Facebook
Twitter

von Fred Pearce

 

In seinem Buch „Land Grabbing. Der globale Kampf um Grund und Boden“ nimmt der britische Wissenschaftsjournalist Fred Pearce seine Leser mit auf eine Reise zu den Schauplätzen illegaler und legaler Landnahmen auf der ganzen Welt.

In Zeiten von Nahrungsmittelknappheit und Rohstoffmangel ist Boden zum wertvollen Gut geworden, um das Staaten, Großkonzerne, Organisationen wie auch Privatpersonen buhlen. Für seine Recherchen fuhr Autor Fred Pearce mit dem Jeep durch die Serengeti-Wüste, begab sich mitten in den dicht bewachsenen paraguayischen Urwald und flanierte über das Chicagoer Börsenparkett. Er erzählt Geschichten von Krieg und Vertreibung, von schmutzigen Machenschaften oder auch von weltfremden Ökofreaks.

Landnahme nicht gleich Landnahme

Auf etwa 400 Seiten zeigt Pearce, wie unterschiedlich sich Land Grabbing gestaltet. Da wären zum einen die altbekannten Geschichten vom ungleichen Kampf zwischen Mächtigen und Mittellosen. Diese handeln von Regierungen, für die Landverkäufe oft leicht und schnell verdientes Geld bedeuten. Die betroffenen Bewohner wiederum sehen von diesen Gewinnen meistens nichts. Anstatt für die Landnahme entschädigt zu werden, müssen sie mit den Folgen leben, die oft gravierend sind. Denn um das Land gewinnträchtig nutzen zu können, greifen die Investoren oft schonungslos in die Natur ein und scheren sich nur wenig um das Schicksal der unfreiwillig mit eingekauften Bewohner ihres neuen Areals.

Pearces Werk würde sich aber nicht von anderen Büchern und Medienberichten zu Land Grabbing unterscheiden, würde er nicht auch weitgehend unbekannte, teils paradoxe Geschichten auftun. So etwa die von einer Nichtregierungsorganisation (NGO), die eine riesige Fläche afrikanischen Lands eingekauft hat, um die dortige empfindliche Natur zu erhalten. Was begrüßenswert erscheint, erweist sich für die Angehörigen der ansässigen indigenen Bevölkerung als Katastrophe. Denn weil die angestammten Bewohner Wildtiere jagen, bedeuten sie in den Augen der NGO-Aktivisten eine Bedrohung für die Natur. Aus diesem Grund haben die fremden Umweltschützer den Einheimischen kurzerhand den Zutritt zum Schutzgebiet verboten und sie damit ihrer Heimat beraubt. Dass diese aber seit Jahrtausenden das Gebiet besiedeln, ohne das Ökosystem aus dem Gleichgewicht zu bringen, hat bei dieser Entscheidung keine Rolle gespielt.

Während manche NGOs bei Landnahmen über das Ziel hinausschießen, verfolgen andere Fälle von Landnahmen nicht einmal einen tieferen Sinn. So spürt Pearce etwa superreiche Privatpersonen auf, die im südamerikanischen Patagonien ganze Vulkane inklusive Umlands aufgekauft haben, um sie als Urlaubsdomizil für das persönliche Abenteuer zu nutzen.

Nicht wertungsfrei, trotzdem nicht oberlehrerhaft

Mit seinen vielfältigen Berichten zeichnet der Autor ein umfassendes und ausgewogenes Bild von Land Grabbing in Ländern so unterschiedlich wie Australien, Liberia, die Ukraine oder Indonesien. Auch wenn der Autor einräumt, dass nicht jede Landnahme negativ zu bewerten sei, lässt sich das Thema kaum wertneutral behandeln. Denn die negativen Beispiele von Land Grabbing überwiegen die positiven bei weitem. Landnahmen, das wird im Buch deutlich, verursachen fast immer große Schäden für Mensch und Natur. Die Schuld daran tragen meist einzelne, die die Versorgungsnöte der Menschheit in ein lukratives Geschäftsmodell verwandeln. Trotz dieses übergeordneten Leitmotivs bei Landnahmen zeigt Pearce, dass jeder Fall von Land Grabbing ein Einzelfall mit einer ihm eigenen Geschichte ist. Wohl auch deshalb verzichtet der Autor darauf, einen allgemeingültigen Lösungsansatz zu entwickeln, der die Welt dauerhaft vor Landnahmen retten könnte. Dem Buch verhilft das zu hoher Glaubwürdigkeit.

Kleinbauern alleine werden es nicht richten

Ganz ohne gutgemeinte Empfehlungen kommt Pearce trotzdem nicht aus. In seinem Schlusskapitel stellt er dar, welche Schritte notwendig wären, um Nahrungsmittelengpässe in Afrika zu umgehen. Wenn es nach Pearce ginge, müssten dazu vor allem bäuerliche Familienbetriebe stärkere Beachtung in der Entwicklungspolitik finden. Richtig unterstützt könnten diese viel zur Nahrungsproduktion beitragen. Leider, so sagt er, würden jedoch weltweit angesehene entwicklungspolitische Berater wie Paul Collier genau das Falsche fordern, wenn sie sich für den Aufbau landwirtschaftlicher Großunternehmen und weiterverarbeitender Industrien einsetzen. Diese Fortschrittsfanatiker, wie Pearce sie nennt, würden dabei das große Potenzial von Kleinbauern gänzlich ignorieren und deren Existenz sogar bedrohen.

Pearce hat recht, wenn er sagt, dass Kleinbauern bereits mit einfachen Hilfsmitteln ihr heutiges Produktionsniveau steigern und so einen erhöhten Beitrag zur Nahrungsversorgung leisten könnten. Damit könnte sich auch der Lebensstandard vieler bäuerlicher Familien erhöhen. Doch das allein wird Afrika langfristig nicht reichen. Denn in den kommenden Jahren wird die Zahl der Erwerbsfähigen auf dem Kontinent unvermeidlich wachsen. Für diese Millionen von Menschen werden kleinbäuerliche Strukturen nicht genügend Jobs, geschweige denn ausreichend Gehälter bieten können. Anders aber sieht es mit der Nahrungsmittelindustrie aus. Gelänge es den Ländern Afrikas, Produktionsketten aufzubauen, in denen die Rohstoffe afrikanischer Klein- und Großbauern zu Lebensmitteln verarbeitet und weiterverkauft würden, entstünden attraktive und bezahlte Arbeitsplätze. Der Ausbau der Nahrungsmittelindustrie hat also nichts mit Fortschrittsfanatismus zu tun, sondern ist im Gegenteil eine große Chance für einen Entwicklungsschub in vielen afrikanischen Ländern.

Für den Aufbau einer Agroindustrie werden die Staaten auf das Know How und das notwendige Kleingeld von erfahrenen Großunternehmern aus dem Ausland zurückgreifen müssen. Um von ihnen nicht ausgebeutet zu werden und stattdessen langfristig von ihnen zu profitieren, müssen die dortigen Entscheider wachsam sein. Wie schwierig das ist, zeigt Fred Pearce in seinem Buch.

 

Rezension von Ruth Müller, Nachdruck unter Quellenangabe (Ruth Müller/ Berlin-Institut) erlaubt.

 

Fred Pearce: Land Grabbing. Der globale Kampf um Grund und Boden. Verlag Antje Kunstmann, 2012. 397 Seiten. 22,95 Euro.

 

 

Europa als Ziel?

Die Zukunft der globalen Migration

Atlas der Globalisierung

mit Beiträgen von Alisa Kaps, Tanja Kiziak, Reiner Klingholz, Manuel Slupina und Sabine Sütterlin

Von individuellen und institutionellen Hürden

Der lange Weg zur Arbeitsmarktintegration Geflüchteter

Afrikas demografische Vorreiter

Wie sinkende Kinderzahlen Entwicklung beschleunigen