Arabisches Beben

von Rainer Hermann

Dass die arabische Welt keine einfache ist, sollte spätestens seit dem so genannten Arabischen Frühling klar sein. Statt des gesellschaftlichen Aufbruchs, den sich die aufbegehrende Jugend 2011 erhofft hatte, statt mehr Freiheit und Teilhabe gab es noch mehr Instabilität, neue Konflikte und Probleme in dem Gebiet, das von Oman im Osten bis nach Mauretanien am atlantischen Ozean reicht. Die Region ist gezeichnet von den Folgen der Kolonialherrschaft und deren willkürlichen Reißbrettgrenzziehungen, die das Entstehen von funktionierenden Nationalstaaten unmöglich gemacht haben. Und sie wird heute regiert von Autokratien und Militärdiktaturen, unter denen weder Recht noch Gerechtigkeit herrschen, die aber Terror und religiösem Größenwahn einen fruchtbaren Boden bieten. Sie ist mancherorts bettelarm und keine hundert Kilometer weiter geradezu pervers reich, was die soziale Unordnung noch offensichtlicher macht.

Die Entstehungsgeschichte dieser multidimensionalen Problemlage versucht uns Rainer Hermann in seinem Buch „Arabisches Beben. Die wahren Gründe der Krise im Nahen Osten“ zu erklären. Der Autor ist Islamwissenschaftler und Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ). Er war lange Jahre als Korrespondent im Nahen Osten unterwegs und kennt die arabische Welt wie kaum ein zweiter. In der FAZ lassen sich Hermanns Beiträge etwa zu der Verwicklung des saudischen Königshauses in den Mord an dem Journalisten Jamal Kashoggi wie ein endloser Fortsetzungsroman zu dem 2018 erschienenen Buch lesen.

Hermanns Analyse ist klar, präzise und überzeugend – aber düster und pessimistisch. Wer ein hoffnungsvolles Szenario für den arabischen Raum sucht, sollte das Buch gleich wieder weglegen. Auf Jahrzehnte sieht der Autor kein Licht für eine friedliche Entwicklung. „Die Eruptionen haben erst begonnen“, schreibt er und wie es weitergeht, sei kaum vorherzusagen. Sicher prognostizieren ließen sich bestenfalls „lang anhaltende Konflikte“, zumal zu den hinlänglich bekannten Problemen auch noch der Klimawandel hinzukomme, der den ohnehin schon notorischen Wassermangel in der Region verschärft. Dann wäre der „kleine Weltkrieg“ um Syrien nur ein Vorgeschmack auf die nahe Zukunft.

Hermann meint, die relative Stabilität der arabischen Welt bis 2011 sei ein Irrglaube gewesen, nur weil dort autoritäre Herrscher mit starker Hand regierten. Denn unter der Kruste der vermeintlichen Ruhe war das gesellschaftliche Beben längst im Anmarsch. Genauso naiv wäre es heute zu glauben, Syrien würde zu einem Hort der Stabilität, nur weil sich Baschar al-Assad, die derzeit prominenteste Marionette des Nahen Ostens, wider jede Erwartung an der Macht gehalten hat – gestützt von Russland, der neuen starken Kraft in der Region.

Wenn der Autor den Status quo der arabischen Welt beschreibt, könnte man verzweifeln: In einigen Ländern fehlen mittlerweile staatliche Strukturen, in anderen sind sie am Kollabieren. Wieder andere halten sie noch durch Gewalt und Repression aufrecht. Ohne Korruption geht gar nichts, weshalb einer auf einen Ordnungsrahmen angewiesenen Privatwirtschaft, die für Wohlstand und Beschäftigung sorgen könnte, kaum Chancen bleiben. Es fehlt an Arbeit, die Jugend ist mit jedem Tag frustrierter, während die Bevölkerung wächst und wächst und damit die Gärmasse für weiteren Unfrieden: Manche der arabischen Länder haben bis 2050 fast mit einer Verdopplung ihrer Bevölkerung zu rechnen. Ernähren können sie sich schon heute nicht aus eigener Kraft, und müssen bereits heute 50 Prozent ihrer Lebensmittel importieren.

Dass alle Länder des Nahen Ostens, mit Ausnahme von Israel und dem Iran, arabisch geprägt sind, dass über 400 Millionen Menschen die gleiche Sprache sprechen und überwiegend dem muslimischen Glauben anhängen, hat keinesfalls zu einem Zusammengehörigkeitsgefühl oder zu irgendeiner Form von Solidarität geführt. Nirgendwo auf der Welt wenden die Staaten größere Anteile ihrer Haushalte für Rüstung auf, nirgendwo sterben anteilig mehr Menschen durch den Terror von Fanatikern, die vorgeben gegen Ungerechtigkeiten anzukämpfen, aber keinerlei Ideen für ein besseres Zusammenleben haben.

Mit großer Sach- und Detailkenntnis erzählt Herrmann nach, wie der Nahen Osten mit jeder Intervention des Westens tiefer ins Chaos stürzte: Das war so 1953 beim Sturz des liberalen persischen Ministerpräsidenten Mohammad Mossadegh, bei der Inthronisierung der Marionette Schah Reza Pahlewi und letztlich auch 2003 bei der Militärinvasion im Irak durch eine „Koalition der Willigen“ unter Führung der USA, die der Gewaltherrschaft eines Saddam Hussein ein Ende setzte. Ende 2003 wurde der armselige, geflohene Tyrann in einem Erdloch nahe seines Geburtsortes aufgespürt. 2006 hing er am Galgen, doch in dessen Machtvakuum stieß wenig später der „Islamische Staat“ (IS). Ihn halten heute manche für erledigt, aber ohne ihn wäre absurderweise der syrische Diktator Assad, Mitglied der alewitischen Minderheit in seinem Land, nicht mehr an der Macht. Ohne die Bedrohung durch den IS, der sich der Unterstützung durch Saudi-Arabien sicher sein konnte, schon allein weil Syrien über einen Beistandsvertrag mit dem Saudi-Erzfeind Iran verbündet ist, hätte Assad kaum die massive Unterstützung von außen erfahren. Immer wieder, so Hermann, stützten sich fremde Großmächte bei ihren Interventionen auf Minderheiten und drängten die Mehrheit an den Rand – das klassische Rezept für dauerhaften Unfrieden. 

Aber Hermann sieht nicht nur alte und neue Kolonial- oder Schutzmächte in der Schuld, sondern auch die lokalen Eliten. Denn mit der Unabhängigkeit der Staaten nach der Kolonialzeit verschärfte sich die Lage weiter. In vielen Ländern putschten sich Militärs an die Macht. Autoritäre Regierungen mit totalitären Ideologien entstanden. Sie korrigierten die Fehlentwicklungen unter den Kolonialherren nicht, sondern verstärkten sie. Sicherheitsapparate übernahmen alle Macht. Die Eliten hätten nur ein Interesse gehabt, schreibt Hermann, „ihren eigenen Wohlstand zu mehren“. Und so lautet die Losung der Region: „Der Stärkere nimmt alles, der Schwächere bekommt nichts.“

Kein Wunder, dass Solidarität und Zusammenarbeit Fremdworte im Nahen Osten sind, wo stets der Feind meines Feindes mein bester Freund ist. Diese Strategie beherrscht auch Israel, ein Land, das zwar das klassische Feindbild der arabischen Welt abgibt, das aber längst eine – ursprünglich geheim gehaltene – Allianz mit Saudi-Arabien gegen Iran eingegangen ist. Saudi-Arabien und Israel, zitiert Hermann den amerikanischen Politikwissenschaftler und Nahost-Experten Marc Lynch, hätten aus strategischen Gründen kein Interesse an einer Demokratisierung Ägyptens, an einem Atomabkommen mit dem Iran, an israelisch-palästinensischen Friedensgesprächen und einer politischen Lösung für Syrien – sondern sie „wollten genau das Gegenteil“.

Über alle nationalen und regionalen Ebenen hinweg liefert der Autor einen tiefen Einblick in die tödlichen Feindschaften religiöser und ethnischer Gruppierungen – Sunniten, Schiiten, Alawiten, Kurden, Jesiden, Christen, Schabak, Mandäer und so weiter – und in die Ränkespiele von Offizieren, Prinzen, Königen, Geheimdienstlern, Gewaltherrschern, die stets an dem eigenen Machterhalt und selten am Wohlergehen der Menschen orientiert sind.

Der Westen beziehungsweise Europa haben ihre eigenen Probleme mit der arabischen Welt. Einerseits sind die Staaten des Nahen Ostens als Waffenkäufer gern gesehene Partner. Andererseits stammt von dort nicht nur ein großer Teil der von den Konsumgesellschaften heißgeliebten Brennstoffe Öl und Gas, sondern auch die Mehrheit jener Flüchtlinge, die halb Europa beunruhigen. Eine konsistente Politik, die mäßigend und konfliktlösend auf die Region einwirkt, auf der sich Partnerschaften mit Europa aufbauen ließen, kann auf dieser Basis kaum entstehen. Und so muss Hermanns Analyse die Leser ratloser zurücklassen als zuvor, wofür der Autor allerdings nichts kann.

Vielleicht hätte sich die industrialisierte Welt schon vor Jahrzehnten aus der Abhängigkeit von Öl und Gas befreien sollen. Schließlich haben die Großmächte die Staaten am Golf vor allen deshalb hofiert, weil sie auf den Treibstoff für ihre Gesellschaften angewiesen waren. Ohne die Milliardengewinne aus den fossilen Reserven, die nur Wenigen zu Reichtum verholfen haben und mit denen sich viele der Konflikte der Region überhaupt erst finanzieren ließen, wären die Völker des Nahen Ostens womöglich längst zur Vernunft gekommen.

 

Rezension von Reiner Klingholz, Nachdruck unter Quellenangabe (Reiner Klingholz / Berlin-Institut) erlaubt.



Rainer Hermann (2018): Arabisches Beben. Die wahren Gründe der Krise im Nahen Osten. Stuttgart: Verlag Klett-Cotta; 378 Seiten; 16,95 Euro.