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Le Monde diplomatique (Hg.)

 

Größe und Zusammensetzung von Bevölkerungen verändern sich – was folgt daraus für die Politik? Der neue "Atlas der Globalisierung" liefert Fakten und Analysen zu Alterung, Migration, Bevölkerungswachstum und anderen demografischen Entwicklungen weltweit.

Das Durchschnittsalter der Weltbevölkerung steigt – was hat diese Nachricht mit meinem alltäglichen Leben zu tun? Statistiken bleiben oft abstrakt. Der von der Monatszeitschrift "Le Monde diplomatique" herausgegebene neue „Atlas der Globalisierung“ zeigt die Bedeutung weltweiter Entwicklungen für den Einzelnen, indem er sie durch Beispiele und Grafiken veranschaulicht, Zusammenhänge herstellt, die politischen Rahmenbedingungen hinterfragt und Alternativen zu den gängigen Handlungskonzepten der Akteure auslotet.

Die Folgen der unterschiedlichen demografischen Entwicklungen gehören zu den Aufgaben, mit denen die Politik sich dringend auseinandersetzen muss und die dennoch für die Bürgerinnen und Bürger oft abstrakt bleiben. So lässt sich in nahezu allen Ländern der Welt eine Entwicklung von hohen zu niedrigen Geburten- und Sterberaten beobachten. Dieses Phänomen wird als „demografischer Übergang“ bezeichnet. Er vollzieht sich in zwei Phasen, die allerdings unterschiedlich lang andauern können: Vor langer Zeit lagen überall auf der Welt Geburten- und Sterberaten hoch. Dann sank letztere in den sich entwickelnden Staaten, während die Geburtenrate unverändert hoch blieb. In dieser Phase wächst die Bevölkerung. Später sank auch die Geburtenrate, und das Bevölkerungswachstum verlangsamte sich – zunächst in den Industrienationen, später in den Schwellen- und vielen Entwicklungsländern. Wenn schließlich die Geburten- unter die Sterbeziffer sinkt, kommt es zu einem Bevölkerungsrückgang. Die Bevölkerung wird älter.

Die Geburten- und Sterberate beeinflussen die Altersstruktur einer Bevölkerung – ebenso wie die Migration. Von der Struktur der Bevölkerung, vor allem deren Alter und Bildungsgrad, hängt die wirtschaftliche Entwicklung wesentlich ab. Deshalb fordern Bevölkerungsveränderungen die sozialen Systeme heraus: Sind viele Kinder und alte Menschen zu versorgen? Übernimmt dies die Gesellschaft oder die Familie? Teilen Frauen und Männer sich die hier anfallende Arbeit gleichermaßen? Wie kann ein finanzierbares Sozialsystem aussehen? Die Politik muss außerdem dafür sorgen, dass Zuwanderer sich integrieren können. Nur dann werden ihre Potenziale genutzt. Dabei dürfen die Folgen nicht außer Acht gelassen werden, die es für die Herkunftsländer hat, wenn junge Menschen ihre Heimat in großer Zahl verlassen und etwa von West- oder Ostafrika nach Westeuropa oder Nordamerika ziehen. In diesen Regionen muss der Hunger bekämpft, der Zugang zu sauberem Trinkwasser garantiert werden.

Der "Atlas der Globalisierung" stellt in allen Beiträgen auch die Frage: Wie können wir mehr Gerechtigkeit schaffen? Diese Frage richtet sich genauso an die professionellen politischen Macher wie an den Einzelnen. Das Heft sucht Antworten darauf und fordert dazu auf, Verantwortung zu übernehmen. Die Herausgeber sind dabei keine weltfremden Idealisten, sie glauben an Gestaltungsmöglichkeiten.

Ob es um wirtschaftliche Entwicklungen wie die gegenwärtige Finanzkrise geht, um die Energie- oder die Wasserversorgung, den Klimawandel oder Umweltschutz, regionale, nationale oder internationale Interessen und Konflikte – das Heft liefert zu allen wichtigen Themen, die die Welt gerade beschäftigen, grundlegende Informationen. Wem das nicht reicht, für den verweisen die Autoren auf die Quellen und weiterführende Literatur.

Die Monatszeitung "Le Monde diplomatique" ist eine der verlässlichen Institutionen, die regelmäßig einen kritischen Blick auf vorherrschende Strukturen wirft, auf intelligente Art Kritik übt und nach neuen Lösungen sucht. Wie die beiden vorherigen Ausgaben rückt der jüngste „Atlas der Globalisierung“ zudem Regionen in den Blick, die in den täglichen Nachrichten sonst nur am Rande vorkommen – obwohl die Probleme dort oft besonders dringlich sind. Die Verbindung von theoretischem und geschichtlichem Hintergrund sowie praktischen Vorschlägen, welche Reformen mehr Gerechtigkeit schaffen könnten, gelingt auch in diesem Heft. Die Autorinnen und Autoren sind anerkannte Wissenschaftler und Journalisten. Der Atlas ist in diesem Oktober zum dritten Mal erschienen – und wie 2003 und 2006 ist es ein Gewinn, ihn zu lesen.

 

Rezension von Margret Karsch, Nachdruck unter Quellenangabe (Margret Karsch/ Berlin-Institut) erlaubt.

 

Le Monde diplomatique: Atlas der Globalisierung. Berlin 2009, 313 S., 13 Euro.