Facebook
Twitter

Probleme und Potentiale von Migrantinnen auf dem Arbeitsmarkt
Von Christine Färber, Nurcan Arslan, Manfred Köhnen, Renée Parlar

 

Migrantinnen und Migranten verfügen über viele Fähigkeiten. Sie können diese jedoch oft nicht nutzen, weil ihre Qualifikationen auf dem deutschen Arbeitsmarkt nicht anerkannt werden, weil rechtliche Hürden oder sprachliche Probleme bestehen. Häufig üben sie deshalb Tätigkeiten aus, für die nur eine geringe Qualifikation erforderlich ist, arbeiten in prekären Beschäftigungsverhältnissen und sind somit stärker von Arbeitslosigkeit bedroht. Das gilt vielfach selbst dann, wenn sie gut Deutsch sprechen, gut ausgebildet sind und über Berufserfahrung verfügen. Angesichts des Fachkräftemangels in Deutschland ist das eine geradezu absurde Situation.

Eine neue Studie von MigraNet, einem Netzwerk für die berufliche Integration von Menschen mit Migrationshintergrund, untersucht die beruflichen Schwierigkeiten und die Potenziale, Migranten in den großstädtischen Regionen Bayerns und Brandenburgs haben. Die Autoren der Studie gehen der Frage nach, ob die berufliche Integration durch Diskriminierung wegen der Nationalität, der ethnischen Zugehörigkeit, der religiösen Ausrichtung und des Geschlechts behindert wird. Sie liefern darüber hinaus Empfehlungen, wie die Politik insbesondere Frauen mit Migrationshintergrund dabei unterstützen könnte, auf dem Arbeitsmarkt erfolgreicher zu sein.

Die von der EU geförderte Studie stützt sich auf statistische Daten und auf Interviews mit arbeitsuchenden Migranten. Leider ist die Datenlage nicht immer zufrieden stellend: "Menschen mit Migrationshintergrund" bilden eine äußerst heterogene Gruppe, zu der Ausländer, aber auch Aussiedler ebenso wie Eingebürgerte gehören. Und alle Migranten haben mit spezifischen Zuschreibungen zu kämpfen, je nachdem, welcher Gruppe sie angehören. Aber nicht für alle Türkinnen und Araberinnen gilt, dass sie nicht arbeiten wollen oder von ihren Ehemännern daran gehindert werden.

Welche Zuschreibungen welche Rolle für die Benachteiligung spielt, kann die Studie nicht genau bemessen. Aber dass herkunftsländertypische Vorstellungen, dass Fremd- und Selbstbilder von Frauen und Männern, von Muslimen die Einstellungen von Arbeitssuchenden beeinflussen, verdeutlicht die Lektüre. Die Autoren weisen darauf hin, welche Verantwortung hier der Politik zukommt - etwa in Hinblick auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, denn Schwächen in diesem Bereich haben immer noch zur Folge, dass eher die Mütter zu Hause bleiben.

Im internationalen Vergleich ist in Deutschland der Bildungsgrad besonders stark von der Schichtzugehörigkeit abhängig - und der berufliche Erfolg stark vom Geschlecht. OECD-Studien belegen dies regelmäßig. Oft haben es Migrantinnen auf dem deutschen Arbeitsmarkt deshalb doppelt schwer. Es spielen aber noch zahlreiche weitere Faktoren eine Rolle: So haben beispielsweise Osteuropäer höhere Erwerbsquoten als türkische und arabische Staatsangehörige. Die Beteiligung am Arbeitsmarkt unterscheidet sich auch nach Bundesland, Migrationsgruppe und Geschlecht. Diese Ergebnisse verdeutlicht auch die neueste Studie des Berlin-Instituts "Ungenutzte Potenziale. Zur Lage der Integration in Deutschland".

Die Studie zeigt: Migrantinnen und Migranten lassen sich nicht über einen Kamm scheren, sondern ihre Probleme auf dem Arbeitsmarkt müssen differenziert betrachtet werden. Die Autoren empfehlen deshalb unter anderem, die Beratung zu verbessern, arbeitsmarktpolitische Programme besonders für Frauen aus der Türkei und anderen Nicht-EU-Ländern aufzulegen und die Kinderbetreuung neu zu strukturieren.

Die Autoren bemängeln auch eine unzureichende Datenlage. Sie zu verbessern, wäre notwendig, um die Zusammenhänge zwischen Herkunft, sozialer Lage, Bildung und Erwerbstätigkeit eindeutiger zu klären. Nur dann können weitere sinnvolle Maßnahmen zur Verbesserung der beruflichen Integration von Migranten konzipiert und ergriffen werden. Um die Benachteiligungen abzuschaffen, sind nach Meinung der Autoren Veränderungen nicht nur seitens Mehrheitsgesellschaft, sondern auch auf Seiten der Migranten nötig.

 

Rezension von Margret Karsch, Nachdruck unter Quellenangabe (Margret Karsch / Berlin-Institut) erlaubt.

 

Färber, Christine/Arslan, Nurcan/Köhnen, Manfred/Parlar, Renée: Migration, Geschlecht und Arbeit. Probleme und Potentiale von Migrantinnen auf dem Arbeitsmarkt. BudrichUniPress Ltd., Opladen & Farmington Hills 2008.

(Gem)einsame Stadt?

Kommunen gegen soziale Isolation im Alter

Umkämpftes Terrain

Der internationale Widerstand gegen das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung

Demografischer Wandel im Berlin-Institut

Beiträge zum Abschied von Reiner Klingholz

Jahresbericht 2018

Was das Berlin-Institut im letzten Jahr erarbeitet hat, erfahren Sie im Jahresbericht


Ungenutzte Potentiale

Zur Lage der Integration in Deutschland

Klaus J. Bade et al.:
Enzyklopädie Migration in Europa. Vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart

Hatice Gündogdu /Ulrike Zenk: Kampf der Kulturen?
Zwei Frauen gestalten Integration

 

 

Stiftungsreport 2008/09. Wie Vielfalt zusammenhält
Herausgegeben vom Bundesverband Deutscher Stiftungen


Le monde diplomatique: Immer der Arbeit nach
Migration im Zeitalter der Globalisierung

 

 

Sigrid Metz-Göckel et al.: Migration and mobility in an enlarged Europe. A gender perspective