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A gender perspective
Von Sigrid Metz-Göckel, Mirjana Morokvasic, A. Senganata Münst (eds.)

 

Auswandern war zu früheren Zeiten Männersache. Frauen und Kinder kamen meist erst nach, wenn die Pioniere ein Auskommen in der Fremde gefunden hatten. Doch längst gibt es einen Trend zur Feminisierung der Migration. In Europa bilden Frauen bereits die Mehrheit unter den Migranten.

Schätzungen zufolge lebten 1960 weltweit 76 Millionen Menschen als Migranten in Ländern, in denen sie nicht geboren waren, 2000 waren es bereits 175 Millionen. Der Frauenanteil betrug 1960 geschätzte 47 Prozent, 2000 lag er schon bei 49 Prozent. Die Zahl der Frauen aus der ehemaligen Sowjetunion hat sich in dieser Zeit sogar mehr als verelffacht: von 1,4 auf 15,5 Millionen. In Nord-, Süd- und Osteuropa lag der Frauenanteil zwischen 1960 und 2000 immer knapp über der Hälfte. Nur in Westeuropa knapp darunter – dort leben in absoluten Zahlen europaweit mit Abstand die meisten Migranten.

Der Sammelband „Migration and mobility in an enlarged Europe“ enthält Länderanalysen zu Migration und Hausarbeit in Europa, die 2005 und 2006 auf Konferenzen vorgestellt worden sind. Die Beiträge untersuchen, wie Frauen durch Migration Selbstbestimmung gewinnen oder aber in Abhängigkeit geraten, und wie Geschlechterrollen und ethnische Zugehörigkeit dabei die Lebenswirklichkeit beeinflussen.

Dabei lassen sich allgemeine Beobachtungen treffen und Muster herausarbeiten: Die Frauen, die sich zwischen den mittel- und osteuropäischen Ländern bewegen oder sie verlassen, sind vor allem im Dienstleistungssektor tätig. Denn in der EU sind diese Arbeitskräfte sehr gefragt. Meist arbeiten die Migrantinnen gemäß der vorherrschenden geschlechterspezifischen Arbeitsteilung als Haushaltshilfen, in der Kinderbetreuung oder in der Altenpflege – schlecht bezahlt, ohne Absicherungen im Krankheitsfall oder für das Alter.

Geschichtlich gesehen haben sich die Formen und Gründe der Wanderungsbewegungen verändert: Nach dem Zweiten Weltkrieg waren oft die Familienwiedervereinigung oder wirtschaftliche Not ausschlaggebend. Dabei führen die Veränderung der sozialen und kulturellen Umgebung, der Heimat- und Identitätsverlust, die limitierten Bürgerrechte in der neuen Heimat und die ungewohnten Erfahrungen in der Fremde oft zu Anpassungsschwierigkeiten und können traumatisch sein.

Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989 trat eine neue Phase ein: Die Gründe für eine Migration wurden vielfältiger, außerdem kehrten einige der ehemaligen Flüchtlinge aus dem Osten in ihre alte Heimat zurück. Nicht nur die neu gewonnene Reisefreiheit, auch die wirtschaftlichen und sozialen Folgen des Wandels trieben die Menschen auf die neue Wanderschaft. Einerseits bildeten sich in den Empfängerländern Migranten-Netzwerke, die eine weitere Zuwanderung erleichterten, anderseits verschärfte die Frauenarmut in vielen Ländern Mittel- und Osteuropas den Wanderungsdruck. Auch neue nationale und ethnische Konflikte bei Staatenzusammenbrüchen wie im ehemaligen Jugoslawien ließen die Migrantenzahlen in den 1990er Jahren in die Höhe schnellen. Mit dem EU-Beitritt von zehn Nationen Mittel- und Osteuropas nach der Jahrtausendwende boten sich neue Wanderungsziele.

Insgesamt liefert der Sammelband vielfältige Erkenntnisse zu den spezifischen Lebenswelten von Migrantinnen in und aus verschiedenen europäischen Ländern. Typisch ist dabei nicht nur, dass der Anteil von Frauen an den Migranten wächst, sondern auch dass Frauen im Gegensatz zu Männern eher über kurze Distanzen migrieren und sie dies obendrein eher als Männer in Partnerschaften tun. In der Regel fördert die Frauenmigration Emanzipation und Autonomie von Frauen –oft kommt es wegen neuer Erfahrungen aber zur Trennung vom bisherigen Partner. Schließlich ist auffällig, dass ausgewanderte Frauen mehr Gelder in die Heimat zurückschicken als Männer – sie unterstützen die zurückgebliebenen Familien stärker. Das Buch zeigt mit eindrucksvollen Zahlen und Fakten, dass Migration für viele Frauen lebensbestimmend wird und eventuell neue soziale Rollen schafft – aber auch Opfer verlangt.

 

Sigrid Metz-Göckel, Mirjana Morokvasic and A. Senganata Münst (eds.): Migration and mobility in an enlarged Europe. A gender perspective. Opladen & Farmington Hills 2008. 304 Seiten, 29,90 Euro.

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