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von Gabriele Doblhammer (Hsg.)

 

Wir leben immer länger. Eine 80-jährige Frau in Deutschland kann heute mit ebenso vielen weiteren Lebensjahren rechnen wie eine 75-Jährige vor 50 Jahren. Rein statistisch hat sie gegenüber den Vorgängergenerationen auch an „gesunden Jahren“ hinzugewonnen: Vieles deutet darauf hin, dass sich die „alterstypischen“ Erkrankungen oder Behinderungen ins höhere Alter verschoben haben. Das gilt allerdings nicht überall in gleichem Ausmaß. Sowohl die durchschnittliche Lebenserwartung als auch der Anteil an der Lebenszeit, der von Krankheit und anderen Beeinträchtigungen geprägt ist, fallen regional unterschiedlich aus.

Das ist die wichtigste Erkenntnis aus dem Band „Health Among the Elderly in Germany“. Herausgegeben hat ihn Gabriele Doblhammer, Professorin für Empirische Sozialforschung und Demographie an der Universität Rostock und Direktorin des Rostocker Zentrums zur Erforschung des  Demographischen Wandels. Der Band versammelt Artikel verschiedener Forscherinnen und Forscher, hauptsächlich von der Universität Rostock. Ihre Beiträge entsprechen dem Standard wissenschaftlicher Publikationen und sind daher nicht gerade flüssig lesbar. Wenigstens die Herausgeberin liefert eine einigermaßen griffige Zusammenfassung – zum Glück, denn die Befunde sind von großem Interesse. Angesichts des steigenden Anteils Älterer und Hochbetagter an der Bevölkerung drängen sich dem Gesundheitssystem wichtige Fragen auf: Was bedeutet das längere Leben für die Gesundheit dieser wachsenden Gruppe? Nehmen alterstypische Erkrankungen und Beeinträchtigungen zu? Werden mehr Menschen pflegebedürftig?

 

Wohlstand steigert Chancen auf gesundes Alter

 

Für die nach Regionen aufgeschlüsselte Analyse konnten die Wissenschaftler auf umfangreiche Daten einer gesetzlichen Krankenversicherung zurückgreifen. Als „Vorreiter“ haben sie jene Regionen oder Bevölkerungsgruppen identifiziert, in denen Menschen sowohl bei der Lebensspanne als auch bei den „gesunden Jahren“ Höchstwerte erreichen und somit gewissermaßen zeigen, was mithilfe von Prävention und unter optimalen Lebensbedingungen möglich wäre. Eine Analyse bestätigt einen signifikanten Zusammenhang zwischen Gesundheit und bestimmten soziökonomischen Merkmalen. Ältere Bewohner städtischer, dicht besiedelter Gebiete mit hohen Pro-Kopf-Haushaltseinkommen, niedriger Langzeitarbeitslosigkeit und geringer vorzeitiger Sterblichkeit bleiben länger frei von Einschränkungen bei der alltäglichen Lebensführung, kommen also länger ohne Leistungen aus der gesetzlichen Pflegeversicherung aus. Eine andere Arbeit in dem Band zeigt, dass weniger Gebildete ein deutlich höheres Risiko haben, langzeitpflegebedürftig zu werden.

Die verwendeten Krankenversicherungsdaten geben darüber hinaus Aufschluss über die Zahl gesicherter Demenzdiagnosen nach Alter und Wohnort. Das ist wertvoll, denn die bislang existierenden Daten zur Häufigkeit von Demenz beruhen auf Mittelwerten aus verschiedenen, methodisch unterschiedlich erhobenen Studien und sind damit nicht nur wenig verlässlich, sondern darüber hinaus für altersspezifische Analysen unbrauchbar. Diese sind jedoch wichtig, denn die Wahrscheinlichkeit, an Alzheimer oder einer anderen Form von Demenz zu erkranken, steigt mit zunehmendem Alter an. Weil der demografische Wandel immer mehr Menschen immer länger leben lässt, wird sich also auch die Zahl der von Demenz Betroffenen erhöhen. Demenz führt in den meisten Fällen zu eingeschränkter Alltagskompetenz und Langzeitpflegebedürftigkeit – bei manchen früher, bei manchen später.

 

Demenz tritt dort gehäuft auf, wo auch Bluthochdruck und hohe Cholesterinspiegel häufig sind

 

Der Band gibt Aufschluss darüber, wo in Deutschland die Herausforderungen durch Demenzerkrankungen besonders hoch sind. In den Städten Stuttgart, Frankfurt und Mainz, im Raum Köln-Bonn sowie in Schleswig-Holstein und Niedersachsen leben vergleichsweise wenige Menschen mit Demenz. In Bayern, dem Saarland und dem Ruhrgebiet tritt dagegen der allmähliche Verlust von Gedächtnis, Denk- und Lernfähigkeit am häufigsten auf. Diese räumliche Verteilung der Demenzhäufigkeit in Deutschland deckt sich weitgehend mit jener des Auftretens von Diabetes, Bluthochdruck und hohem Cholesterinspiegel, den drei größten Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Diese Übereinstimmung verwundert kaum, denn neben dem fortschreitenden Alter spielen ebendiese Risikofaktoren auch bei der Entstehung der gefäßbedingten Demenzen eine Rolle. Bluthochdruck und hohe Cholesterinwerte erhöhen das Risiko von Schlaganfällen, die zu Ausfällen von Gehirnfunktionen führen und Demenz auslösen können. Es ist nicht ganz klar, ob dies auch für die Alzheimer-Demenz gilt, aber häufig liegen Mischformen vor. Daher ist der Zustand von Herz und Gefäßen in jedem Fall von Bedeutung.

Der Schlaganfall ist generell eine der Hauptursachen für Beeinträchtigungen, die zu Pflegebedürftigkeit führen. Zwar haben sich die Überlebenschancen nach einem Gefäßverschluss, der Lähmungen, Sprachstörungen oder andere Ausfällen von Gehirnfunktionen zur Folge hat, deutlich erhöht: In der bundesdeutschen Todesursachenstatistik sind Schlaganfälle vom vierten Platz im Jahre 1998 bis 2013 auf den achten gerutscht. Aber bei den Patienten, die überlebt haben, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sie aufgrund der Schädigung des Gehirns pflegebedürftig bleiben. Nach Angaben des Bundesverbandes Deutscher Internisten ist das jeder zweite.

Auch die Rostocker Wissenschaftler widmen sich dem Schlaganfall und seinen Folgen. Laut ihren Erkenntnissen sind die Chancen auf eine vollständige oder zumindest teilweise Erholung umso größer, je besser die medizinische Versorgung in der Folge ist. Im Vergleich zwischen zehn Staaten Nord-, West- und Südeuropas schneidet dabei Schweden weitaus am besten ab, gefolgt von Belgien, Frankreich und Deutschland, das etwa dasselbe Niveau wie Österreich und die Schweiz erreicht. In Italien liegt hingegen die Wahrscheinlichkeit, nach einem Schlaganfall in der alltäglichen Lebensführung stark eingeschränkt zu sein, fast doppelt so hoch wie in den westeuropäischen Ländern.

 

Demenzpatienten von Neurologen seltener pflegebedürftig

 

90 Prozent aller Menschen mit Demenz benötigen am Ende ihres Lebens Pflege – und zwar längere Zeit als Menschen mit körperlichen Erkrankungen oder Behinderungen. Eine Gruppe von Wissenschaftlern hat untersucht, ob Erkrankte, die Antidementiva einnehmen – Medikamente, die den Abbau der geistigen Funktionen nicht verhindern, sondern lediglich etwas verzögern – eher Pflegeleistungen in Anspruch nehmen als andere. Wider Erwarten verzeichnen ausgerechnet die mit Medikamenten behandelten Patienten ein höheres Risiko, pflegebedürftig zu werden. Dies könnte daher rühren, dass Antidementiva erst in fortgeschrittenem Stadium verabreicht werden. Darüber hinaus ist die Fachkenntnis des behandelnden Arztes von großer Bedeutung. So zeigt sich, dass Demenzpatienten, die einen Neurologen konsultieren, seltener pflegebedürftig werden als solche in der Behandlung von Allgemeinmedizinern – und das, obwohl Fachärzte häufiger Antidementiva verschreiben als Hausärzte. Womöglich wissen Hausärzte oft weniger über die vorhandenen Behandlungsmöglichkeiten.

Die in diesem Band versammelten Ergebnisse zeigen deutlich, dass die Gesundheitspolitik sich insbesondere um die Bewohner ländlicher Gebiete kümmern muss, denn Spezialisten sind dort rar gesät. Außerdem müssen weniger gut gestellte Bevölkerungsgruppen sowie Migranten stärker in den Fokus rücken. Nur so können im demografischen Wandel mehr Menschen als bisher von der Tendenz zur Verschiebung alterstypischer Erkrankungen ins höhere Alter profitieren.

 

Rezension von Sabine Sütterlin, Nachdruck unter Quellenangabe (Sabine Sütterlin / Berlin-Institut) erlaubt.

 

Gabriele Doblhammer (Hrsg.) (2014): Health Among the Elderly in Germany. New Evidence on Disease. Disability and Care Need. Series on Population Studies, Beiträge zur Bevölkerungswissenschaft, herausgegeben vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung, Band 46. Opladen/Berlin/Toronto: Barbara Budrich Publishers. 214 Seiten. 35 Euro.

 

Quellen:

 Gesundheitsberichterstattung des Bundes (2015): Sterbefälle (absolut, Sterbeziffer, Ränge, Anteile) für die 10/20/50/100 häufigsten Todesursachen (ab 1998). www.gbe-bund.de.