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von Majken Bieniok

 

Eine Dissertation an der Berliner Humboldt-Universität zeigt, was Menschen an Metropolen mögen oder verachten und auch, ob das überhaupt jemanden interessiert. Die Ergebnisse wurden nun in einer Kurzfassung veröffentlicht.

Berliner sind unfreundlich, schnodderig und eigentlich immer unzufrieden. Sei es damit, dass sie für ihre kürzlich modernisierten Altbauwohnungen weit mehr auf den Tisch legen müssen als noch vor zwanzig Jahren für ähnlich große, dafür deutlich schäbigere Objekte. Sei es, weil es der S-Bahn nicht immer gelingt, das dicht ausgebaute Schienennetz zuverlässig nach Plan zu bedienen oder aber, weil die begeisterten und fotografierenden Touristengruppen die Bürgersteige und Fahrradwege verstopfen. Die Berliner meckern und motzen viel und gerne – vor allem über Bezirksverwaltung, Senat und den Regierenden Bürgermeister. Dass das nicht ganz zu Unrecht geschieht, hat die Umweltpsychologin Maiken Bieniok in ihrer Dissertation herausgefunden. Denn vielen Stadtplanern scheinen die Bedürfnisse ihrer Bewohner egal zu sein.


In der Metropole lebt sich’s überwiegend gut
Die Ergebnisse von Bienioks Promotionsschrift sind kürzlich unter dem Titel „Das Konzept der idealen Metropole in Theorie und Praxis am Beispiel von Berlin“ erschienen. Darin erklärt und untersucht die Autorin zunächst, was Metropolen überhaupt sind, was Menschen an ihnen mögen und welche ihrer Eigenschaften sie als abstoßend empfinden. In einer komplexen Aneinanderreihung von Umfragen und psychologischen Tests kommt sie dabei zu einem recht einfachen Ergebnis: Die meisten von über 70 typischen Metropoleneigenschaften, etwa große Mobilität, vielfältige Freizeitangebote sowie aufgeschlossene Bewohner oder auch die wichtige Stellung als Dienstleistungs-, Handels- und politisches Zentrum machen Metropolen zu lebenswerten Orten. Denn sie helfen, die persönlichen, körperlichen und sozialen Bedürfnisse ihrer Bewohner zu befriedigen. Andere Eigenschaften wiederum, etwa Chaos, Kriminalität und soziale Konflikte, mindern die Lebensqualität in Metropolen. Das alleine überrascht nicht sonderlich. Weil der wissenschaftliche Weg zu diesem Ergebnis aber so kompliziert war, nimmt dessen Beschreibung im Buch über 100 Seiten ein.

Stadtplanung ist kein Wunschkonzert
Auf den verbleibenden 20 Seiten wird es dafür umso spannender. Denn hier zeigt Bieniok, dass es für Städteplaner oft überhaupt keine Rolle spielt, welche Metropoleneigenschaften die Einwohner als wichtig und gut bewerten. Das trifft zumindest für Deutschlands größte Stadt Berlin zu. Dort hat die Wissenschaftlerin sowohl mit den Hauptstädtern als auch mit Experten aus Stadtplanung und -entwicklung gezielte Untersuchungen vorgenommen. Sie zeigt: Berliner Städteplaner schenken den Bedürfnissen ihrer Bevölkerung häufig nicht genügend Beachtung – und das, obwohl sie die Wünsche ihrer Bewohner kennen und diese sogar als wichtig für eine positive Stadtentwicklung erachten. Tonangebend für ihr Handeln seien dagegen wirtschaftliche oder theoretische Erwägungen. Die Wünsche der Bürger sind also im politischen Alltag weitestgehend egal.

Doch obwohl dieses Ergebnis interessant ist, hat es – entgegen den Aussagen der Autorin – beinahe keine Relevanz für die politische Praxis. Das liegt vor allem daran, dass die von ihr benannten Metropoleneigenschaften, die Bewohner zufrieden stimmen, sehr schwammig sind. So zählen laut Bieniok etwa „internationaler Einfluss“ oder auch „freundliche Menschen“ dazu. Ob und wie Stadtplanung darauf überhaupt Einfluss nehmen kann, thematisiert die Autorin nicht. Andere Eigenschaften wie etwa „viele Treffpunkte von Straßen“ oder „bekannte Grünanlagen“ sind zwar Ergebnis einer aktiven Stadtplanung, jedoch leiten sich aus ihnen keine logischen Handlungsempfehlungen ab. Damit bleibt das Werk für die aktive Politikgestaltung in Berlin und in anderen Metropolen eher unbrauchbar. Die Autorin verfehlt damit ihr selbsternanntes Ziel, einem „Unzufriedenheitspotenzial in der Stadtplanung und –entwicklung vorzubeugen“.

 

Rezension von Ruth Müller, Nachdruck unter Quellenangabe (Ruth Müller/ Berlin-Institut) erlaubt.

 

Majken Bieniok: Das Konzept der idealen Metropole in Theorie und Praxis am Beispiel von Berlin. Peter Lang Internationaler Verlag der Wissenschaften, Frankfurt am Main. 2012. 209 Seiten. 44,80 Euro.