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von der Autorengruppe Bildungsberichterstattung

 

Der fünfte Bildungsbericht konstatiert Fortschritte und verweist auf verbliebene Herausforderungen – detailliert widmet er sich der Situation von Menschen mit Behinderung.

Bildung ist die Grundlage des friedlichen Zusammenlebens. Sie verleiht dem Einzelnen das Rüstzeug, sein Leben in Eigenregie zu gestalten. Doch Bildung ist auch aus volkswirtschaftlicher Perspektive wichtig – vor allem in Zeiten von Fachkräftemangel und einer alternden Bevölkerung. Denn wo anteilig weniger Menschen zur Verfügung stehen, um den Wohlstand des Landes zu erwirtschaften, kommt den Fähigkeiten und Kenntnissen jedes Einzelnen eine noch größere Bedeutung zu. Und diese Fähigkeiten sind das Resultat von Bildung – im frühen Kindesalter, in Schulen, in Hochschulen oder auch in Weiterbildungsprogrammen.

Die Bildungsberichte der pragmatisch betitelten Autorengruppe Bildungsberichterstattung zeichnen seit 2006 alle zwei Jahre ein detailliertes Bild der Lernlandschaft in Deutschland. Dafür stützen sie sich auf eine Vielzahl von Indikatoren. Im Grunde genommen lohnt sich eine Rezension des fünften Bildungsberichts nur bedingt, da er sich, abgesehen vom Spezialthema „Menschen mit Behinderung“, kaum von seinen Vorgängern unterscheidet. Er umfasst wie alle Bildungsberichte 342 Seiten, ist wie seine Vorgänger in einem blau-grauen Farbschema gehalten, besitzt die gleiche inhaltliche Gliederung und lässt sich ähnlich mühsam lesen.

Warum sich eine Rezension des Berichts trotzdem lohnt, zeigt die Höhe der präsentierten Kennzahlen. Denn hinter scheinbar altbekannten Trends, etwa der wachsenden Zahl von Kleinkindern in Tagesbetreuung und Frühförderung oder dem steigenden Anteil der Akademiker an der Gesamtbevölkerung, verbergen sich einige neuartige Details: So beginnen in Deutschland erstmals mehr Menschen ein Studium als eine duale Berufsausbildung. Doch sind die Unterschiede zwischen akademischer und berufspraktischer Bildung heute ohnehin häufig fließend. Richtigerweise erklären die Autoren denn auch die Schnittstelle von Berufsausbildung und Hochschulbildung zu einem Haupthandlungsfeld und fordern eine transparentere Bewertung von Erfolg und Misserfolg der diversen Zwischenformen, die akademische Elemente mit Firmenpraxis verbinden.

Bemerkenswert ist auch der Anstieg der Weiterbildung unter Erwachsenen. Erstmals seit 1997 ist die Teilnahmequote angestiegen, und zwar deutlich: von 42 auf 49 Prozent. Zu verdanken ist dies den Betrieben, die ihren Angestellten immer häufiger Weiterbildungen ermöglichen und so dazu beitragen, dass das von EU, OECD und anderen schon lange propagierte Ideal des lebenslangen Lernens sich auch in Deutschland mit Leben füllt.

Über neue Bildungstrends hinaus stellt der Bericht eindrücklich das Zusammenspiel von gesellschaftlichen Umwälzungen und Bildungssystem dar und zeigt, dass sich dieses nicht immer einfach gestaltet. So führt die anhaltende Landflucht gerade in Ostdeutschland zu immer größer werdenden Versorgungsengpässen auf dem Land. Der durchschnittliche Einzugsbereich von Grundschulen ist dort inzwischen fast doppelt so groß wie in Westdeutschland. Seit 1998 ist die Zahl der allgemeinbildenden Schulen um 19 Prozent zurückgegangen – und das, obwohl vielerorts private Träger eingesprungen sind. Deutschlandweit gibt es inzwischen 3.500 freie Schulen – etwa 1.300 mehr als noch 1998. Private Hochschulen, berufliche Schulen und Kindertageseinrichtungen verzeichnen ähnliche Zuwächse. Getragen werden diese Einrichtungen häufig von kirchlichen Akteuren wie Caritas oder Diakonie. Das daraus resultierende Konfliktpotenzial, etwa bei der Vereinbarkeit von kirchlichem und staatlichem Arbeitsrecht, thematisiert der Bildungsbericht leider nicht.

Überhaupt bleiben die Schlussfolgerungen, die am Ende eines jeden Kapitels unter der Überschrift „Perspektiven“ stehen, sehr allgemein. Statt konkrete Akteure zu benennen, appelliert der Bericht häufig mit Phrasen wie „ist zu klären“ oder „wird zu diskutieren sein“ an jeden und niemanden. Ob das den Autoren allerdings zum Vorwurf gemacht werden kann, ist dennoch fraglich. Denn die deutsche Bildungslandschaft ist so heterogen und komplex, dass ein Bericht – zumal wenn er vorrangig Zahlen präsentiert – kaum tief in jedes Thema einsteigen kann.

Insgesamt wird der fünfte Bildungsbericht seinem Anspruch als zentrales Nachschlagewerk für Bildungsindikatoren mehr als gerecht – schon allein, weil der Datenanhang ein Drittel aller Seiten verschlingt. Im Vergleich zu seinen Vorgängern betritt der aktuelle Band darüber hinaus Neuland. Denn erstmals präsentiert er kognitive Kompetenzen von Kindern vor Schuleintritt sowie von Erwachsenen. Er folgt damit dem Zeitgeist, der „direkte“ Bildungsmaße mehr und mehr als Zusatzinformation zu Abschlüssen und anderen formalen Zertifikaten ansieht.

 

Rezension von Stephan Sievert, Nachdruck unter Quellenangabe (Stephan Sievert/ Berlin-Institut) erlaubt.

 

Autorengruppe Bildungsberichterstattung. Bildung in Deutschland 2014. Ein indikatorengestützter Bericht mit einer Analyse zur Bildung von Menschen mit Behinderungen. W. Bertelsmann Verlag. Bielefeld 2014. 342 Seiten. 49,90 Euro.