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Warum die Kinderfrage Männersache ist.
Von Meike Dinklage


Die deutschen Frauen befinden sich im Gebärstreik - so die Statistiker. Fast ein Drittel aller Frauen bleibt lebenslang kinderlos. Dass der Blick dabei stets auf den weiblichen Teil der Bevölkerung gerichtet ist, hat biologische und ideologische Gründe: Frauen bekommen nun einmal die Kinder und deshalb kann man den Müttern die zur Welt Gebrachten eindeutig zurechnen. Für Väter gibt es keine Statistik. Und auch das noch immer recht traditionelle Rollenbild von Mann und Frau in unserer Gesellschaft führt dazu, dass der erhobene Zeigefinger, der die Kinderarmut beklagt, meist auf die Frauen weist.

Meike Dinklage hat dieser Einseitigkeit ein Buch entgegengesetzt: "Der Zeugungsstreik. Warum die Kinderfrage Männersache ist", lässt eine heftige Polemik gegen verantwortungsscheue Männer erwarten, eine feministische Schuldzuweisung, eine Abrechnung. Doch das Buch ist nichts dergleichen. Zum Glück.

In zwölf langen Gesprächen mit kinderlosen Männern und Frauen zwischen 30 und 50 gelingt es der Autorin, ein differenziertes, feinfühliges Bild des hiesigen Nicht-Familienlebens zu entwerfen. Dinklage erforscht die Einstellungen und Biografien ihrer Gesprächspartner, ohne Urteile zu fällen und stimmt den Leser gerade dadurch nachdenklich.
 
Da gibt es Hanno, den Klischee-Single: 39, gut verdienend, Motorrad fahrend, bindungsunwillig. Er schließt Kinder nicht völlig aus - aber nur mit der perfekten Partnerin. Die fand er bisher nicht.

Da sind Alexander und Karin, die über möglichen Nachwuchs gesprochen haben. Doch Alexander kann bei sich kein biologisches "Zeugungsprogramm" entdecken. Er ist Arzt, Karin Redakteurin. Beide erfüllt ihr Beruf. Beide arbeiten viel, gehen ins Theater, reisen durch Vietnam. Man fühlt sich wohl. Nur manchmal befällt Karin ein leiser Zweifel, "möchten wir wirklich die nächsten zwanzig Jahre genau so weiter machen?"

Verstörend ist die Geschichte von Thomas und Lisa, ungewollt kinderlos. Obwohl das Problem bei Thomas liegt, ist es Lisa, die die Torturen der Fertilitätskliniken auf sich nehmen muss. Nach sechs Jahren und zwei Fehlgeburten geben sie auf. Der unerfüllte Kinderwunsch überschattet die Beziehung, hat sie beinahe zerrüttet. Jeder gewölbte Bauch einer anderen Frau verstimmt Lisa. Jede Menstruation macht sie depressiv - welche Verschwendung. Warum, fragt man sich, denken die beiden nicht über Adoption nach? Lisa lehnte auch die Befruchtung im Reagenzglas lange ab. Es soll um jeden Preis "natürlich" sein.

Zwölf Menschen repräsentieren kein 80-Millionen-Volk. Fast alle Befragten haben einen Hochschulabschluss. Doch falls der Leser selbst diesem Milieu entstammt, kommt ihm manches vertraut vor. Viele haben lange studiert. Oder sich "in der Welt umgesehen". Kaum jemand hatte vor Anfang 30 seinen ersten halbwegs sicheren Job. Viele hatten den falschen Partner zur falschen oder keinen Partner zur richtigen Zeit.

Kinderlosigkeit in Deutschland, so legen die Gespräche von Maike Dinklage nahe, beruht nicht auf der grundsätzlichen Ablehnung von Kindern. Sie beruht auf zu langer Unentschlossenheit und zu hohen Erwartungen. Man mag dies für "sein gutes Recht" oder für eine Wohlstandsneurose halten - Biografien werden auch von der Gesellschaft geprägt. Ein Land, in dem ein Studium mit 22 beginnt und kaum vor 30 endet, das alle Sicherheit den Alten und alle Unsicherheit den Jungen aufbürdet, darf sich nicht wundern, wenn das Kinderkriegen einer Himalajaexpedition ähnlich wird. Der Zeitpunkt muss stimmen. Man sollte andere Gipfel bestiegen und ein finanzielles Polster haben. Man braucht das perfekte Team. Das alles schaffen nur wenige. Kinder, das zeigt Dinklages Buch, sind in Deutschland alles andere als Normalität.

 

Rezensiert von Steffen Kröhnert, Nachdruck unter Quellenangabe (Steffen Kröhnert / Berlin-Institut) erlaubt.

 

Meike Dinklage: Der Zeugungsstreik. Warum die Kinderfrage Männersache ist.
Diana Verlag,
München 2005,
250 S.,
17,90 Euro.

 

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