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von David Pilling

 

Japans demografische und wirtschaftliche Entwicklung ist in eine Sackgasse geraten. Der Wirtschaftsjournalist Pilling glaubt an den Befreiungsschlag.Japan befindet sich inmitten eines sozio-ökonomischen Großversuchs. Kein Land der Welt hat eine ältere Bevölkerung und die Nachwuchszahlen sind so niedrig, dass die Nation in den kommenden Jahren mehr Einwohner verlieren wird als jede andere Nation. Zusätzlich steckt Japans Wirtschaft seit fast 25 Jahren in einer Dauerkrise. Dummerweise existieren weltweit keine Erfahrungen mit solchen Veränderungen, denn in der Vergangenheit hat stets das Wachstum die Entwicklung der Industrienationen geprägt. Insofern ist der japanische Großversuch ein Lehrbeispiel für viele andere Länder, die einen ähnlichen Weg in die demografische und ökonomische Zukunft nehmen.

Japan befindet sich inmitten eines sozio-ökonomischen Großversuchs. Kein Land der Welt hat eine ältere Bevölkerung und die Nachwuchszahlen sind so niedrig, dass die Nation in den kommenden Jahren mehr Einwohner verlieren wird als jede andere Nation. Zusätzlich steckt Japans Wirtschaft seit fast 25 Jahren in einer Dauerkrise. Dummerweise existieren weltweit keine Erfahrungen mit solchen Veränderungen, denn in der Vergangenheit hat stets das Wachstum die Entwicklung der Industrienationen geprägt. Insofern ist der japanische Großversuch ein Lehrbeispiel für viele andere Länder, die einen ähnlichen Weg in die demografische und ökonomische Zukunft nehmen.Tatsächlich sind die Probleme Japans immens: Die Einwohnerschaft könnte sich nach den Angaben des japanischen Nationalen Instituts für Bevölkerung und soziale Sicherheitsforschung bis ins Jahr 2100 um zwei Drittel reduzieren. Die Alterung der Gesellschaft schreitet rapide voran und bis 2050 dürfte ein Viertel der Bewohner über 75 Jahre alt sein. Die Wirtschaft wächst seit einem Viertel Jahrhundert praktisch nicht mehr. Die Steuereinnahmen des Staates haben sich seither halbiert und der Wohlstand lässt sich nur durch eine immense Staatsverschuldung aufrechterhalten.

David Pilling erzählt Aufstieg und Fall Japans und hat das Buch mit vielen Anekdoten und unzähligen Gesprächen geschmückt, die ein guter Journalist nun einmal beruflich aufsaugt und auch wieder loswerden will. Als Wirtschaftsjournalist gelingt es ihm hervorragend, die ökonomische Lage bildhaft zu vermitteln. Wenn er etwa beschreibt, wie er in seiner angemieteten Wohnung in Tokio 10.000 vergessene Yen im Eisfach des Kühlschrankes entdeckt und erklärt, dass diese „Anlageform“ einträglicher sei als die Anlage in japanischen Aktien oder auf dem Sparkonto. Denn dort hätte es zum Teil massiv an Wert verloren, während es im Gefrierfach wegen der Deflation immerhin um zwölf Prozent an Wert gewonnen hat.Die Schilderungen ermöglichen dem Leser einen guten Einblick in die japanische Mentalität, in den wirtschaftlichen Alltag und die Zukunftsoptionen des Landes. Aber ob der positive Ausblick, der im Titel des Buches anklingt, gerechtfertigt ist, wird auch nach der Lektüre nicht ganz klar. Der Brechstangen-Reformpolitik des heutigen Präsidenten Shinz? Abe jedenfalls traut Pilling auch nicht so recht über den Weg. Denn ob dessen Mischung aus hochaggressiver Geldpolitik, schuldenfinanzierten Konjunkturpaketen und halbherzigen Strukturreformen mehr Erfolg haben wird als die seiner erfolglosen Vorgänger, steht in den Sternen.

David Pilling zitiert stattdessen japanische Experten wie den Literaturprofessor Norihiro Kato, der glaubt, dass Japan einen ganz anderen Weg gehen wird: Schließlich scheint es den Japanern trotz langjähriger Wirtschaftskrise gar nicht so schlecht zu gehen: Sie leben länger als sonstwo auf Erden, haben ein günstiges Gesundheitssystem, arbeiten viel länger als sie müssten, liefern nach wie vor technische Spitzenprodukte, kennen kaum Kriminalität und halten als Gesellschaft enorm zusammen. Pilling vermutet, dass sich Leute wie Kato längst damit abgefunden haben, dass das Wachstum auf einem endlichen Planeten auch mal ein Ende hat. Dass die Japaner problemlos auch mit weniger leben können und sich deshalb vor einem vermeintlichen Abstieg gar nicht fürchten. Das jedenfalls wäre eine interessante Variante vom Ende des Wachstums.

Rezension von Reiner Klingholz, Nachdruck unter Quellenangabe (Reiner Klingholz / Berlin-Institut) erlaubt.

David Pilling: Japan. Eine Wirtschaftsmacht erfindet sich neu. Hanser. München 2013. 408 Seiten. 24,90 Euro.