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Interview mit Dr. Yalcin Yildiz, Migrationsforscher

Copyright: Yalcin Yildiz

 

Yalcin Yildiz (geb. 1973) studierte Sozialpädagogik an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Nachdem er mehrere Jahre als pädagogischer Leiter, Familienhelfer und Einzelbetreuer in der Sozialen Arbeit tätig war, arbeitet er zurzeit freiberuflich vor allem im Bereich Migrationssozialberatung. In seiner Doktorarbeit untersucht er Altern und Generationsbeziehungen im Migrationskontext.

 

 

 

In Deutschland sind etwa 3,5 Prozent der Migranten türkischer Abstammung älter als 65 Jahre. Das sind knapp 100.000 Menschen. Wie lässt sich deren Lebenssituation beschreiben?

 

Bisher wissen wir relativ wenig darüber, wie ältere Türkinnen und Türken leben und altern. Doch dadurch, dass die Hilfsbedürftigkeit dieser Gruppe steigt und ihre institutionelle Versorgungslage zunehmend als unzureichend erkannt wird, ist in den letzten Jahren ein wachsendes Interesse an ihrem Lebensstil zu verzeichnen. Es handelt sich um eine sehr heterogene Gruppe mit unterschiedlichen Bedürfnissen.

 

Worin genau unterscheiden sich die Angehörigen dieser Gruppe voneinander?

 

Die Senioren aus der Türkei kommen ursprünglich sowohl aus Großstädten wie auch aus dem ländlichen Raum. Unter den türkischen Migranten befinden sich auch viele kurdische, lazische und arabische Menschen mit eigenen kulturellen Prägungen. Wenn man von einem generellen Einreisealter zwischen 20 und 40 Jahren ausgeht, liegt das heutige Alter der türkischen Pioniermigranten zwischen 57 und 89 Jahren. Die Bezeichnung „alte Migrantinnen und Migranten“ kann der inneren Heterogenität der Gruppe also nicht genügen.

 

Dennoch werden sie oft als Gruppe betrachtet - was ist den älteren Menschen mit Migrationshintergrund denn gemeinsam?

 

Sie alle wollten nur für eine kurze Zeit in Deutschland arbeiten, mit dem ersparten Geld in die Heimat zurückkehren und dort eine eigene Existenz aufbauen. Es kam aber oft ganz anders. Die erste Generation lebt auch nach Jahrzehnten in Subkulturen zwischen Tradition und Moderne, Rückkehr und Integration, zu deren Herausbildung sie auch selbst beigetragen haben. Man kann bei den älteren Migrantinnen und Migranten heute von einer "verlorenen Generation" sprechen.

 

Was meinen Sie mit „verlorene Generation“?

 

Ältere Menschen mit Migrationshintergrund bilden deshalb eine „verlorene Generation“, weil die meisten von ihnen nach Jahren der Migration ihre Heimat, ihre Jugend, ihre Gesundheit und oftmals auch ihre Kinder verloren haben. Rückkehrprobleme, Altersarmut, Krankheiten und soziale Isolation durch sich lösende Familienbeziehungen führen zu einer vorwiegend negativen Migrations- und Lebensbilanz. Da die deutsche Politik und Gesellschaft fest mit einer Rückkehr der einstigen Gastarbeiter gerechnet haben, wurden diese Probleme weder wissenschaftlich untersucht noch in der Praxis angegangen.

 

Welche Lösungen sehen Sie für diese Probleme?

 

Ältere Migranten sind mit ihren Integrationsleistungen lebendige Beispiele für die multikulturelle Gesellschaft mit ihren vielfältigen Chancen und Risiken. Den schwierigen Spagat zwischen Tradition und Moderne sowie das Leben in zwei Ländern und Kulturen bewältigen sie mit Lebenstechniken, die es sowohl in gesellschaftlicher als auch in politischer Hinsicht zu unterstützen gilt.

 

Doch wie kann die Aufnahmegesellschaft konkret diese Potenziale nutzen und die Integration fördern?

 

Älteren Menschen mit Migrationshintergrund kommt durch ihre klassische Pendelmigration eine Brückenfunktion zwischen den Nationen, Kulturen und Generationen zu. Um diese zu nutzen, brauchen wir in der Forschung und in der Praxis mehr als bisher Menschen gleicher, also in diesem Fall türkischer, Herkunft. Sie könnten besser in die subkulturelle Welt der Migranten „eintauchen" und vermitteln. Das hängt auch mit der „Sprachlosigkeit" der ersten Generation zusammen, die sich in unzureichenden Deutschkenntnissen, aber auch in der rechtlich-sozialen Entmündigung anzeigt. Erst dadurch kann ein gleichberechtigter gesellschaftlicher Dialog entstehen.

 

Wie sieht diese Brückenfunktion der ersten Migrantengeneration konkret aus?

 

Die tagtäglichen Meldungen in den Medien über Zwangsheirat, Ehrenmord und Kulturkonflikt täuschen darüber hinweg, dass die älteren Migrantinnen und Migranten bereits durch ihre enorme Mobilität zwischen beiden Ländern vermitteln. Wir müssen den Blick wieder auf die erste Generation richten und von ihrem Erfahrungswissen und ihrem traditionellen Familiengewicht profitieren. Vielleicht können wir so auf die Folgegenerationen besser einwirken, also dialogisch. Was wir brauchen, ist genau das: ein Dialog nicht nur zwischen den Kulturen, sondern auch zwischen den Generationen und unter Beteiligung der Aufnahmegesellschaft.

 

Warum benötigen die Folgegenerationen mehr Eingliederungshilfe als ihre Eltern?

 

Die zweite Generation ist im Gegensatz zur Elterngeneration in Deutschland unerwünscht. So lassen die bewiesenen Benachteiligungen auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt keine Heimatgefühle entstehen. Neueste Umfragen unter jungen türkischstämmigen Akademikerinnen und Akademikern zeigen, dass Erziehung und Bildung in Richtung deutsche Gesellschaft keine Integrationsgarantien sind. Mehr als ein Drittel dieser vermeintlich gut integrierten Mustermigranten will in die Türkei „zurückgehen“ - das heißt eigentlich „auswandern“, denn fast 75 Prozent wurden in Deutschland geboren.

 

Müssen vor dem Hintergrund der vielen Probleme die Erfahrungen und Lebensstrategien der ersten Migrantengeneration nicht auch kritisch diskutiert werden?

 

Natürliche wäre ein zu positiver und naiver Blick auf die erste Generation fatal. Nicht wenige Migranten der ersten Stunde sind an der Integrationsaufgabe gescheitert. Dabei darf man aber nicht vergessen, dass die Arbeitsmigration nur eine kurzfristige Lösung sein sollte. Dies hat auch die Integrationsbereitschaft stark beeinflusst. Aber die meisten Menschen der ersten Migrantengeneration haben zusammen mit ihren Familien den Weg in die deutsche Gesellschaft gefunden. Wir sollten also die Fehler der ersten Generation kritisch ausdiskutieren, ohne den Blick für deren Ressourcen zu verlieren. Wir sollten sie als Integrationspartner und -partnerinnen wahrnehmen. Was fehlt, ist ein Dialog auf Augenhöhe.

 

Das Interview führte Franziska Woellert.

Nachdruck unter Quellenangabe (Franziska Woellert / Berlin-Institut) erlaubt.

 

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