Facebook
Twitter

Warum die ärmsten Länder scheitern und was man dagegen tun kann
Von Paul Collier

 

In seinem Buch "Die unterste Milliarde" vergleicht Paul Collier die Welt mit einem Kuchen. Dieser Kuchen besteht aus sechs Stücken mit jeweils einer Milliarde Menschen. Auf einem der Stücke - jenem mit dem Sahnehäubchen - leben wir Europäer und Nordamerikaner in Wohlstand. Vier weitere Stücke gehören den Menschen aus Entwicklungs- und Schwellenländern wie Indien, China oder Brasilien. Länder, mit denen es allmählich bergauf geht. Ein letztes Kuchenstück wird von den ärmsten Menschen der Erde bewohnt. Es sind Länder, deren Entwicklung stagniert oder sich verschlechtert hat. Diese Menschen nennt Paul Collier die "unterste Milliarde".

Die zentrale These des Buches ist, dass sich die Distanz zwischen den ärmsten Ländern und den übrigen Entwicklungsländern vergrößert hat. Die ärmsten Länder schließen insgesamt 58 kleine Staaten ein, die zusammen eine Milliarde Menschen - ein Sechstel der Weltbevölkerung also - beherbergen. Zu 70 Prozent liegen sie in Afrika. Aber auch Länder anderer Kontinente wie Nordkorea oder der Jemen zählen dazu. Sie stellen die wirkliche Herausforderung für die Entwicklungszusammenarbeit dar. Während andere Länder allmählich wachsen und sich mit der Zeit dem Wohlstand annähern werden, haben sich die Werte der Entwicklungsindikatoren bei der untersten Milliarde verschlechtert. Diese Länder sind heute ärmer als vor vierzig Jahren.

Paul Collier hat dafür plausible Erklärungen. Mit zahlreichen Forschungsergebnissen und anschaulichen Länderbeispielen untermauert, beschreibt er vier Entwicklungsfallen. In mindestens einer davon ist ein jedes Land der untersten Milliarde gefangen. Die Konfliktfalle verhindert die Entwicklung von Ländern, die längere Perioden der Gewalt durchlaufen. Das können Bürgerkriege wie in Somalia oder Ruanda sein, militärische Konflikte mit Nachbarländern oder Staatsstreiche. Die Ressourcenfalle bedeutet nicht, dass ein rohstoffarmes Land für immer vom Handel ausgeschlossen sein wird, sondern eine Gefahr, die vom Umgang mit Überfluss ausgeht: Rohstoffreichtum kann den Wert anderer Exportgüter verringern und so eine nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung verhindern. Im Fall von Nigeria war es der Ölboom, in Kenia der Kaffeeexport. In der dritten Falle sitzen Binnenstaaten, die von sogenannten schlechten Nachbarn umgeben sind. Nachbarn, die sie von der Außenwelt, vom Handel und von ihrer Chance auf Entwicklung abschneiden. Sei es, weil sie dem Land ihrerseits keinen Marktplatz für dessen Waren bieten können und wollen, sei es, weil es an Straßen- und Bahnlinien fehlt oder in ihnen Bürgerkrieg herrscht. Von solchen Nachbarn ist etwa Uganda umgeben. In der Demokratischen Republik Kongo, im Sudan und in Somalia herrschen Gewalt und in Kenia und Tansania sind die Straßen sehr schlecht. Die vierte Falle ist die der Bad Governance, der fehlerhaften Regierungsführung. Korruption und eine schlechte Wirtschaftspolitik verhindern das Wachstum, wie das Beispiel des Tschads zeigt, der laut Transparency International zu den korruptesten Staaten der Erde zählt.

Die unterste Milliarde sitzt seit Jahrzehnten in diesen Entwicklungsfallen fest. Aus eigener Kraft schaffen sie den Aufstieg nicht mehr. Staaten wie Indien oder China haben mittlerweile die Nischen im Weltmarkt gefüllt. Dennoch ist die unterste Milliarde nicht dazu verflucht, in ewiger Armut zu verharren, sofern die Industrienationen ihnen helfen. Doch zur Lösung ihrer Probleme bedarf es mehr als Entwicklungshilfe. Paul Collier betont, dass die G-8-Länder sich dem Thema annehmen müssen und entwirft eine Strategie: Neben der Entwicklungshilfe, die im Wesentlichen auf Budgethilfe reduziert wird, spielen darin drei andere Instrumente eine Rolle: militärische Interventionen, Gesetze und Chartas sowie eine reformierte Handelspolitik.

Inwieweit seine Vorschläge durchführbar sind und tatsächlich zur Lösung der Probleme führen, darüber lässt sich allerdings streiten. Auch der starke wirtschaftswissenschaftliche Fokus bietet Angriffsfläche für Kritik. Für den ehemals bei der Weltbank beschäftigten Ökonomen Paul Collier steht und fällt die Entwicklung eines Landes mit dessen Wirtschaftswachstum. Aspekte der menschlichen Entwicklung wie Bildung und Gesundheit, die insbesondere für das Erreichen der Millenniumsentwicklungsziele von Bedeutung sind, werden nicht thematisiert. Dass aber gerade ein hohes Bevölkerungswachstum die wirtschaftliche Entwicklung negativ beeinflusst, belegen andere Studien. Hohe wirtschaftliche Wachstumsraten sollten deshalb nicht das ausschließliche Ziel von Entwicklung sein. Wirtschaftliche Entwicklung ist nur ein Teilbereich von Entwicklung, und Armut definiert sich nicht nur durch fehlenden materiellen Wohlstand. Das wird deutlich am Beispiel des südindischen Bundesstaates Kerala. Im indischen Kontext verzeichnet Kerala nach Carl Haub und O.P. Sharma die besten Ergebnisse in der menschlichen Entwicklung und weist unter anderem die höchste Alphabetisierungsrate bei den Frauen, die niedrigste Fertilität und eine hohe Lebenserwartung auf. In der wirtschaftlichen Entwicklung aber schneiden andere Bundesstaaten besser ab, denn Investoren bevorzugen diese Regionen des Subkontinents.

 

Rezension von Lilli Sippel, Nachdruck unter Quellenangabe (Lilli Sippel / Berlin-Institut) erlaubt.

 

Paul Collier (2008): Die unterste Milliarde. Warum die ärmsten Länder scheitern und was man dagegen tun kann. C.H. Beck, München, 19,90 Euro (gebundene Ausgabe).

Erhältlich im Buchhandel oder bei der Bundeszentrale für politische Bildung.

Demografie 3D: Leben mit weniger

Diskussion mit Reiner Klingholz am 24. Januar bei der Körber-Stiftung in Hamburg

Die Babyboomer gehen in Rente

Was das für die Kommunen bedeutet

Vom Hungerland zum Hoffnungsträger

Wird Äthiopien zum Vorbild für den afrikanischen Aufschwung?


Warum entstehen Kriege?

Welchen Einfluss haben demografische Veränderungen auf die Entstehung von Konflikten?

 

Alan Weisman:
Die Welt ohne uns.
Reise über eine unbevölkerte Erde