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Gibt es in Deutschland abgehängte Regionen?

Interview mit Prof. Dr. Wolfgang Huber, ehemaliger Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz und Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland.

 

In manchen Gebieten Deutschlands, nicht nur im Osten, gibt es deutliche Bevölkerungsverluste. Dort ist die Bevölkerung schon stark gealtert und die Versorgungslage wird schlechter. Ist das der Grund dafür, dass sich die Menschen abgehängt fühlen?

Ich glaube, man muss zwischen West- und Ostdeutschland unterscheiden. Im Osten gibt es Regionen, die schon vor der Wiedervereinigung sehr dünn besiedelt waren, etwa die Uckermark in Brandenburg. Wir hatten also 1990 ein unterschiedliches Ausgangsniveau für die weitere Entwicklung, sowohl bevölkerungsmäßig als auch wirtschaftlich. Zusätzlich gibt es in Deutschland neben dem Ost-West-Gefälle ein Süd-Nord-Gefälle. Weite Teile Ostdeutschlands sind von beiden Gefällen betroffen. Die Vorstellung Anfang der 2000er Jahre, dass in diesem Gebiet kleinere und mittlere Zentren mit einer eigenen Lebensperspektive für Stabilität sorgen, hat sich nicht erfüllt. Dennoch glaube ich, dass das Ausmaß, in dem sich die Leute abgehängt fühlen, nicht zureichend einbezieht, was sie von ihren Lebensverhältnissen her an positiven Veränderungen sehen und erfahren.

Heißt das, es gibt neben der ökonomischen und der geografischen auch eine gefühlte, eine mentale Abgehängtheit?


Die mentale Abgehängtheit hängt damit zusammen, dass die Angehörigen der älteren Generation mit ansehen mussten, wie ihre Kinder die Region verlassen, wie ihre Enkel weit entfernt aufwachsen und sich die Familienverbünde auflösen. Ihre Nachkommen zu sehen, ist für viele zu aufwändig und zu teuer, so dass die Älteren kaum mehr am Leben der jüngeren Generation teilhaben können. Dadurch kann ein Stück Lethargie entstehen. Hinzu kommt, dass die Menschen das Gefühl haben, ihre eigene Lebenssituation komme nicht mehr im öffentlichen und politischen Diskurs vor. Sie lesen lauter Sachen in der Zeitung oder sehen Dinge im Fernsehen, die sie nicht mehr verstehen und die mit ihrem Leben nichts mehr zu tun haben.

Sie meinen etwa die vielen Menschen aus anderen Ländern, mit denen sich die Öffentlichkeit so sehr beschäftigt? Die Geflüchteten, für die der Staat Steuergelder aufwendet?


Das sind Klischees, die rasch entstehen, wenn der direkte Kontakt mit den Zugewanderten fehlt. Aber die Wahrnehmung der Menschen ändert sich in dem Augenblick, in dem sie selbst Erfahrungen machen mit den Phänomenen, die sie sonst nur aus dem Fernsehen kennen. Wenn etwa in einem kleinen brandenburgischen Ort mit 3.000 Bewohnern ein nicht mehr benutztes Hotel als Zwischenunterkunft für 96 Flüchtlinge genutzt wird, dann treffen sich die Leute auf der Straße, die Anwohner lernen die Flüchtlinge persönlich kennen. Es gibt einen erstaunlich hohen Anteil von Einwohnern, die dann mit den Neuankömmlingen irgendetwas unternehmen. Mit dem aufregenden Resultat, dass sie enttäuscht sind, wenn die weiterziehen. Dabei wären sie bereit, die Menschen auf Dauer aufzunehmen. Viele Handwerker suchen händeringend Mitarbeiter und würden die jungen Migranten gerne in Ausbildungsplätze aufnehmen.

Ist diese Art von Willkommenskultur die Regel oder die Ausnahme?


Dort, wo ich es beobachte, ist es nicht die Ausnahme – ich habe dazu aber keine empirische Untersuchung.

Wie kann sich die Kirche in Ostdeutschland für den Zusammenhalt engagieren? Sie hat ja erst einmal einen schweren Stand. Viele Menschen haben sich schon lange von der Kirche abgewandt. Und die sozialen Aufgaben haben die Volkssolidarität oder die Arbeiterwohlfahrt übernommen.


Die Kirche ist eben nicht nur ein Sozialverband, sondern ein Verband der mitmenschlichen Solidarität über die sozialen Bedürfnisse hinaus, ein Verband der Seelsorge, ein Verband, der verpflichtet ist, anderen zuzuhören und nicht nur andere anzuquatschen. Die Kirchen haben eine Chance in den kleinen Orten in dem Augenblick, in dem sie präsent sind. Da geht es nicht nur um soziale Aktivität, sondern auch darum, was Pfarrerinnen oder Pfarrer machen und sagen, wenn Menschen sterben und beerdigt werden. Wenn kirchliche Arbeit qualitativ gut gemacht wird, dann ist die Ausstrahlung der Kirche viel größer, als es die Zahl der Mitglieder erwarten lässt. Wir müssen mutig von den Chancen einer offenen Kirche Gebrauch machen. Dann können wir helfen, die mentale Seite beim Gefühl des Abgehängtseins zu bearbeiten.

Soziale Kontakte hängen immer an Personen. Hat die Kirche im Osten überhaupt das Personal, um all das zu leisten?


Im Rahmen dessen, was wir finanzieren können, geht es im Moment noch. Die Prognosen sehen etwas anders aus, denn der demografische Wandel macht auch vor der Kirche nicht halt. Wir haben keinen Pfarrerinnen- und Pfarrerüberhang mehr wie noch zu Beginn des Jahrtausends.

Warum verliert die Kirche eigentlich Mitglieder?


Es sterben mehr Mitglieder, als getauft werden. Und es werden weniger getauft, als geboren werden. Im Osten Deutschlands hat zudem die Repression zu DDR-Zeiten zu einer schleichenden Entkirchlichung geführt. Eltern, die selbst noch Mitglied der Kirche waren, haben ihre Kinder oft nicht mehr taufen lassen, um deren Berufsaussichten zu verbessern oder damit sie nicht von der erweiterten Oberschule ausgeschlossen wurden.

Lassen sich denn Kirchenmitglieder zurückgewinnen?

Die Kirche muss dafür neue Wege zu den Menschen finden. Menschen, die keine religiöse Beheimatung haben und keine überzeugten Atheisten sind, müssen wir ein Heimatangebot machen, einen Ort der religiösen Identität geben. Man darf das Thema Mission nicht so tabuisieren, wie man das bisher gewohnt ist, nur weil wir es in der Vergangenheit in der „äußeren Mission“ mit Missionspraktiken zu tun hatten, die als Anhängsel des Imperialismus galten.

Jetzt gibt es in ländlichen Regionen neue Wettbewerber – die populistischen Kräfte. Sie stoßen in die Lücke, die sich im Miteinander der Menschen aufgetan hat. Wie geht die Kirche mit diesem Wettbewerber um?

Es war und ist wichtig, dass sich die Kirche an die Spitze einer Bewegung stellt, die Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit zu einem zentralen, zivilgesellschaftlichen Thema macht und solchen Haltungen entgegentritt. Die Politik hatte ursprünglich das Ziel, das Thema so klein wie möglich zu halten, weil sie die Furcht hatte, darüber zu reden schrecke die Investoren ab. Vor allem die Kirche hat das Thema dann mit einer Reihe von Initiativen in die Diskussion gebracht. Die Kirche muss deutlich machen, dass sie sozial engagiert ist, dass sich ihr Markenkern aber nicht darin erschöpft, ein sozialer Dienstleister sein.

Welche konkreten Angebote gibt es, um die Leute für eine Glaubensgemeinschaft zu gewinnen, wie kommt man mit denen in Kontakt?


Es gibt ein neues Aufleben von christlichen Pfadfinderkonzepten. Viele Gemeinden machen eine gute Jugendarbeit. Die Gründung evangelischer Schulen ist wichtig. Heute haben wir im evangelischen Religionsunterricht an staatlichen mehr Schüler, als von der Statistik der Kirchenmitgliedschaft her zu erwarten wäre. Wir haben Unterrichtsgruppen, in denen die Hälfte der Jugendlichen gar nicht kirchlich gebunden ist. Wir haben musikalische Angebote. Kirchen sind bis in die kleinen Dörfer hinein Kulturträger, weil sie sich für kulturelle Veranstaltungen öffnen. Damit merken die Dorfbewohner, dass in ihrer Region etwas passiert. Und es kommen Leute aus Berlin vorbei und sagen: „Wie toll ist das bei euch und was habt ihr denn hier für Kleinode an Kirchen.“

Haben Sie das Gefühl, dass die Solidargemeinschaft in Ostdeutschland schwächer wird? Es gibt ja Leute, die sagen: “Früher war der Zusammenhalt besser.“


Niemand kann sich in Ostdeutschland nach der Zeit zurücksehnen, als es um die sogenannte Solidargemeinschaft besser gestellt war. Die Grundversorgung der Menschen war schlechter als heute. Die organisierte Solidargemeinschaft war objektiv schlechter. Die Versorgung von Rentnern in den 1960er Jahren war schlechter. Keiner, der es mit einem Pflegefall zu tun hat, wird sagen, dass dieser Fall vor 50 Jahren besser versorgt gewesen wäre. Es gibt keinen Grund für die Annahme, dass früher alles besser war.

Viele Menschen sorgen sich, weil immer mehr Zuwanderer aus anderen Kulturen in unser Land kommen. Wie geht man mit dieser wachsenden Heterogenität um? Anders gefragt: Wieviel Heterogenität verträgt eine Gesellschaft?


Diese Heterogenität funktioniert in der Nationalmannschaft, weil es ein paar Leute mit Migrationshintergrund gibt, die so gut kicken, dass sie für Deutschland nominiert werden. Die Mannschaft ist sicher ein Aushängeschild für Deutschland. Die eigentliche Frage ist aber: In welchem Tempo verträgt eine Gesellschaft Heterogenisierung?

Das ist aber am Rande der politischen Unkorrektheit.


Aber weil es als politisch unkorrekt gilt, hat man seit 2015 verschleiert, in welchem Tempo Deutschland aus der Entwicklung der Flüchtlingskrise Konsequenzen gezogen hat. 2015 war ein Ausnahmezustand, den man schnell verändert hat. Die Aufnahmezahlen sind ja rasch wieder gesunken. Allerdings hat man nicht darüber geredet, man hat diese Kurskorrektur nicht offensiv vertreten. Der große Fehler der Willkommenskulturfanatiker war, nicht zuzugeben, dass Budapest 2015 ein Ausnahmezustand war, auf den man reagieren musste, dass daraus aber kein Dauerzustand werden kann.

Deutschland wird aber aus demografischen Gründen sicher weiterhin Zuwanderer brauchen und auch ins Land holen. Was sind unter diesen Bedingungen die wichtigsten Faktoren, um eine heterogene Gemeinschaft zusammenzuhalten?


Die Fähigkeit miteinander zu kommunizieren. Wir haben nicht etwa ein Leitkulturproblem, sondern ein Kommunikationsproblem. Das lösen wir nur mit der deutschen Sprache. Kommunikation stärkt die Gemeinsamkeit bei bleibenden Unterschieden. Die Bejahung der Rechtsordnung ist darüber hinaus eine unerlässliche Bedingung für das Zusammenleben. Wir müssen Respekt voreinander haben – und auch Respekt vor der Verschiedenheit. Wir müssen eine praktische Integration über Bildung und Ausbildung ermöglichen, um so zu einer kulturellen und ökonomischen Teilhabe zu gelangen. Für all das brauchen wir ein Einwanderungsgesetz, das endlich klare Kriterien für die unterschiedlichen Gruppen schafft, die zuwandern wollen.

Vielen Dank für das Gespräch.


Das Interview führte Reiner Klingholz.

Nachdruck unter Quellenangabe (Klingholz/ Berlin-Institut) erlaubt.

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