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Interview mit dem Demografen Prof. Dr. Wolfgang Lutz zu Bevölkerungswachstum und Klimawandel

 

Copyright: Wolfgang Lutz

Der Bevölkerungsforscher Prof. Dr. Wolfgang Lutz hat Demografie studiert und leitet das World Population Program am Internationalen Institut für angewandte Systemanalysen (IIASA) in Laxenburg bei Wien sowie das Vienna Institute of Demography (VID) der österreichischen Akademie der Wissenschaften. Wolfgang Lutz ist Mitglied des Vorstandes des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung.

 

 

 

 

 

Die Weltbevölkerung wächst unablässig. Die Emissionen von Treibhausgasen wachsen ebenfalls. Worin liegt das größere Problem für die Zukunft der Menschheit?

Das größte Problem sehe ich darin, die zu erwartende Klimaveränderung mit möglichst geringem Schaden zu verkraften. Zumindest ein gewisses Maß von Klimawandel scheint unausweichlich. Dabei sind zwei Fragen von Bedeutung: Erstens, wie stark ist der jeweilige Lebensraum davon betroffen, etwa durch Anstieg des Meeresspiegels. Und zweitens, wie stark sind unsere Fähigkeiten, beziehungsweise die der Staaten, mit dieser Herausforderung umzugehen. Dies ist in erster Linie eine Frage des Humankapitals und des wirtschaftlich-technologischen Entwicklungsstandes.

Lässt sich unser Klimaproblem auf die kurze Formel bringen "Immer mehr Menschen wollen immer mehr"?

Nein, so einfach liegt der Fall nicht. Es ist zwar klar, dass mehr Menschen insgesamt mehr Energie verbrauchen, besonders dann, wenn die armen Länder - wie wir ja hoffen - in ihrem Wirtschaftswachstum zulegen. Aber die wachsende Zahl der Menschen ist nur ein Faktor unter mehreren, die sich auf die zukünftigen Emissionen auswirken. Der Pro-Kopf-Energieverbrauch ist die entscheidendere Größe. Wenn also mehr Menschen durch einen klügeren, effizienteren Umgang mit Energie weniger Energie verbrauchen und damit weniger Treibhausgase emittieren würden, wäre das Problem kleiner.

Wo stecken weltweit die größten Quellen für Treibhausgas-Emissionen? Wo sind die größten Zuwächse zu erwarten?

Außer den Emissionen durch das Verbrennen fossiler Rohstoffe wie Kohle, Öl und Erdgas tragen die Rodung tropischer Wälder und die Landwirtschaft - durch die Rinderzucht, den Reisanbau und die künstliche Düngung - noch erheblich zum Klimawandel bei. Alle drei Quellen hängen auch mit der Zahl der Menschen zusammen - und mit ihren Ansprüchen.

Welche Menge des Treibhausgases Kohlendioxid (CO2) dürfte jeder der rund sieben Milliarden Erdenbürger pro Jahr im Mittel in die Atmosphäre entlassen, damit diese stabil bliebe?

Das ist keine so einfache Frage, weil sie stark vom Zeithorizont und vom dem als akzeptabel angesehenen Niveau abhängt. Derzeit schlucken die Ozeane über acht Gigatonnen CO2 im Jahr aus der Atmosphäre. Demnach dürfte jeder der 6,8 Milliarden Erdenbürger etwa 1,2 Tonnen pro Jahr emittieren. Wächst die Weltbevölkerung weiter stark, so verringert sich der Wert entsprechend. Allerdings vermuten die Experten, dass die Aufnahmekapazität der Weltmeere über die Jahre zurückgeht. Die Konzentration in der Atmosphäre ist gegenüber dem vorindustriellen Wert jetzt schon erhöht und die Erwärmung schon im Gange. Das Ganze ist ein sehr träger, langfristiger Prozess. Letztlich müssen wir darauf hinsteuern, die Emissionen zu vermindern und gleichzeitig eine gewisse Erwärmung verkraften.

Der durchschnittliche Amerikaner, auch der Deutsche, liegt vermutlich über diesem zulässigen Limit?

Die Pro-Kopf-C02-Emissionen durch die Verbrennung fossiler Energieträger liegen bei 9,5 Tonnen pro Jahr in Deutschland und bei 19,5 Tonnen in den USA. Beides ist viel zu hoch für eine Stabilisierung des Klimas.

Warum bedeutet dann das Bevölkerungswachstum im Tschad oder dem Jemen, wo die Pro-Kopf-Emissionen weit unter dem erträglichen Limit liegen, ein
Problem für die Nachhaltigkeit auf unserem Planeten?


Wenn die Menschen im Tschad weiter so arm bleiben oder vielleicht durch das starke Bevölkerungswachstum noch ärmer werden, kaum Energie verbrauchen und frühzeitig in Elend sterben, ist dies natürlich keine Bedrohung für das Weltklima. Nur kann das ja nicht das Ziel sein. Alle Bestrebungen gehen ja in Richtung Armutsbekämpfung, was fast automatisch mit mehr Energieverbrauch verbunden ist. China ist das wichtigste Beispiel dafür. Und wenn die Menschen im Tschad hoffentlich auch einmal wohlhabender werden, dann werden natürlich viele Menschen mehr Energie verbrauchen als weniger.

Müssten die reichen Länder die armen für ihr klimaschädigendes Verhalten entschädigen? Und wenn ja, wie?

Das ist in erster Linie eine Frage der Ethik und in zweiter Linie eine der internationalen politischen Umsetzung. Ich glaube, dass die einzige weltweit akzeptable Lösung darin liegt, jedem Erdenbürger das gleich Recht an der Atmosphäre zu geben, also pro Kopf gleiche Emissionen. Wer mehr emittieren will, der muss den anderen diese Rechte abkaufen. Dadurch wird es gleichzeitig auch möglich, dort anzusetzen, wo es am kosteneffizientesten ist. So eine Regelung wird schwierig genug, sie beantwortet aber noch nicht die Frage der Verantwortung für die bisherigen Emissionen.

Haben Länder wie der Tschad eine Entwicklungschance, solange das Bevölkerungswachstum dort so hoch ist? Immerhin dürfte sich die Bevölkerung dort bis 2050 verdreifachen.

Nein. Um nur einen wichtigen Grund zu nennen: Die allgemeine Schulbildung, die eine Voraussetzung für Entwicklung ist, kann kaum erzielt werden, wenn die Zahl der Kinder im Schulalter zu schnell wächst.

Mit welchen Mitteln ließe sich das Bevölkerungswachstum in den armen Ländern verlangsamen?

Die Forschung hat hier einen ganz klaren Befund geliefert: Nur die Kombination von massiven Investitionen in die Bildung von Mädchen und die weitere Verbreitung von freiwilligen Familienplanungsprogrammen können Länder aus dem Teufelskreis von Armut und großem Bevölkerungswachstum befreien.

Bildung - insbesondere für Frauen - gilt gemeinhin als Allheilmittel gegen starkes Bevölkerungswachstum. Bildung führt aber auch zu mehr Arbeit, zu mehr Wohlstand und zu mehr Emissionen. So gesehen ist Bildung ungemein schädlich. Je schneller wir das bedrohliche Bevölkerungswachstum senken, desto schneller geraten wir in die Klimafalle. Indien und China machen uns diese Entwicklung gerade vor. Wie lösen wir dieses Dilemma?

Bildung, wenn sie richtig ansetzt und emanzipierend wirkt, kann nie schädlich sein. Sie ist die wichtigste Voraussetzung für eine Verbesserung der Gesundheit, für eine bewusste Wahl der eigenen Kinderzahl und für ein Entkommen aus der Armut. Das sind ja alles die wichtigsten Ziele der internationalen Entwicklungsanstrengungen. Natürlich bedeutet höheres Einkommen dann auch mehr Emissionen, auch wenn sie pro Kopf noch deutlich geringer sein werden also bei uns. Aber was ist die Alternative? Hoffen, dass die Menschen in Armut sterben? Weil es keine Alternative zu Entwicklung gibt, glaube ich, dass wir mit einer gewissen Klimaveränderung einfach zu rechnen haben. Und gerade dann werden es besser gebildete Menschen leichter haben, sich an das veränderte Klima anzupassen und nicht zu Schaden zu kommen.

Fehlen der Welt klare Verhaltensregeln in Sachen Klimaschutz?

Der Klimawandel scheint das bisher größte wirklich globale Problem der Menschheitsgeschichte zu sein. Kein Staat, keine Insel, niemand kann sich da raushalten. Dafür brauchen wir auch neue Formen der globalen "Governance". Dabei wird auch die heilige Kuh der nationalen Souveränität nicht uneingeschränkt bestehen bleiben können.

Wie müssten die Regeln aussehen?

Sie müssen sich an gleichen Emissionsrechten für jeden Erdenbürger orientieren. Aber den genauen Inhalt und die Übergangsfristen zu verhandeln, wird ein sehr mühsamer Prozess werden.

Und was bedeutet das praktisch für die Bürgerinnen und Bürger der Industrienationen? Kein Auto mehr fahren, kein Flugzeug benutzen, weniger heizen?

Wenn wir es klug machen und umweltfreundliche Technologien einsetzen, dann muss das nicht zwangsweise ein Sinken unserer Mobilität und Lebensqualität bedeuten.

Die Lebensbedingungen in den subtropischen Regionen, selbst im Mittelmeerraum werden sich den Prognosen zufolge verschlechtern - in den höheren Breiten wie in Sibirien durch die Erwärmung verbessern. Was bedeutet das für die Wanderungsbewegungen der Zukunft?

In Ägypten wird sich die Bevölkerung vermutlich noch verdoppeln. Gleichzeitig weitet sich der Wassermangel aus und die landwirtschaftlich nutzbare Fläche nimmt sogar ab. Weniger als 2.000 Kilometer entfernt in Russland und der Ukraine liegen die fruchtbarsten Böden, und die Bevölkerung schrumpft. Durch den Klimawandel wird sich das Gefälle noch verstärken. Ich kann mir gut vorstellen, das Russland in der Zukunft zu einem großen Einwanderungsland wird. Nur darf man die Frage der kulturellen Unterschiede und der daraus resultierenden Herausforderungen an die Integration nicht unterschätzen.

Die Ingenieure sagen uns seit vielen Jahren, sie hätten die Technologien in der Schublade, mit denen sich die Industriegesellschaften um den Faktor 10 energieeffizenter betreiben ließen. Wer sorgt dafür, dass diese Konzepte nicht aus der Schublade kommen und in die tägliche Anwendung gelangen?

Es sind die perversen ökonomischen Anreizsysteme, die die Umweltkosten nicht in den Preisen berücksichtigen. Änderungen sind hier wegen der sogenannten normativen Kraft des Faktischen nur sehr schwierig. Es gibt Viele, die Interesse an der Beibehaltung des jetztigen Systems haben. Deshalb gelingen Veränderungen wahrscheinlich nur in kleinen Schritten - außer es gibt eine wirklich große Krise, die auch radikalere Veränderungen ermöglicht.

Was müssen die viel emittierenden Industriestaaten tun, um die armen Länder für ihre eigenen Klimaschandtaten zu kompensieren?

Die Emissionen der Vergangenheit können wahrscheinlich nicht mehr aufgerechnet werden. Dass würde in gewisser Weise Sippenhaftung bedeuten, die kaum akzeptabel sein wird. Aber für die Zukunft brauchen wir ein gerechtes System. Gleichzeitig ist es für die armen Länder aber auch nicht zielführend sich nur in der Opferrolle zu sehen. Sie kommen nicht durch mögliche Kompensationszahlungen aus der Armutsfalle sondern nur durch eigene Anstrengung, durch Entwicklung ihrer eigenen Humanressourcen und das Aufräumen im eigenen Haus heraus. China etwa hat seine enorme Entwicklung in den letzten 30 Jahren ganz ohne äußere Hilfe geschafft. Und China liefert den Hauptgrund dafür, dass weltweit die Armut zurückgegangen ist.

Befürchten Sie, dass sich die Menschen der armen Länder, die sich zudem schlecht gegen den Klimawandel wappnen können, irgendwann gegen die ihnen angetane Ungerechtigkeit wehren werden?

Die Welt war auch bisher schon voll von Ungerechtigkeiten. Der Klimawandel ist nur eine zusätzlich Dimension, die sogar noch etwas abstrakter ist, weil Ursache und Wirkung nicht als unmittelbar miteinander verbunden erlebt werden. Aber die Armen wollen ja nicht Rache sondern eine bessere Zukunft. Hier wird es entscheindend sein, echte Entwicklungsperspektiven für die Zukunft zu bieten, die die Welt zumindest ein Stück weit gerechter machen.


Das Interview führte Reiner Klingholz.

Nachdruck unter Quellenangabe (Reiner Klingholz / Berlin-Institut) erlaubt.

 

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