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Schluss mit den Grabenkämpfen. So lösen wir das Familiendilemma
Von Tanja Kuchenbecker

Die Berliner Filmemacherin und Professorin Helke Sander hat die K-Frage - Kind oder Karriere? - einmal als das Kernanliegen der Frauenbewegung von 1968 identifiziert. Und sie ist es offenbar bis heute: So greift die Autorin Tanja Kuchenbecker im polemisch zugespitzten Titel ihres Buchs "Gluckenmafia gegen Karrierehühner" das Dilemma auf, reproduziert aber leider ein typisches Manko der Diskussionen: Die Aufmerksamkeit richtet sich immer noch vor allem auf die Frauen, nicht gleichermaßen auf die Männer. Das entspricht zwar der traditionellen deutschen Verteilung von Familienarbeit und den bestehenden Strukturen, nicht aber den sich wandelnden Rollenbildern im modernen Europa. Es sind aber nicht die "Grabenkämpfe" zwischen Frauen, die dafür verantwortlich sind, dass Deutschland von einer Gleichberechtigung der Geschlechter so weit entfernt und die Geburtenrate so niedrig ist.

Wenn Kuchenbecker im Untertitel verspricht, zu zeigen, wie "das Familiendilemma" zu lösen wäre, so macht das neugierig. Sie liefert einen persönlichen Erfahrungsbericht aus ihrer Wahlheimat Frankreich, das innerhalb Europas fast die höchste Geburtenrate zu verzeichnen hat und als Referenz nicht aus den deutschen familienpolitischen Debatten wegzudenken ist, sowie Zahlen und Ergebnisse wissenschaftlicher Studien. Darüber hinaus geht Kuchenbecker auf die aktuellen Debatten zur Familienpolitik in Deutschland und Frankreich ein.

Die Stichworte zu diesem Thema - Frankreich, Krippe, Bildung - sind in den deutschen Medien alle schon gefallen. Aber manche Dinge kann man nicht oft genug wiederholen, damit sie irgendwann ernsthaft diskutiert werden. Kuchenbecker macht es sich allerdings etwas einfach, wenn sie den französischen Müttern pauschal den Drang nach Selbstverwirklichung und den deutschen Müttern Opferbereitschaft unterstellt - und dabei offen lässt, welche Generation, welchen Bildungsgrad sie dabei vor Augen hat. Die Autorin sieht in Deutschland eine klare Front zwischen der „Gluckenmafia“, wie sie die Vertreterinnen des herkömmlichen Familienbilds bezeichnet, und den „Karrierehühnern“, den berufstätigen, kinderlosen Frauen. Die gesellschaftlichen Strukturen und das von der Politik bevorzugte Lebensmodell der Versorgerehe mache es schwierig, die Mutterrolle zu erfüllen und erwerbstätig zu sein.

In Frankreich dagegen sind berufstätige Mütter selbstverständlich. Trotz höherer Familienleistungen werden in Deutschland weniger Kinder geboren als in Frankreich, wo die Infrastruktur für die Betreuung der Kleinen weit besser entwickelt ist. Schon seit 1945 sind in Frankreich die Steuern nicht nur vom Einkommen, sondern auch von der Zahl der Familienmitglieder abhängig. Seit 1972 gibt es einkommensabhängige Zuschüsse für Kinder unter drei Jahren, für die Kinderbetreuung und als Beihilfe. Seit kurzem ist zudem die Hälfte der Betreuungskosten (bis zu einer Steuerersparnis von maximal 5.000 Euro) absetzbar. Zusätzlich gibt es ein einkommensunabhängiges Elterngeld für Väter (das allerdings nur zwei Prozent von ihnen in Anspruch nehmen) oder für Mütter in Höhe von 524 Euro pro Monat für drei Jahre sowie einen garantierten kostenlosen Vorschulplatz für Drei- bis Sechsjährige.

Erziehung wird in Frankreich als staatliche Aufgabe und als Mittel zur Chancengleichheit für sozial schwache Familien betrachtet. In Deutschland dagegen gilt sie aus historischen Gründen als Privatsache - die braune und die DDR-Vergangenheit lassen grüßen. Die französische Familienpolitik gibt das Signal, dass Kinder erwünscht sind, wobei sie die Lebensvorstellungen der Eltern einbezieht. Die Qualität der kollektiven Erziehung ist in Frankreich vor allem durch die Ausbildung der Erzieher und durch einen Betreuerschlüssel gewährleistet: Je nach Alter ist ein Betreuer für vier bis sieben Kinder zuständig, in den Vorschulen sind es jedoch nur noch ein bis zwei für 25 Kinder.

Kuchenbecker nennt viele Beispiele, an denen sich die kulturellen Unterschiede beobachten lassen, zum Beispiel dass in Frankreich 80 Prozent der Frauen und in Deutschland nur 30 Prozent unter Betäubung des Rückenmarks entbinden, dass der Mutterschutz in Frankreich nur drei, nicht sechs Monate dauert, dass in Frankreich den Müttern empfohlen wird, so kurz wie möglich und in Deutschland so lang wie möglich zu pausieren. Die Autorin zitiert eine Studie aus dem Jahr 2006, nach der in Deutschland 43 Prozent der Frauen in den alten Bundesländern glauben, dass Vorschulkinder darunter leiden, wenn die Mutter arbeitet. In der DDR waren Frauen selbstverständlich berufstätig, entsprechend sind in den neuen Bundesländern nur 23 Prozent dieser Ansicht - das deckt sich beinahe mit dem französischen Wert von 22 Prozent.

Aber die Vorstellungen wandeln sich auch in Gesamtdeutschland: Eine andere Studie kam zu dem Ergebnis, dass nur noch 14 Prozent in den alten und sogar nur vier Prozent der Familien in den neuen Bundesländern nach dem Modell des männlichen Ernährers leben wollen. Die Politik hinkt hier also deutlich den Erwartungen der Bürgerinnen und Bürger hinterher. Teilzeitarbeit ist für die Frauen, die gerne einer bezahlten Arbeit nachgehen und Kinder haben wollen, ein Mittelweg zwischen Berufstätigkeit und Vollzeitbetreuung. Die gegenwärtigen deutschen Debatten um Kinderlosigkeit und Fachkräftemangel bieten diesen Müttern die Chance, politischen Druck auszuüben und Kindertagesstätten statt finanzieller Unterstützung, etwa mehr Kindergeld, zu fordern.

Kuchenbecker zufolge wird der gesellschaftliche Druck in Deutschland vor allem von jeweils unbeteiligten Frauen aufgebaut: Die Teilzeitmütter stellten die Vollzeitmütter in Frage, darauf reagiere die "Gluckenmafia" und rede den halben oder ganzen "Karrierehühnern" Schuldgefühle ein. Dass der Konflikt der Teilzeitmütter aber nicht Folge der Missgunst anderer Frauen, sondern der gesellschaftlichen Strukturen und der deutschen Familienpolitik ist, übersieht die Autorin. Die sozialen Rollenbilder werden schließlich von Frauen und Männern aufgebaut - und in der deutschen Politik dominiert hier fraglos, einer Kanzlerin und einer Familienministerin zum Trotz, ein traditionelles Muster.

Die französische Gesellschaft sei toleranter, so Kuchenbecker, keine Familienstruktur, kein Lebensmodell werde bevorzugt oder benachteiligt, die K-Frage stelle sich den Frauen dort nicht. Stimmt das? Die Autorin, die an anderer Stelle, wenn auch in leiseren Tönen, Frankreich mangelnde Geschlechtergerechtigkeit attestiert, etwa wenn es um Gehaltshöhe oder Aufstiegschancen geht, stellt dazu bei ihrem Urteil keinen Zusammenhang her. Sie spielt dadurch herunter, dass französische Frauen durch Kinder durchaus Einschränkungen ihrer Karrieremöglichkeiten in Kauf nehmen - oder dass ihre Karriere auf Kosten der Kinder geht. Auch Frankreich besitzt noch Potenzial, die Familienpolitik zu verbessern.

Das Bestreben, Geschlechterrollen aufzulösen und dadurch individuelle Spielräume zu eröffnen, für das etwa die skandinavischen Länder Vorbild sind, tut Kuchenbecker als ideologisch ab. Damit widerspricht sie sich selbst, denn zuvor hat sie doch für mehr Freiheit und offene Rollenbilder plädiert. Das bringt auf dem Weg zu Geschlechtergerechtigkeit nicht weiter, weder Frauen noch Männer.

Kuchenbecker schreibt in der Ich-Form, und insbesondere durch das Schlusskapitel, in dem sie "Tipps für Kind und Karriere" für Mütter - wieso eigentlich nicht auch für Väter? - bereitstellt, erhält ihr Buch einen Ratgebercharakter. Allerdings bewegen sich die Tipps in ihrer Schlichtheit eng an der Grenze zu therapeutischer Lebenshilfe: "Nicht jedes T-Shirt muss gebügelt werden, nicht jedes Fenster immer akkurat geputzt sein." Dieser Hinweis wird der Komplexität der Anforderungen zwischen Beruf und Familie sicherlich nur bedingt gerecht. Der Ton des gesamten Buchs, der sich als engagiert-kritisch, weniger wohlwollend aber auch als besserwisserisch-zänkisch interpretieren ließe, trägt eher zur Verschärfung der Lagerkämpfe und zur Entstehung von Zickenkriegen bei, statt diese zu beenden.

 

Rezension von Margret Karsch, Nachdruck unter Quellenangabe (Margret Karsch / Berlin-Institut) erlaubt.

 

Tanja Kuchenbecker: Gluckenmafia gegen Karrierehühner. Schluss mit den Grabenkämpfen. So lösen wir das Familiendilemma. Campus, Frankfurt am Main 2007. 186 S., 17,90 Euro.

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