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Unser Land in 200 thematischen Karten
von Dirk Hänsgen, Sebastian Lenz & Sabine Tzschaschel

Ob Spielorte der "Tatort"-Serien, Sitz der Fanclubs der Fußballvereine FC Bayern München und Schalke 04, Brauereistandorte oder Verteilung von ökologischen Landwirtschaftsbetrieben – im "Deutschlandatlas" dürfte für alle Leserinnen und Leser etwas Interessantes dabei sein. Das Leibniz-Institut für Länderkunde hat ihnen mit dem Buch einen großen Dienst erwiesen. Denn der Band enthält neben unterhaltsamen Schmankerln eine Fülle von grundlegenden Informationen zu Bevölkerung, Erwerbstätigkeit, Naturraum, Bildung und anderen Themen.

Während der zwölfbändige Nationalatlas des Leipziger Instituts zwar schon lange für seine Qualität bekannt ist, machen ihn Preis und Umfang für private Haushalte zu einem Luxusprodukt, auf den die meisten dann doch verzichten. Das gute Stück im Zwölferpack kostet immerhin 940 Euro. Der 240-seitige Deutschlandatlas bietet nun zwar nicht genau denselben Inhalt, stellt aber, wie der Untertitel ankündigt, in komprimierter Form "Unser Land in 200 thematischen Karten" dar. Am Ende jedes Kapitels steht eine Erklärung der Fachbegriffe. Die leicht lesbaren Texte erläutern Zusammenhänge und Entwicklungen, so dass das Buch sowohl als Nachschlagewerk als auch zur Bettlektüre geeignet ist.

Viele Karten lassen auch 20 Jahre nach der Wiedervereinigung noch eine Ost-West-Spaltung erkennen. Das ist etwa bei der Zahl der nicht ehelichen Geburten der Fall: Während auf dem Gebiet der ehemaligen DDR der Anteil im Jahr 2007 in nahezu allen Kreisen über 50 Prozent lag, pendelt der Wert in der ehemaligen Bundesrepublik je nach Region zwischen 30 und 40 Prozent, überwiegend sogar unter 30 Prozent. Das deutet auf einen unterschiedlichen Stellenwert der Institution Ehe hin. Ins Auge sticht darüber hinaus, dass mit Ausnahme der Zentren Berlin, Dresden und Leipzig der Anteil der ausländischen Bevölkerung im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung im Osten viel geringer ist als im Westen. Die absoluten Zahlen sind ebenfalls niedriger – der Hauptgrund dafür dürfte gegenwärtig in der wirtschaftlichen Situation liegen, während zu DDR-Zeiten die politischen Verhältnisse den Zuzug erschwerten. Eine Ausnahme von dieser Regel bildet die Gruppe vietnamesischer Bürger, die damals als Vertragsarbeiter in den sogenannten sozialistischen Brüderstaat kamen. Und betrachtet man als weiteres Beispiel etwa das zahlenmäßige Geschlechterverhältnis der 18- bis 24-Jährigen in Ost und West, zeigt sich im Osten ein deutlicher Männerüberschuss. Die Ursache: Viele gut qualifizierte junge Frauen haben die strukturschwachen Regionen verlassen (vergleiche dazu die Studie "Not am Mann".
Denn wirtschaftlich ist ebenfalls keine Angleichung erreicht: Das verfügbare Einkommen privater Haushalte je Einwohner im Osten liegt deutlich unter dem im Westen. Aber das Einkommen ist nur ein Indikator für Wohlstand beziehungsweise Armut, die Grenze ökonomischer Unterschiede lässt sich nicht einfach zwischen Ost und West ziehen. Verschiedene Karten zeigen, wie viele Frauen und Männer im Alter von 15 bis 64 Jahren – in absoluten Zahlen und anteilig an allen Erwerbstätigen – sozialversicherungspflichtig beschäftigt sind: Bei den Männern ist der Wert im Osten sowie an den Rändern der Republik niedriger als anderenorts, bei den Frauen ist dies ganz im Westen sowie an der nördlichen Grenze des Landes der Fall. Insbesondere junge sozialversicherungspflichtig beschäftigte Frauen und Männer zwischen 15 und 24 Jahren sammeln sich vor allem im Süden Deutschlands, vorrangig in Bayern.

Bei der durchschnittlichen Kinderzahl je Frau hat mittlerweile eine Angleichung von Ost und West stattgefunden: Nachdem die Kinderzahlen je Frau im Osten Mitte der 1990er Jahre auf die Hälfte des Vorwendewertes und damit auf ein historisches Tief abgesunken waren, sind sie in den ostdeutschen Kreisen wieder gestiegen. In vielen westdeutschen Kreisen sind sie dagegen gesunken (vergleiche dazu das Diskussionspapier "Kleine Erfolge" des Berlin-Instituts). Die durchschnittliche Kinderzahl je Frau lag 2007 in beiden Landesteilen bei 1,37. Die jahrzehntelange Teilung Deutschlands hat sich keinesfalls in allen Lebensbereichen niedergeschlagen – das belegt etwa der hausärztliche Versorgungsgrad: Hier spielen die Unterschiede zwischen Stadt und Land eine weit größere Rolle als zwischen West und Ost.

Naturraum und Klima bestehen zwar nicht unabhängig vom Menschen, aber die Erdgeschichte hat sich zunächst unbeeinflusst von der Besiedlung und ihren Folgen entwickelt. Der Atlas informiert auch über Bodenbeschaffenheit, Sonnenstunden, Regentage und Schneedecke sowie über Wasserqualität, Renaturierung und Artenschutz. Das Kapitel "Deutschland und die Welt" enthält zu guter Letzt Wissenswertes über die internationalen Beziehungen, vom Kaffeehandel bis zu den Standorten der deutschen Auslandsinstitute.

Das Wort "Atlas" mag manchen unangenehm an einen schweren Schulranzen erinnern, aber das Blättern bereitet großen Spaß. Wer den Atlas gelesen hat, ist für fachliche Diskussionen wie für Partygespräche gut gerüstet.

 

Rezension von Margret Karsch, Nachdruck unter Quellenangabe (Margret Karsch/ Berlin-Institut) erlaubt.



Hänsgen, Dirk / Lenz, Sebastian & Tzschaschel, Sabine (2010): Deutschlandatlas – Unser Land in 200 thematischen Karten. Leibniz-Institut für Länderkunde, Darmstadt, Primus Verlag, ISBN 9783896786821, 240 Seiten, 39,90 Euro.