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Die Zukunft der Städte
Ein Dokumentarfilm von Corinna Wichmann und Lukas Schmid

Die Filmemacher Corinna Wichmann und Lukas Schmid stellen drei geschlossene und bewachte Wohnanlagen vor: "Dainfern" in Johannesburg, Südafrika, „Palm Meadows" in Bangalore, Indien, und "Spanish Trail" in Las Vegas, USA. Die Kamera begleitet jeweils eine Bewohnerin oder einen Bewohner und gewährt so Einblicke in die Lebensgestaltung und den Tagesablauf innerhalb und außerhalb der Mauern. Auch die jeweilige Haltung zu der jeweiligen Gated Community wird deutlich. Außerdem kommen in dem Film Bedienstete und verschiedene Fachleute zu Wort, die über die verschiedenen Wohnformen und die sich dadurch verändernden oder auch verfestigenden gesellschaftlichen Verhältnisse nachdenken.

"Entdecken Sie den Ort, der Sie glücklich macht", wirbt Dainfern in Johannisburg. Die Gated Community verspricht Sicherheit und einen bestimmten Lebensstil, eine Nachbarschaft gut verdienender Hauseigentümer, die sich auf dem dazugehörigen Golfplatz trifft, sowie ein gepflegtes Gelände und Servicepersonal. Ein anderer Slogan Dainferns klingt fast wie eine Drohung: "Denken Sie nie, es könnte Ihnen nicht passieren". Johannesburg ist bekannt für seine im weltweiten Vergleich sehr hohen Kriminalitätsraten und Gewaltverbrechen. Fast jeder hat hier von eigenen Erfahrungen zu berichten. Das Gefühl der Unsicherheit ist in allen sozialen Milieus verbreitet. Die Immobilienmaklerin, die einer Kundin das Gelände und ein Haus zeigt, betont entsprechend stark die Effizienz des Sicherheitssystems: ein doppelter Zaun, der elektrisch geladen ist und pausenlos von Videokameras überwacht wird, eine doppelte Einlasskontrolle mit Führerschein-Scan und Code. Sicherheit ist das beste Verkaufs- und Kaufargument.

Die Maklerin, die selbst Golf spielt, hält Dainfern mit den rund 5.000 Bewohnern für den idealen Ort zum Leben. Als Angehörige einer vermögenden Schicht nimmt sie die Angestellten ganz selbstverständlich zum Putzen und zur Kinderbetreuung in Anspruch. Zwar ist die Apartheid in Südafrika abgeschafft, aber der Wohlstand ist immer noch sehr ungleich verteilt. Auch wenn eine Angestellte sagt, sie fühle sich wie die Schwester ihrer Arbeitgeberin, widerlegen die Bilder der Verhältnisse dies eindeutig - hier die Wellblechhütte, dort die Villa. In Dainfern haben die meisten Häuser vier Schlafzimmer, drei Bäder, Wohnzimmer, Küche, Esszimmer, eine Terrasse, und ein Zimmer für Bedienstete. In den Slums gibt es höchstens eine Miniatur davon: "Hier schlafe ich", sagt die Angestellte, und deutet auf ihr Bett, "hier koche ich", sie zeigt eine Kochnische, "hier wasche ich mich", sie hebt einen Waschbottich an.

Ein weiterer Angestellter lobt seine Arbeitsstelle ebenfalls: Er fühle sich in der Anlage sicher und wohl, sagt er - und das glaubt man ihm sofort, denn die Kamera, die ihn bei der Rückfahrt nach Hause begleitet, zeigt das Leben außerhalb der Zäune: enge Straßen voller Menschen in der Innenstadt, hohe Häuser mit kleinen Wohnungen, staubige Straßen, Slums. Der Kontrast ist riesig: Innen waren alle Menschen weiß, außen sind alle farbig, so scheint es. Sein Häuschen von einem Gartenzaun umgeben, mit zwei Türen gesichert - "hier gibt es keine Sicherheit, du musst dich und deine Familie selbst beschützen", sagt er. Er träumt davon, eines Tages auch in Dainfern zu leben - "in der Zukunft", sagt er, lacht und schaut nachdenklich in die Luft.

Gated Communities unterscheiden sich stark - wie auch die Mentalität ihrer Bewohner. Im indischen Bangalore folgt die Kamera einem charismatischen, erfolgreichen Unternehmer, der wegen der Ruhe und Sauberkeit mit seiner Familie in Palm Meadows lebt. Der Boom der IT-Industrie hat vielen Wohlstand gebracht und auch westliche Vorstellungen von Organisation. Der Privatmann kämpft - auch durch finanzielles Engagement - für intakte, saubere Verkehrswege und versucht, der Stadtverwaltung die Bedeutung für ein angenehmeres Leben und die Wirtschaft deutlich zu machen, da der Stau ihn täglich behindert. Straßenszenen zeigen die Schwierigkeiten, die das Land dabei hat, der wachsenden Bevölkerung eine funktionierende Infrastruktur zur Verfügung zu stellen. Seine Vision: Ganz Indien soll so aussehen wie Palm Meadows, dann wären Gated Communities überflüssig.

Als drittes Beispiel einer Gated Community zeigt der Film Spanish Trail in Las Vegas, USA. Die Straßen der Siedlung sind wie leergefegt, die identisch aussehenden Häuser wirken unbewohnt, die Garagentore sind geschlossen. Nur bei wenigen der Häuser steht ein Auto auf der Einfahrt. Ein Pensionär, der dort lebt, erzählt, wie unwohl und einsam er sich dort fühle, dass er fast keine sozialen Kontakte zur Nachbarschaft habe, obwohl er sie suche. Er und seine Frau leben nur noch wegen des kranken Hundes dort - sobald er tot ist, wollen sie wegziehen. Die Verwaltung der 1.200 Häuser schreibt den Eigentümern akribisch vor, wie die Straßenfront und Vorgärten auszusehen haben, ein sogenannter Sicherheitsschutz kontrolliert 24 Stunden am Tag. Er meldet der Zentrale offene Garagentore, die den Blick auf darin stehende Dinge freigeben könnten, auf der Einfahrt parkende Autos, zu früh oder zu lange vor dem Haus stehende Mülltonnen. Wieso die Bewohner sich freiwillig diesen Regeln unterwerfen, bleibt offen. Der lokale Frisör liefert einen Erklärungsansatz: Er schätzt den Ort, weil er sich hier unter Gleichgesinnten fühlt.

Es ist ein sehenswerter und unterhaltsamer Film, der zum Nachdenken anregt. Er macht das Konfliktpotenzial deutlich, das das Wohlstandsgefälle innerhalb der Länder birgt, und nimmt das Sicherheitsbedürfnis der Reicheren sowie den Wunsch nach einer gleichförmigen Umgebung ernst, ohne die Ambivalenz dieses Rückzugs aus der Gesellschaft zu verschleiern: Verschiedene gesellschaftliche Gruppen grenzen sich voneinander räumlich ab, teilen immer weniger Erfahrungen und Begegnungen und verlieren so immer mehr das Verständnis füreinander. Das ist nicht ohne Risiko für den gesellschaftlichen Zusammenhalt, den eine Demokratie braucht - und fördert möglicherweise das Risiko von Zusammenstößen noch. Zwar zeigt der 80-minütige Film nicht, wie der Untertitel nahe legt, "die Zukunft der Städte", aber er leuchtet zumindest eine Facette der gesellschaftlichen und städtebaulichen Entwickungen aus: die Gated Communities. "Auf der sicheren Seite" läuft ab dem 29. April 2010 bundesweit in den Kinos.

Wichmann, Corinna/Schmid, Lukas (2010): Auf der sicheren Seite.