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von National Intelligence Council

Viele Staaten leisten sich eine aufwändige Wissenschaft und teure Beratungsinstitute. Dort beschäftigen sich Wissenschaftler vieler Disziplinen mit den Aufgaben und Problemen der jeweiligen Nation, mit den Herausforderungen der ganzen Welt und mit künftigen Gefahren, die sich daraus ergeben könnten. Sinn dieser Forschung ist es, rechtzeitig auf neue Bedrohungen reagieren zu können, Gegenstrategien zu entwickeln oder zumindest einen Plan B parat zu haben, wenn alles so kommt wie im schlimmsten Fall befürchtet.

So lässt sich beispielsweise vorhersagen, dass ein anhaltendes, starkes Bevölkerungswachstum in den armen Ländern der Welt die Gefahr von sozialen und politischen Krisen erhöht. Dass die Mittelschichten in vielen Ländern unzufriedener werden, weil die Wohlstandsungleichheit zunimmt. Oder dass anhaltende Emissionen von Treibhausgasen das Weltklima aus den Angeln zu heben drohen, mit verheerenden Folgen für viele Regionen des Globus.

Diese und noch viel mehr Voraussagen liefern über 250 Experten in einem Report des US-amerikanischen Geheimdienstes CIA und des National Intelligence Council (NIC). Die größte Wirtschaftsmacht der Welt hat also Erkenntnisse darüber, dass es an allen Ecken brennt auf Erden – und sie hat auch Vorschläge, wie mit diesen Brandherden umzugehen wäre. Alle vier Jahre erscheint ein solcher öffentlich zugänglicher Weitsicht-Band, der sich primär an die US-Regierung und ihren Präsidenten richtet: quasi ein strategisches Aufgabenpaket, um die USA sicher durch eine sich rasch verändernde Welt zu steuern.

Es ist klar, dass nicht alles Wissen der US-Geheimdienste in einem allgemein verfügbaren Gutachten nachzulesen sind. Aber die Liste der Themen und der möglichen, künftigen Entwicklungen und Empfehlungen hat es trotzdem in sich:

  • So wird die Weltpolitik nach Auffassung der Autoren immer schwieriger und komplexer, weil Staaten zerfallen und neue Akteure den Lauf der Welt mitbestimmen – von Terrorgruppen über NGOs bis hin zu multinationalen Unternehmen.
  • Die Autoren konstatieren, dass sich das Wirtschaftswachstum in den weit entwickelten Ländern verlangsamt und dass neue Technologien zu Störungen auf den Arbeitsmärkten und zu Spannungen in den betroffenen Gesellschaften führen werden. Daraus entstehe ein Misstrauen gegenüber Eliten, was wiederum populistische Kräfte stärke und liberale Gesellschaften bedrohe. 
  • Angesichts des demografischen Wandels, der Alterung der Gesellschaften und des Rückgangs der Erwerbsbevölkerungen in den Industrienationen sehen die Experten eine Krise der Sozialsysteme heraufziehen.
  • Im Bevölkerungswachstum der armen Länder sehen sie Hemmnisse für deren Entwicklung, und sie rechnen damit, dass sich die Perspektiven der dort lebenden Menschen verschlechtern, weshalb mit wachsenden Migrations- und Flüchtlingszahlen zu rechnen sei. 
  • Weil sich Klimawandel und regionaler Wassermangel verschärfen, fordern die Geheimdienste ein sofortiges, international koordiniertes Handeln.

In der Summe, so schreiben die Autoren, werden diese Trends mit erhöhter Geschwindigkeit ineinandergreifen und die globale Sicherheitsarchitektur immer komplizierter machen. 

Das Interessante an dem Buch ist allerdings weniger sein Inhalt, der sich auch durch die Lektüre von politischen Fachblättern oder einer guten Tageszeitung erschließen ließe, als vielmehr die Tatsache, dass der aktuelle US-Steuermann bei praktisch allen Empfehlungen einen konträren Kurs zu seinen Beratern fährt. 

Der Report, der im amerikanischen Original Anfang 2017 erschienen ist, beschreibt allerdings eine Welt, bevor der aktuelle US-Präsident ihr seinen Stempel aufdrücken konnte. Eine Neuauflage dürfte diese Welt in noch düstereren Farben zeichnen. Denn die heutige US-Administration tut wenig, um den beschriebenen Gefahren zu begegnen. 

So warnen die Geheimdienste vor einer ausufernden Staatsverschuldung und vor Blasen an den Finanzmärkten. Die nicht gegenfinanzierte Steuerreform der USA und die geplanten Großinvestitionen in die Infrastruktur, darunter eine Mauer entlang der Grenze zu Mexiko, lassen sich aber ohne eine gewaltige Neuverschuldung nicht finanzieren. Auch die Einkommensungleichheit in den USA, die sich über die vergangenen Jahre deutlich erhöht hat, dürfte sich mit der Steuerreform weiter verschärfen. 

Die Experten warnen vor niedrigen Energiepreisen und dem Verfeuern fossiler Reserven, während ihr Präsident aus dem Pariser Klimaabkommen aussteigt und die Kohle-, Gas- und Ölförderung ankurbelt. Sie machen deutlich, dass der Missbrauch von Religionen für politische Zwecke zu nationalen und internationalen Verwerfungen führen kann und warnen vor einem „postfaktischen“ Zeitalter, während der Präsident sich mit radikalen evangelikalen Predigern verbündet, die wissenschaftliche Erkenntnisse wie den Treibhauseffekt oder die Evolutionstheorie leugnen.

Geradezu prophetisch klingt der Rat der Fachleute, wenn es darum geht, mit welcher Strategie sich die Sicherheit von Nation und Bürgern am besten gewährleisten lässt: „Die Regierungen und Individuen, die am besten in der Lage sind, Chancen zu erkennen und sie kooperativ zu ergreifen, werden am ehesten erfolgreich sein.“ Wenn dem tatsächlich so ist, dann können US-Regierung und ihr Präsident kaum auf eine erfolgreiche Zukunft hoffen.

 

Rezension von Reiner Klingholz, Nachdruck unter Quellenangabe (Reiner Klingholz / Berlin-Institut) erlaubt.



National Intelligence Council (2017): Die Welt im Jahr 2035 gesehen von der CIA. Das Paradox des Fortschritts. München: Verlag C.H. Beck; 318 Seiten, 14,95 Euro.