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von Frank Trentmann


Die herkömmliche Kritik am Konsum geht so: Als die Menschen ihrem Innovationsdrang freien Lauf ließen und bahnbrechende Erfindungen die Massenproduktion von Gütern ermöglichten, begann der Vormarsch der Dinge in unserer Welt. Immer mehr Bauern verdienten fortan als Arbeiter in den Fabriken ihr Geld, das sie umgehend ins nächste Warenhaus schleppten, um all die Produkte zu kaufen, die sie selbst gerade hergestellt hatten. Der Kapitalismus war geboren. Doch um ihn am Leben zu erhalten, musste sich der Kreislauf immer schneller drehen. Die Menschen mussten immer mehr kaufen, die Konsumgesellschaft geriet in einen Kaufrausch, wurde zu einer Überflussgesellschaft, die gleichzeitig zu einer Wegwerfgesellschaft degenerierte. Der Rohstoffverbrauch uferte aus, gewaltige Abfallberge blieben zurück. Der Konsum fraß seine Kinder.

Ganz falsch sind diese Zusammenhänge nicht. Doch man kann sich dem Thema Konsum auch differenzierter nähern. Frank Trentmann hat das in seinem 929-Seiten-Werk „Die Herrschaft der Dinge: Die Geschichte des Konsums vom 15. Jahrhundert bis heute“ getan. Akribisch, geradezu enzyklopädisch erklärt er, dass die Sache mit dem Konsum erheblich komplexer ist, als es diese holzschnittartige Zusammenfassung vermuten lässt. Welcher Informations-Tsunami in dem Buch steckt, zeigt sich allein schon an den knapp 80 Seiten, die der Autor für die Quellenangaben benötigt. Trentmann, der Geschichte am Birkbeck College der Universität von London lehrt, skizziert eine Art Koevolution zwischen den Menschen der Moderne und jenen Artefakten, die unser Leben immer mehr prägen: Ohne die Dinge, die uns umgeben, wären wir nicht das, was wir sind. Wir konsumieren, also sind wir, müsste man heute sagen. Bei aller Kritik an den vielfältigen negativen Begleiterscheinungen des Konsums lässt sich nicht leugnen, dass der Erwerb von Gütern die Freiheitsgrade der Menschen erhöht hat, die Lebensqualität verbessert, zur Emanzipation und Demokratisierung beigetragen hat.

Der Autor geht bei seiner Analyse so nüchtern, wissenschaftlich und unideologisch vor, dass dem Leser am Ende gar nichts anderes bleibt, als sich selbst ein Bild vom Sinn und Unsinn des Konsums zu machen. Es wäre für Trentmann ein Leichtes, über die ökologischen Folgen des „Immer-mehr-Drangs“ oder über die Geistesstörung von „Shopping Queens“ zu klagen. Derartige Bücher füllen Regale und sind ironischerweise längst Teil der Konsumgesellschaft geworden. Diesen Weg wählt der Historiker nicht. Er leitet das Phänomen erst einmal historisch her.

Dabei wird klar, warum der Konsum lange Zeit in der Geschichte des Menschen so gut wie keine Rolle spielte: Die meisten Leute lebten von der Hand in den Mund und hatten kaum das Geld für Dinge, die schön zu haben, aber nicht existentiell notwendig waren. Was wir heute für unverzichtbar, quasi für eine naturgesetzliche Grundausstattung unseres Daseins halten, im Übermaß kaufen und besitzen - Smartphones, Autos und Kleiderschränke voller Klamotten – sind recht neue Phänomene in menschlichen Gesellschaften. Noch im Mittelalter zimmerten, webten und strickten die meisten unserer Vorfahren ihre Güter selbst, pflegten sie tunlichst, vererbten sie auf ihre Nachkommen und nutzten sie, bis sie „aufgebraucht“ waren.

„Konsumkulturen“, erklärt uns Trentmann, gab es zwar schon im alten China und in Europa –spätestens, seit die Seefahrer andere Kontinente entdeckt hatten und im Rahmen einer ersten Globalisierung einen weltumspannenden Handel anzettelten. Tee, Kaffee, Kakao, Porzellan und Seide waren plötzlich fern ihres Ursprungsortes verfügbar, zwar nur in kleinsten Mengen, aber umso begehrter. Wer es sich erlauben konnte, und das waren in der Renaissance bereits erstaunlich viele, häufte weitaus mehr Güter an, als er brauchen konnte: So hinterließ ein venezianischer Rudermacher 1633 seiner Witwe 43 Hemden, 25 Betttücher, 63 Tischdecken und Servietten sowie 105 Keramikteller. Doch nicht nur der Überschwang war damals an der Tagesordnung, sondern auch die moralische Entrüstung ob der Opulenz. Vieles von den Besitztümern landete auf dem Scheiterhaufen, Luxusgesetze verboten modische Schuhe oder extravagante Kleidung. Steuern auf Tabak oder Alkohol sollten die Menschen vor allzu großen Versuchungen bewahren.

Doch erst im 17. und 18. Jahrhundert entwickelte sich, vor allem in Großbritannien, eine "dynamische, innovative Konsumkultur“. Auch sie war eine Folge der frühen Globalisierung, denn sie wurde getragen von der aus Indien importierten Baumwolle. Der daraus gefertigte Stoff war weitaus billiger als Wolle, Leinen oder Seide, er ließ sich einfach bedrucken und überschwemmte England mit einer bis dato unbekannten Menge an Textilien. Damit war bereits sehr früh der sogenannte Rebound-Effekt angelegt, mit dem sich erklären lässt, warum trotz aller Effizienzsteigerungen der Rohstoff- und Energieverbrauch immer weiter wächst: Einstmals teure Güter, die es nie in den Massenmarkt geschafft hätten, werden billiger und besser, wenn sie sich in hohen Stückzahlen fertigen lassen. Bestes Beispiel sind die Mobiltelefone, von denen es heute mehr gibt, als Menschen auf der Erde leben, und die einen jährlichen Handy-Abfallberg hinterlassen, der an Gewicht das 50-fache des Eiffelturms übersteigt.

Doch trotz der Müllmengen käme kaum ein Mensch auf die Idee, die Vorteile der Mobiltelefone in Frage zu stellen, oder jene der meisten anderen Konsumgüter. Schon früh sprachen Ökonomen wie Adam Smith dem Anhäufen von Besitztümern eine zivilisierende Wirkung auf die Menschen zu, welches die Konkurrenz- und Aggressionstriebe auf harmlose Tätigkeiten umleite. Der Pastor und Nationalökonom Thomas Malthus sah bei wachsenden Einkommen und mehr Konsum sogar einen Rückgang des Bevölkerungswachstums voraus, in dem er die Ursache künftiger verheerender Versorgungskrisen und Hungersnöte gesehen hatte - und sollte damit recht behalten.

Tatsächlich zeigt Trentmann, dass die Menschen, die zuvor den Großteil ihres Einkommens für Lebensmittel ausgaben, mit wachsendem Wohlstand immer mehr Geld in Bildung, Gesundheitsvorsorge und Konsumgüter stecken – in das, was man heute als Lebensstandard definieren würde. Vor allem Städte entwickelten sich zu Zentren des Konsums jeder Art. Zum einen hatten immer mehr Menschen Zugang zu fließendem Wasser, Beleuchtung und Elektrizität, zweifelsohne ein Mehr am Lebensqualität. Zum anderen entwickelten sich Kaufhäuser zu Tempeln der Einkaufswelt, in denen die Güter nicht nur verkauft, sondern regelrecht inszeniert wurden: Zeitgenossen erlebten im späten 19. Jahrhundert „das Kaufhaus als Verkörperung einer neuen Gesellschaft“, mit dekorierten Schaufenstern und „bewegten Treppen“.

Natürlich gab es auch Kritik an den neuen Ikonen der Moderne, etwa weil sie zur Enthemmung „ansonsten ehrenhafter Damen“ führten. Doch in Wirklichkeit, meint Trentmann, trugen die Kaufhäuser eher zur Emanzipation von Frauen und der Arbeiterschaft bei, die damit einen Zugang zum öffentlichen Leben erhielten, beziehungsweise zu Gütern, die ihnen zuvor vorenthalten waren. Einen weiteren Schritt in Richtung demokratischer Konsumgesellschaft sieht der Autor in den USA und im Europa des 20. Jahrhunderts, als sich die Länder zu Nationen aus Haus- und Wohnungseigentümern wandelten, die ihre Bleibe bald mit langlebigen Konsumgütern füllten, mit Kühlschränken, Staubsaugern, Radio- und Fernsehgeräten. Der 2017 verstorbene schwedische Mediziner und Direktor der Gapminder-Stiftung Hans Rosling hat die Waschmaschine einmal als wichtigstes Element der Frauenbefreiung bezeichnet, weil er den Frauen die Zeit für wichtigere Dinge als die Handwäsche schenkte und ihnen so den Weg in eine Bildungskarriere eröffnete.

Am Ende kommt Trentmann dann doch noch ausführlich auf die Schattenseiten und Kollateralschäden des Konsums und des damit verbundenen „Materialstoffwechsels“ zu sprechen. Aber auch hier entlarvt er die Vorstellung, die Menschen würden immer mehr Müll produzieren, zumindest zum Teil als falsche Wahrnehmung. Tatsächlich sinken die Abfallmengen in vielen Industriestaaten wie Deutschland seit Jahren, vor allem, weil Mülltrennung und Wiederverwertung sowohl wirtschaftlich attraktiv als auch gesetzlich verordnet sind. Ganz überzeugend ist diese Argumentation jedoch nicht, denn der Müll der Vergangenheit ist damit nicht verschwunden. Vielmehr addieren sich kleinere Müllmengen der Gegenwart zu dem, was wir zuvor schon hinterlassen und keineswegs immer recycelt oder korrekt entsorgt haben – exemplarisch sichtbar an den gigantischen Plastikmüllstrudeln, die über die Ozeane vagabundieren und dabei immer größer werden. Und auch das Recycling bedeutet meist nur ein „Downcycling“, es liefert also Sekundärrohstoffe von minderer Qualität. Es erfordert zudem einen hohen Energieeinsatz, der in der Gesamtumweltbilanz mit zu berücksichtigen ist. Deutlich wird dies an den hohen Emissionen des Treibhausgases Kohlendioxid, dem ultimativen Müll der Industriegesellschaften. Gehen sie nicht bald und deutlich zurück, wird sich das Klima auf Erden so weit verändern, dass vielen Menschen der Konsum im wahrsten Sinne des Wortes im Halse stecken bleibt. Der Ausstoß von Kohlendioxid, der nach überschaubaren Anfangserfolgen auch bei dem vermeintlichen Klimamusterschüler Deutschland seit einigen Jahren nicht mehr weiter sinkt, ist letztlich die wichtigste Messlatte dafür, ob der Konsum mehr Nutzen oder mehr Schaden anrichtet.

Das Erfrischende an Trentmanns überaus lesbarem Buch ist, dass er die oft normativ geprägte Diskussion um den Konsum, den wir einerseits schätzen und anderseits verteufeln, im Lichte des historischen Alltags betrachtet und damit als oft scheinheilig entlarvt. Was und wieviel wir konsumieren, haben wir als aufgeklärte Konsumenten schließlich selbst in der Hand. Um diese Aufklärung ist Trentmann sichtlich bemüht, auch wenn er das nicht explizit sagt, weil er dazu den Thron seiner wissenschaftlichen Neutralität verlassen müsste.

Das schafft er zumindest bis auf die vorletzte Seite seines Textes, um dann, nach 927 Seiten Nüchternheit, seine Leser mit folgenden Worten geradezu radikal aufzurütteln: „Eine Lehre aus der Geschichte lautet, unsere heutigen Standards nicht als selbstverständlich zu betrachten und nicht anzunehmen, unser Lebensstil würde und sollte in Zukunft der gleiche bleiben, nur effizienter organisiert. Klimaanlagen, warmes Duschen, schnelle Modewechsel und billige Städtereisen sind keine unabdingbaren Bestandteile der menschlichen Zivilisation.“ Der Konsum hat uns also viel gebracht und ermöglicht. Aber weitermachen wie bisher können wir trotzdem nicht.

Rezension von Reiner Klingholz, Nachdruck unter Quellenangabe (Reiner Klingholz / Berlin-Institut) erlaubt.



Frank Trentmann (2017): Herrschaft der Dinge: Die Geschichte des Konsums vom 15. Jahrhundert bis heute. Aus dem Englischen von Klaus-Dieter Schmidt und Stephan Gebauer-Lippert. München: DVA; 1051 Seiten, 40 Euro.