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von Arno Geiger

Arno Geigers Buch über seinen alzheimerkranken Vater öffnet den Blick dafür, dass Demenz nichts anderes ist als "der Stoff, aus dem das Leben gemacht ist"

 

Demenz bedeutet Verlust. Und Demenz bedeutet Last, sowohl für Betreuende als auch für die betroffene Person selbst. Auch diese Aspekte kommen zur Sprache in dem Buch, das der 1968 geborene österreichische Schriftsteller Arno Geiger über seinen Vater und dessen Alzheimer-Erkrankung geschrieben hat: Das unnötige Aufreiben, bis die Familie endlich erkennt, dass August Geiger sich nicht einfach "hängen lässt", sondern dass ihm alles bisher Vertraute fremd geworden ist. Die Erschöpfung der Angehörigen, wenn Ängste und Unruhe den greisen Mann plagen oder wenn er nachts im Pyjama durchs Dorf irrt. Die Hilflosigkeit, wenn er sich den slowakischen Betreuerinnen verweigert, die zur Entlastung der Familie engagiert werden, bis schließlich nur der Umzug in das örtliche Pflegeheim bleibt.

 

Doch Arno Geiger sieht nicht nur, was verloren geht. Vielmehr richtet er sein Augenmerk auf die noch vorhandenen und vor allem auf neu gewonnene Fähigkeiten des Vaters. Dadurch erlebt er die Krankheit, trotz aller Belastungen, letztlich als bereichernd. Geiger gelingt es, das ohne jegliches Pathos zu beschreiben, aus einer heiter-gelassenen Haltung heraus und in schnörkellosen, lakonischen Sätzen. Manche Rezensenten sind dem Autor "dankbar", dass er seine Erfahrungen und Einsichten mit ihnen geteilt hat. Normale Leser offenbar auch: "Der alte König in seinem Exil" steht seit seinem Erscheinen Anfang Februar weit oben auf den Bestsellerlisten.

 

Dabei liefert das Buch keine Rezepte. Kann es auch nicht, weil jeder Mensch mit Demenz anders ist. Aber es öffnet den Blick dafür, wie sich im Umgang mit dementen Menschen Gelassenheit einstellen kann. Und die ist nötig, damit Demenz "in der Mitte der Gesellschaft ankommt", wie im Demenz-Report des Berlin-Instituts gefordert.

 

Irgendwann erkennt Geiger, dass er mit seinem Vater nur kommunizieren kann, wenn er sich in dessen Welt begibt. Denn der umgekehrte Weg ist verbaut. Dabei hat die schwindende Erinnerung Vorteile: Die Konflikte aus der Zeit, da der pubertierende Jüngling sich an der Zurückgezogenheit des Vaters und an der missglückten Ehe der Eltern rieb, sind vergessen. Der Sohn kann sich dem Vater fast so unbefangen nähern wie dessen Enkelin, die ihren Großvater nur mit Alzheimer kennt.

 

Geiger findet Gefallen an kreativen Wortspielen und alten Redensarten, an magischen Sätzen und originellen Einfällen, die dem Vater in entspannten Stunden "locker aus dem Mund fallen". Beinahe wird der Schriftsteller neidisch: "Warum fällt mir so etwas nicht ein?" Die kurzen Dialoge, die zwischen den einzelnen Kapiteln eingestreut sind, vermitteln einen guten Eindruck davon, dass ein Gespräch mit einem dementen Menschen dem, der sich dafür öffnet, neue Horizonte erschließen kann. Witz und tiefe Weisheit liegen dabei nahe beieinander. Auf die Frage, wie es ihm gehe, antwortet der Vater einmal: "Also, ich muss sagen, es geht mir gut. Allerdings unter Anführungszeichen, denn ich bin nicht imstande, es zu beurteilen."

 

So oft er kann, reist Geiger von Wien in seine Heimat, das vorarlbergische Dorf Wolfurt, um sich um den Vater zu kümmern. Das heißt vor allem: sich Zeit zu nehmen. Je weiter die Krankheit voranschreitet und je weniger der Vater sich über seine Ausfälle den Kopf zerbricht, desto mehr gewinnen dessen grundsätzlich heitere Wesensart und Kontaktfreudigkeit die Oberhand. Während Arno Geiger sich mit dem Leben seines Vaters beschäftigt, geht ihm dessen ironische Wendung auf: August Geiger war von seinen Erlebnissen in russischer Kriegsgefangenschaft so verstört, dass er zeitlebens nicht einmal für Ferien mehr aus Wolfurt weg wollte – und jetzt erkennt er seinen Heimatort nicht wieder. Wenn die Angehörigen dem alten Mann sagen, dies sei sein Zuhause, argwöhnt er, das könne schon sein, aber vielleicht habe das auch nur jemand täuschend ähnlich nachgebaut.

 

Solche Gedankengänge sind auch Menschen ohne Demenz nicht fremd. Film und Literatur haben sich mit der Vision, fremdgesteuert in einer Kulissenwelt zu leben, beschäftigt. Vielleicht ist Demenz wirklich, wie Arno Geiger schreibt, die Krankheit des Jahrhunderts, eine Metapher für die zunehmende Schwierigkeit, sich in einer immer weiter technisierten und fragmentierten Welt zurechtzufinden: "Auch für einen einigermaßen Gesunden ist die Ordnung im Kopf nur eine Fiktion des Verstandes."

 

Rezension von Margret Karsch, Nachdruck unter Quellenangabe (Margret Karsch/ Berlin-Institut) erlaubt.

 

Arno Geiger: Der alte König in seinem Exil. Carl Hanser Verlag, München 2011. 190 Seiten, 17,90 € (D) / 26,90 sFR (CH) / 18,40 € (A).

 

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