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Wie die jungen Alten die Gesellschaft revolutionieren
Von Dieter Otten

 

Das Bild der "Alten" und "Älteren" hat sich in Deutschland stark gewandelt. In den Medien dominieren nicht mehr Vorstellungen von hilfe- und pflegebedürftigen Menschen am Rande des gesellschaftlichen Lebens, sondern solche von kaufkräftigen, lebenslustigen Menschen über 50. Die Werbung nennt ihre neue Zielgruppe "Best Ager" oder "PEGGIs"; ein Name, der auf die Begriffe "Persönlichkeit", "Erfahrung", "Geschmack", "Geld", "Interesse" verweist. Dieter Otten behandelt in der "50+ Studie" also ein viel diskutiertes Thema. Die von ihm per Internet befragten 50- bis 70-Jährigen scheinen sich bester Gesundheit zu erfreuen. Auch bringen viele von ihnen, immerhin haben sie die Studentenrevolte der sechziger und siebziger Jahre erlebt, liberale und individualistische Ideale mit. Diese Beobachtungen haben manchen Trendforscher schon veranlasst, von einer Revolution der "jungen Alten" zu sprechen. Warum sollte eine Generation, die schon einmal das gesellschaftliche Wertesystem in Deutschland auf den Kopf gestellt hat, nicht im Alter zum letzten Kreuzzug ansetzen? Werden diese Menschen jetzt nicht dasselbe Recht auf Selbstbestimmung für Ältere einfordern, das sie schon damals für sich als junge Leute beanspruchten?

Dieter Otten sieht - dem Untertitel der Studie zum Trotz - nicht, dass "die jungen Alten die Gesellschaft revolutionieren". Aber er entdeckt in den 50- bis 70-Jährigen immerhin ein "ungeheures Potenzial für gesellschaftliche Veränderung". Was der Unterschied ist? Die untersuchte Altersgruppe wird bei der Bundestagswahl 2009 rund 45 Prozent der Wahlberechtigten stellen. Damit wäre sie beinahe in der Lage, aus sich heraus eine Mehrheit zu schaffen. Ferner verfügen die Befragten über ein hohes Bildungsniveau, haben überdurchschnittliche Einkommen und sind körperlich durchweg in guter Verfassung. Otten kommt deshalb zu dem Schluss, dass die jungen Alten eine tragende Rolle bei der Gestaltung der Zukunft Deutschlands spielen werden. Für die meisten seiner Revolutionshypothesen findet er indes keine Belege: So trennen sich die Befragten im Alter entgegen seinen Erwartungen nicht überproportional oft von ihren Partnern, geben sich nicht massenhaft der Esoterik als Religionsersatz hin und verleihen ihrem Recht auf Selbstbestimmung auch nicht durch vermehrten Suizid Ausdruck.

Anhand der Daten identifiziert das Buch die Befragten als Menschen, die zwar älter, aber nicht alt sind. Ausgestattet mit einer guten Gesundheit engagieren sie sich nach dem Berufsleben in Ehrenamt oder Eigenarbeit, treiben Sport und genießen ein erfülltes Sexualleben. Dieter Otten weist die Politik einmal mehr darauf hin, dass veränderte Altersstrukturen in eine umfassende Sozialreform münden müssen. Als Beispiel führt er das Bürgergeld an, welches das Generationenmodell in der Rentenversicherung ablösen und breite politische Unterstützung unter Älteren erfahren könnte.

Leider tendiert der Autor dazu, die Befragten als homogenere Einheit darzustellen, als sie es in Wirklichkeit sind. So kommt der Versuch, das Siegel „Generation“ (oder sogar "Meta-Generation") für die untersuchte Gruppe aufgrund gemeinsamer einschneidender Erlebnisse zu rechtfertigen, etwas konstruiert daher. Die Daten bestätigen dies: Berufstätige haben andere finanzielle Möglichkeiten als Rentner. Und auch was die körperliche Fitness anbelangt ist die Gruppe der 50- bis 70-Jährigen sehr heterogen.

Die Studie belegt mit ihren Daten neue Bilder vom Alter, die die Medien schon seit längerem zeichnen: Die "jungen Alten" sind breit interessiert und sogar im Rentenalter gewillt, im Rahmen nicht erwerbsmäßiger Tätigkeiten weiter Verantwortung zu übernehmen. Kurzum, sie sind weit entfernt von dem, was man gemeinhin altes Eisen nennt.

 

Rezension von Stephan Sievert, Nachdruck unter Quellenangabe (Stephan Sievert / Berlin-Institut) erlaubt.

 

Dieter Otten: Die 50+ Studie. Wie die jungen Alten die Gesellschaft revolutionieren. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek, 2008. 277 S., 12 Euro.

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