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Le Monde diplomatique (Hg.)

 

Viel mehr Menschen, viel mehr Ungleichheit - Der neue "Atlas der Globalisierung" bereitet Fakten zur Bevölkerungsentwicklung, zur Urbanisierung und zur steigenden Lebenserwartung mit anschaulichen Texten und Grafiken auf.


Der von der Monatszeitschrift "Le Monde diplomatique" herausgegebene neue "Atlas der Globalisierung spezial" trägt den Untertitel "Das 20. Jahrhundert. Der Geschichtsatlas". Die Herausgeber weisen mit dem Heft darauf hin, dass Geschichte gemacht wird – und dass die Vergangenheit oft vielschichtiger war, als es die vorherrschende öffentliche Erinnerungskultur erscheinen lässt.
Der Atlas erhebt nicht den Anspruch, sämtliche Fakten nachzutragen. Er holt aber einige Kapitel der Geschichte aus der Vergessenheit hervor, rückt andere in ein neues Licht und stellt Zusammenhänge her, die sich erst jetzt erschließen, mit größerem zeitlichem Abstand.

Ein Beispiel dafür bildet ein Beitrag, der sich dem Zusammenhang zwischen Bevölkerungswachstum und wirtschaftlicher Entwicklung widmet. Er beruht unter anderem auf dem Online-Handbuch Demografie und dem Discussion Paper "Schwieriges Wachstum" des Berlin-Instituts. Der Artikel erklärt, wie Südkorea und die anderen sogenannten Tigerstaaten Südostasiens durch eine Familienpolitik, die die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau sinken ließ, einen der Grundsteine für die ökonomische Entwicklung legte. Denn dadurch verbesserte sich das Verhältnis der Menschen im erwerbsfähigen Alter zu Kindern und älteren Menschen, die auf Unterstützung angewiesen sind. Da Südkorea rechtzeitig in die Bildung dieser potenziell Erwerbsfähigen investiert hatte und diese auch Arbeit fanden, gelang der Sprung nach vorn.

Ein anderes Beispiel für einen neuen Blickwinkel ist der Umgang der westlichen Industrieländer mit Südafrika: Erst seit Kurzem verurteilt die öffentliche Meinung der Weltgemeinschaft überwiegend einhellig, dass die westliche Welt jahrzehntelang die Augen vor dem Rassismus des Apartheid-Regimes verschloss und so gewinnträchtige Geschäfte abschloss. 1992 brach das System zusammen – und erst 2009 ließ ein New Yorker Gericht die seit Jahren angestrengten Klagen gegen große Konzerne und Banken zu.

Aber der Atlas bietet noch mehr als Informationen über die Vergangenheit und neue Perspektiven darauf. Am Beispiel der zunehmenden Urbanisierung zeigt der Atlas die Ambivalenz von globalen Entwicklungen, die auch gegenwärtig noch verlaufen und in Zukunft voraussichtlich andauern werden: Einerseits brachten – und bringen – der Strukturwandel und die Verstädterung durch den Wandel von bäuerlichen zu Industrie- und Dienstleistungsgesellschaften vielen Menschen mehr Wohlstand und mehr soziale Gerechtigkeit. Andererseits hat dies quer durch alle Branchen die soziale Ungleichheit zwischen den Gut- und den Schlechtverdienern wachsen lassen – sowohl in den Industrieländern als auch in den Schwellen- und schwach entwickelten Ländern. Zudem kennzeichnet den globalen modernen Dienstleistungssektor informelle, prekäre Arbeit, wie sie vor allem Zuwanderinnen aus Armutsregionen leisten, etwa philippinische Dienstmädchen in Hongkong oder mexikanische Kindermädchen in den USA.

Die Monatszeitung "Le Monde diplomatique", die mit ihren Veröffentlichungen nie nur informieren, sondern immer auch politische Handlungsmöglichkeiten und alternative Strategien aufzeigen will, hat mit dem Heft zum 20. Jahrhundert wieder einen lesenswerten Beitrag vorgelegt. Und insbesondere Lehrerinnen und Lehrern bietet er viel Material, um den Unterricht spannend zu gestalten und zu zeigen, wie sehr weltweite Entwicklungen alle Menschen angehen.

 

Rezension von Margret Karsch, Nachdruck unter Quellenangabe (Margret Karsch/ Berlin-Institut) erlaubt.



Le Monde diplomatique (2011): Atlas der Globalisierung spezial: "Das 20. Jahrhundert". Über 130 Karten und Schaubilder. Berlin. 102 Seiten, ISBN 978-3-9376, 12 Euro. Erschienen am 27. September 2011. www.monde-diplomatique.de.