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Christlicher Fundamentalismus in den USA und die internationale Politik.
Von Barbara Victor

 

Dass im Weißen Haus derzeit ein Präsident regiert, der betet, ist weithin bekannt. George Bush hat nie ein Hehl daraus gemacht. Von der von den Gründervätern der USA einst verfügten Trennung von Staat und Politik vermittelt er wenig. Mit der weltweiten Ablehnung seiner Politik hat dadurch auch das Gebet des Präsidenten und zahlreiche seiner Mitarbeiter für viele Menschen, Christen und Nichtchristen, einen negativen Beigeschmack bekommen. Diesem Gefühl verdankt die deutsche Übersetzung des Buches der amerikanischen Fernsehjournalistin Barbara Victor wohl ihren schlecht gewählten Titel. Der Untertitel kommt der Sache näher: Es geht um den christlichen Fundamentalismus und einige zentrale Bereiche der Außenpolitik, insbesondere die Evangelikalen und Israel. Die Autorin hat sich viele Jahre mit der Entwicklung im Nahen Osten beschäftigt.

Auf den ersten 200 Seiten des Buches geht sie der Frage nach, wie es dazu kommen konnte, dass evangelikale Christen in den letzten Jahren einen so großen Einfluss auf die Politik bekommen konnten. Sie stützt sich dabei stark auf Interviews, die sie in den vergangenen Jahren mit führenden Protagonisten gemacht hat, und ergänzt deren Aussagen durch Literaturrecherchen. Das macht das Buch anschaulich und verleiht ihm eine gewisse Authentizität, führt aber auch gelegentlich in einen etwas unangenehmen Entlarvungsstil. Ein Zerrbild aber zeichnet sie nicht, das Buch ist im Gegenteil durchaus geeignet, hiesige Zerrbilder von fanatischen Abtreibungsgegnern und militanten Kämpfern gegen die "Achse des Bösen" zu korrigieren: "Die neuen Evangelikalen waren selbstbewusst, gebildet, kultiviert und überzeugend, und man konnte sie nicht mehr als bibelbewehrte, raffgierige Wanderprediger abtun. In ihrer Mehrheit waren sie geachtete Säulen des amerikanischen Bürgertums und gingen außerordentlich clever zu Werke." Sie haben dabei geschickt ausgenutzt, dass viele US-Bürgerinnen und Bürger durch die wilden sechziger und siebziger Jahre, die ihnen folgende Politik der Unterstützung lautstarker Minderheiten und den von vielen so empfundenen moralischen Bankrott der Clinton-Jahre verunsichert und abgestoßen waren. Hinzu kamen demütigende außenpolitische Ereignisse, wie die Belagerung der US-Botschaft in Teheran und schließlich die Anschläge des 11. September 2001.

Victor schildert die beunruhigenden Konsequenzen der so stark gewordenen militanten Frömmigkeit: Schwächung der Gewaltenteilung, Aushöhlung der Toleranz, Schwarz-Weiß-Denken, ein quasi-religiöser Nationalismus, der inzwischen auch auf andere Glaubensgemeinschaften ausstrahlt (Katholiken und Juden zum Beispiel). Außenpolitisch hat die Bibeltreue vieler Christen zu einer militanten Unterstützung des Staates Israel geführt eine Unterstützung, die auch vielen Juden willkommen ist, die ansonsten wenig mit der innenpolitischen Agenda der evangelicals gemeinsam haben (Kampf gegen Abtreibung und gleichgeschlechtliche Ehe).

Ausgangspunkt ist dabei die Offenbarung des Johannes (9, 13 ff). Erst wenn die Juden das ganze Heilige Land wieder besiedelt und die Palästinenser daraus vertrieben haben, so die auf die heutige Situation angewendete Lesart, kommt es zur letzten Schlacht zwischen den Mächten des Guten und des Bösen im Tal von Armageddon, dem dann das Tausendjährige Reich Jesu folgen werde. Victor schildert eindrucksvoll und zum Teil aus eigener Anschauung, welche Verbindungen ideeller und finanzieller Art zwischen Israelis und sie unterstützenden amerikanischen Juden auf der einen und evangelicals auf der anderen Seite gibt, wobei viele Juden die sie beunruhigenden Elemente dieser Allianz (antisemitische Untertöne und ihre Wahrnehmung als zu Bekehrende) auszublenden verstehen. Hinzu kommt, dass viele Amerikaner seit der zweiten Intifada beziehungsweise dem 11. September 2001 davon überzeugt sind, dass Israel und die USA gemeinsam Terroristen bekämpfen. Die gegenwärtige Unterstützung der USA für Israels harte und von vielen als nicht verhältnismäßig angesehene Reaktion auf die Angriffe der Hisbollah machen insbesondere das Kapitel über die Allianz zwischen evangelicals und amerikanischen/israelischen Juden auf beklemmende Weise aktuell.

Barbara Victor geht nicht auf das übrige außenpolitische Engagement der evangelicals ein, etwa das in den letzten Jahren stark gestiegene Interesse an Afrika, dessen Not und Glaubensstärke viele amerikanische Christen bewegt. Auch von China, überhaupt von Asien außerhalb des Iran, ist nicht die Rede, ebensowenig vom Nachbarkontinent Lateinamerika. Insofern erfüllt das Buch die vom Untertitel geweckten Erwartungen nicht. So bleibt das Urteil am Ende zwiespältig. Empfehlenswert ist vor allem das Kapitel über die Evangelikalen und Israel; die allgemeine Einführung enthält zwar viele interessante Details, deren Fülle jedoch auch streckenweise ermüdet. Und leider gibt es kein Register, das die Orientierung erleichtern würde.

 

Rezensiert von Renate Wilke-Launer (erstmals abgedruckt in: Der Überblick 3 (2006), S. 120).

 

Barbara Viktor: Beten im Oval Office. Christlicher Fundamentalismus in den USA und die internationale Politik.
Pendo Verlag,
München 2005,
341 S.,
19,90 Euro.                                                 

 

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