Was können wir dagegen tun, dass die so genannten Zivilisationskrankheiten zunehmen?

Bei der Behandlung des Übergewichtes ist die Medizin schlichtweg überfordert. Es handelt sich dabei um ein gesellschaftliches Phänomen, das wenig mit der Medizin zu tun hat. Gesellschaftliche Phänomene müssen auch von der Gesellschaft wahrgenommen und angegangen werden.

Konkret sieht das wie folgt aus: Der vieldiskutierte Nichtraucherschutz muss konsequent per Gesetz und in der Praxis durchgesetzt werden. Ein weiterer Punkt ist die körperliche Aktivität. Es geht nicht nur darum, mehr Sport zu treiben, sondern die körperliche Bewegung muss in das tägliche Leben eingebaut werden. Die Menschen sollten beispielsweise nicht Aufzüge und Rolltreppen benutzen, sondern Treppen steigen. Eine halbe Stunde schnelles Gehen täglich schützt erwiesenermaßen vor Herzinfarkt. Und weiterhin muss das Gesundheitssystem Anreize bieten, damit die Ärzte die Risikofaktoren ernster nehmen und besser behandeln. Bisher werden alle gleich honoriert, egal, ob sie ihre Arbeit gut machen oder weniger gut.

Sie sagen, die Gesellschaft muss Verantwortung übernehmen. Welche Kontroll- oder Anreizsysteme schlagen Sie dazu vor?

Die Stadt Münster ist ein gutes Beispiel dafür, wie die Gesellschaft den Einzelnen dazu bringen kann, sich mehr zu bewegen. Münster hat seit vielen Jahren eines der am besten ausgebauten Radwegnetze in Deutschland. Ähnlich wie im benachbarten Holland gehört es zum guten Ton, zumindest die Wege in der Innenstadt mit dem Fahrrad zurückzulegen. Mein Institut hat zum Beispiel wie jedes andere Universitätsinstitut der Stadt ein Dienstfahrrad.

Aus meiner Sicht haben Gemeinden, Schulen und die Ärzteschaft hier eine besondere Aufgabe. Sie müssen noch wesentlich mehr darauf hinweisen, dass es bei der körperlichen Aktivität nicht um Hochleistungssport, sondern um moderate körperliche Aktivität beziehungsweise um Breitensport geht. Als Therapie sollten sie dann kein Medikament empfehlen, sondern 35 Minuten schnelles Gehen, möglichst fünfmal in der Woche. In diesem Sinne sind auch Fitnessprogramme der Krankenkassen sehr zu begrüßen. In der Schule kann man eine Menge tun, indem nicht Sportstunden gekürzt sondern ihre Zahl erhöht wird.

Erreichen diese Maßnahmen wirklich diejenigen, die statistisch gesehen die größte Risikogruppe für so genannte Volkskrankheiten stellen, nämlich die sozial Schwachen?

Positive gesundheitliche Trends werden bei uns wie in vielen westlichen Ländern zunächst von den Bevölkerungsschichten ausgehen, die besser ausgebildet sind. Aber dann färben diese Trends auch auf Bevölkerungsgruppen mit weniger Ausbildungsjahren ab. In den USA ist zum Beispiel das positive Gesundheitsverhalten vor zwei Jahrzehnten von der Westküste und den Neuenglandstaaten ausgegangen. Der mittlere Westen und der Südosten der USA haben noch immer nicht viel von Gesundheitsförderung verstanden.

Auf der einen Seite wissen wir viel mehr als früher über Krankheiten und ihre Entstehung, auf der anderen Seite sind wir jedoch häufig nicht dazu in der Lage, dieses Wissen in eine gesunde Lebenspraxis umzusetzen. Wie erklären Sie sich das?

Wir wissen seit über hundert Jahren, dass Armut, Lebenserwartung und Gesundheit eng miteinander gekoppelt sind. Bei Menschen mit wenigen Ausbildungsjahren und niedrigem sozioökonomischen Status können wir 60 bis 70 Prozent der niedrigeren Lebenserwartung durch bekannte Risikofaktoren wie Rauchen, ungesunde Ernährung und körperliche Inaktivität erklären.

Gesundheitsförderndes und präventives Verhalten erfordern offenbar eine Orientierung auf die Zukunft. Menschen mit weniger Ausbildungsjahren leben aber offenbar mehr im Hier und Heute. Beim Ernährungsverhalten spielen auch die finanziellen Möglichkeiten eine Rolle. Eine gesunde mediterrane Ernährung mit viel Obst, Gemüse und häufigen Fischmahlzeiten und wenig tierischen Fetten ist teurer als häufige Besuche in billigen Fast-Food-Lokalen. Auch deshalb sollten gesunde Lebensmittel mit weniger Mehrwertsteuer belegt werden.

Bei der körperlichen Aktivität sollten wir auch daran denken, dass Menschen, die zwei oder drei Jobs haben, um überleben zu können, kaum die nötige Zeit aufbringen können und wollen, um fünfmal in der Woche 35 Minuten zu joggen. Wie vor über hundert Jahren ist deshalb die Verbesserung der Ausbildung und des Lebensstandards der Bevölkerung die beste präventivmedizinische Maßnahme überhaupt.

Das Interview führte Franziska Woellert.

Nachdruck unter Quellenangabe (Franziska Woellert / Berlin-Institut) erlaubt.

 

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