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Fußball, Migration und die Vielfalt der Identitäten in Deutschland
von Diethelm Blecking, Gerd Dembowski (Hg.)

Vom 11. Juni an werden 32 Mannschaften einen Monat lang um die begehrteste Trophäe der Fußballwelt kämpfen. Es ist das 19. Mal, dass sich die Profi-Spieler auf globaler Ebene treffen – mit der erstmaligen Veranstaltung 1930 in Uruguay hat das Turnier inzwischen allerdings nur noch wenig gemein. Besonders deutlich wird das angesichts der Medialisierung und Kommerzialisierung des Profi-Fußballs. Zudem müssen die siegreichen Spieler heute nicht mehr die gewalttätige Rache des gegnerischen Publikums fürchten. Hatten die argentinischen Fußballer im Finale 1930 noch Angst davor, einen Sieg über Uruguay außerhalb des Stadions mit dem Leben bezahlen zu müssen, wird die Weltmeisterschaft heute immer mehr als ein Fest der Völkerverständigung wahrgenommen.

 

Dies trägt auch den Entwicklungen auf dem Spielfeld Rechnung, wo die Unterschiede zwischen den einzelnen Teams immer mehr verwischen. So sind von den 544 im aktuellen Panini-Album aufgeführten WM-Spielern immerhin 59 nicht in dem Land geboren, für das sie spielen – und viele mehr haben ausländische Wurzeln. Allein im deutschen Team haben zwölf der 24 Spieler des vorläufigen WM-Kaders einen "Migrationshintergrund", sind also selbst zugewandert oder Kinder von Zuwanderern. Noch weitaus beeindruckender liest sich die Statistik des Wohnorts: 352 Spieler verdienen ihr Geld außerhalb des eigenen Landes, das entspricht 65 Prozent aller teilnehmenden Fußballer. Ist der Fußball also die kosmopolitische Welt, die ein friedliches Miteinander der Völker in Zukunft garantieren kann? Oder bilden die Profis bloß Ausnahmen, die vom wirklichen Leben abgekapselt sind?

 

Diesen und anderen Fragen rund um die Themen Fußball und Migration haben sich die Autoren des Sammelbandes "Der Ball ist bunt" anhand einer Bestandsaufnahme der deutschen und europäischen Fußballlandschaft genähert. Herausgekommen ist ein buntes Sammelsurium an Essays und Interviews, das die Vielfalt der Identitäten im deutschen Profi- und Amateurfußball sowie in der Historie des Fußballs in Europa anschaulich schildert. So darf der in Gelsenkirchen aufgewachsene, aber für die Türkei gegen den Ball tretende Halil Altintop von seinem Leben zwischen den Kulturen erzählen und der von russischen und kasachischen Aussiedlern gegründete Hamburger Verein BFSV Atlantik-97 sich eines ausführlichen Porträts erfreuen. Auch der Sachse Camillo Ugi, der schon zu Zeiten des Kaiserreichs in Brasilien und Frankreich Fußball spielte, taucht aus der Vergessenheit auf. Und wie der Türkische SV in Oldenburg Mädchenfußball in der Schule eingeführt und bei Spielerinnen und ihren Eltern eine Welle der Begeisterung ausgelöst hat, zeigt, wie Fußball die Integration fördern kann.

 

Am interessantesten wird "Der Ball ist bunt" an den Stellen, an denen die Autoren nicht soziologisch abstrahierend die integrative Wirkung des Fußballs herausarbeiten, sondern mit Hilfe von Porträts die Geschichte eines Spiels veranschaulichen, das schon zu seiner Anfangszeit Ende des 19. Jahrhunderts oft im Spannungsfeld zwischen dem Nationalen und dem Kosmopolitischen gefangen war. Hier findet selbst der Fußballinteressierte viel Neues und Spannendes. So dürfte vielen bekannt sein, dass die Engländer das Spiel auf den Kontinent brachten, auf dem es gerade in Deutschland unter der nationalkonservativen Turnerschaft lange verpönt war. Möglicherweise wissen viele auch, dass der jüdische Publizist Walther Bensemann 1920 die noch heute existierende Fachzeitschrift Kicker gegründet hat. Weniger verbreitet ist aber vermutlich das Wissen darüber, wie er jahrelang gegen die Oberen des Deutschen Fußballbundes (DFB) kämpfte, um seine Ideen von Internationalisierung und Professionalisierung des Spiels durchzusetzen – letzteres, um der Arbeiterklasse den Zugang zum Fußball zu ermöglichen. Darin drücken sich eindrucksvoll die Schwierigkeiten und Chancen aus, die Fußball seit jeher birgt.

 

Denn Fußball stiftet Identität – früher wie heute. Dies kann integrativ wirken, wenn sich Spieler verschiedener Nationalitäten in einem Team mischen. Es kann aber auch ins Gegenteil umschlagen, wenn sich Anhänger oder Spieler über ihre Ablehnung gegenüber anderen identifizieren. Gerade von Migranten gegründete Vereine wie Türkiyemspor Berlin, Galatasaray Mühlheim oder Makkabi Frankfurt, um nur einige zu nennen, sehen sich noch immer rassistischen Anfeindungen ausgesetzt. Viele sehen hier eine mutwillige Ausgrenzung der Migranten aus der deutschen Mehrheitsgesellschaft. Doch ist die beste Integration nicht, wenn sich Minderheiten wohl und zuhause fühlen? Dass der Fußball ein Zuhause werden kann, zeigt "Der Ball ist bunt" eindrucksvoll. Der Band zitiert dazu etwa Bernd Trautmann, einst deutscher Kriegsgefangener und später Fußballheld in England, der seine eigentliche Heimat im Fußball fand. Der Beitrag "Fußball im sportlichen Ghetto" thematisierte die Verfolgung und Ermordung der Juden in Nazi-Deutschland und zeigt, dass Fußball auch schwierigste Umstände zumindest teilweise erträglicher gestalten kann. So gründeten jüdische Sportler in den 1930er Jahren ihr eigenes System an Fußballligen, nachdem der DFB sie vom regulären Spielbetrieb ausgeschlossen hatte.

 

Es stimmt traurig, dass es in Deutschland noch immer ein Politikum ist, wenn ein dunkelhäutiger Spieler wie Gerald Asamoah das Nationaltrikot überstreift – ähnliche Diskussionen gab es schließlich schon vor einem Jahrhundert. Doch die Hoffnung auf Besserung bleibt. Denn der Fußball hat ob seiner Einfachheit und Inklusivität die Gabe, veränderten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen schnell gerecht werden zu können. So unterstreicht Moshe Zimmermann, Geschichtsprofessor an der Hebräischen Universität Jerusalem und Sohn deutscher Juden, die Strahlkraft der Tatsache, dass Araber und Palästinenser vom öffentlichen Leben in Israel zwar weitgehend ausgeschlossen sind, aber immer wieder zu Einsätzen in der israelischen Nationalmannschaft kommen. Die insgesamt 736 WM-Fußballer in Südafrika haben Vorbildcharakter: Wenn sie sich, unabhängig von ihrer bunt gemischten Herkunft, in Nationalmannschaften zusammenfinden, um für eine gemeinsame Sache zu kämpfen, geben sie dem nationalen Gedanken ein erfrischend neues Bild. Die Spiele in Südafrika können dazu beitragen, dass Toleranz und Völkerverständigung wachsen.

 

Rezension von Stephan Sievert, Nachdruck unter Quellenangabe (Stephan Sievert/ Berlin-Institut) erlaubt.

 

Blecking, Diethelm/Dembowski, Gerd (Hg.) (2010): Der Ball ist bunt. Fußball, Migration und die Vielfalt der Identitäten in Deutschland. Brandes & Apsel, Frankfurt am Main, 301 Seiten, ISBN 978-3-86099-614-0, 24,90 Euro.