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Annemarie Bauer, Katharina Gröning (Hg.)

 

Frauen übernehmen zu rund 80 Prozent die häusliche Pflege von Älteren und Kindern. In Zeiten knapper Kassen können es sich jedoch die wenigsten leisten, ohne Bezahlung zu arbeiten. Aber der Bedarf an Fürsorge bleibt - und steigt sogar, da die Menschen in Deutschland im Schnitt ein höheres Alter erreichen als früher. Die Gesellschaft muss neu darüber verhandeln, welcher Wert dieser Arbeit zukommt und wie diese Leistungen gerechter zwischen den Geschlechtern aufgeteilt werden können.

Die Sozialwissenschaften und insbesondere die Frauen- und Geschlechterforschung suchen schon lange nach Wegen, die Fürsorge neu zu organisieren. Der Sammelband von den Herausgeberinnen Annemarie Bauer, Professorin für Soziale Arbeit an der Evangelischen Fachhochschule in Darmstadt, und Katharina Gröning, Professorin für pädagogische Beratung an der Universität Bielefeld, will einmal mehr verdeutlichen, wie dringlich diese Aufgabe ist.

Dazu lenkt das Buch den Blick auf zwei Aspekte: erstens auf die zu erwartende Bevölkerungsentwicklung und zweitens auf das Geschlechterverhältnis. Die gestiegene Lebenserwartung der Menschen in Deutschland bringt auch einen Zuwachs an Alterserkrankungen wie Demenz mit sich. Die Zahl derer, die Unterstützung benötigen werden, nimmt also zu, während die Gesamtbevölkerung schrumpft, weil die Geburtenzahlen seit 1964 stetig zurückgegangen sind. Und Deutschland kann nicht davon ausgehen, dass es in den kommenden Jahren genug Zuwanderer anziehen wird, um dies auszugleichen. Der demografische Wandel verstärkt also den Druck, Fürsorge als gesamtgesellschaftliche Aufgabe wahr- und ernst zu nehmen. Soweit zum Aspekt der Bevölkerungsentwicklung.

Der zweite Aspekt ist das sich wandelnde Geschlechterverhältnis: In der großen Mehrzahl der Fälle übernehmen Frauen die notwendige Pflege in der Familie. Die dazugehörigen Tätigkeiten betrachten sie durchaus als sinn- und wertvoll, aber der ökonomische Druck erlaubt es ihnen längst nicht mehr, unter- oder sogar unbezahlt zu arbeiten. Und sie fordern auch dieselben Rechte wie Männer, also für Leistungen angemessen bezahlt zu werden. Ziel muss es sein, die Lohnschere zwischen den Geschlechtern zu schließen, und dazu gehört auch, die häusliche Arbeit gerechter zu verteilen. Voraussetzung dafür ist, dass die Gesellschaft Strukturen bereitstellt, die nicht von vornherein Männer oder Frauen auf bestimmte Tätigkeiten festlegen.

Die Herausgeberinnen wollen aus dem Spannungsverhältnis von Geschlechterrollen und wachsendem Bedarf an Fürsorge die soziale Sprengkraft ziehen, um eine Debatte über Gerechtigkeit, Geschlecht und Fürsorge anzustoßen. Dabei entlarven sie die in der Diskussion um Alterung und Pflege oft geforderte Bereitschaft zu mehr Eigenverantwortung als unzulängliche Antwort auf die Frage nach Lösungen für das Problem.

Die Beiträge, hauptsächlich Vorträge einer Bielefelder Ringvorlesung im Wintersemester 2006/2007, geben einen Überblick über die Bandbreite des Feldes. Eine klare Systematik der Zusammenstellung fehlt, nichtsdestotrotz kann dass Buch allen nützen, die Anregungen für weitere Forschung suchen. Allen in der Pflege und in den Beratungsstellen Tätigen sensibilisiert die Lektüre für Generationen- und Geschlechtergerechtigkeit, wenn sie sich nicht von den zuweilen verklausulierenden Formulierungen einiger Texte abschrecken lassen. Damit kann das Buch tatsächlich, wie es sein Anspruch ist, zu einer neuen Diskussion anregen. Zumindest liefert es zahlreiche Argumente, warum angesichts der alternden Gesellschaft Fürsorge und Pflege dringend neu organisiert werden müssen.

Annemarie Bauer, Katharina Gröning (Hg.): Gerechtigkeit, Geschlecht und demografischer Wandel. Frankfurt am Main: Mabuse-Verlag 2008. 277 Seiten, 25,90 Euro.

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