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Diskurse, Medien, Praxen
von Paula Villa und Barbara Thiessen (Hg.)

Keine Mutter ist wie die andere, kein Vater wie der andere. Alle Eltern leben verschiedene Leben. Als Eltern kommen ihnen bestimmte gemeinsame Funktionen zu, die sie aber unterschiedlich erfüllen. Wie, wird immerzu neu ausgehandelt – von Müttern und Vätern, Kindern und Großeltern, in Schule und Beruf. Die Rahmenbedingungen dafür ändern sich ständig. Die Medien spiegeln diese Entwicklung: Sie zeigen heute mehr Vielfalt in den möglichen Formen von Elternschaft. Wie Menschen ihr Leben mit Kindern führen, was sie über die gesellschaftlichen Zusammenhänge denken und wie wiederum die Medien die Vielfalt gelebter Formen von Mutter- und Vaterschaft darstellen, das untersucht der vorliegende Sammelband.

 

Die einzelnen Beiträge sind ursprünglich für eine internationale Konferenz in Hannover erarbeitet und dort vorgetragen worden. Die Herausgeberinnen Paula Villa und Barbara Thiessen haben die Artikel in vier Kapiteln gebündelt und jedem - wie auch dem Buch insgesamt - jeweils eine kurze Einleitung vorangestellt. Das erlaubt es den Leserinnen und Lesern, sich schnell einen Überblick über die zentralen Inhalte zu verschaffen. Hier soll nur exemplarisch auf einige Artikel und ihre zentralen Ergebnisse hingewiesen werden, aber wer den Band zur Hand nimmt, sollte sich keine der Analysen entgehen lassen.

 

Das Private ist politisch

 

Das erste Kapitel enthält für den Band grundlegende gesellschaftspolitische Überlegungen. Raewyn Connell zeigt in ihrem Beitrag “The neoliberal parent”, wie der Neoliberalismus die Vorstellungen von Geschlechterrollen und -beziehungen verändert hat. So hat die gesellschaftliche Umgestaltung im Zeichen des freien Marktes die männliche Vorherrschaft in der Familie vielerorts in Frage gestellt, weil sich Frauen häufiger und in verschiedeneren Berufen verwirklichen als früher. Die gesellschaftliche Hierarchie zwischen den Geschlechtern ist dabei jedoch nicht verschwunden, was sich daran zeigt, dass Frauen in den Führungsetagen kaum vertreten sind.

 

Die Macht des Ökonomischen beeinflusst auch die sozialen Muster von Mutter- und Vaterschaft. Diese unterscheiden sich je nachdem, zu welcher sozialen Klasse die Eltern gehören und wo auf der Welt sie leben, wie Connell anhand einer genaueren Untersuchung in Chile verdeutlicht. Sehr aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang auch der Beitrag von Ulrike Popp, die analysiert, welche Widersprüche zwischen dem immer noch existierenden familiären Leitbild eines väterlichen Ernährers und einer fürsorgenden Mutter als Hausfrau in Österreich und einer modernen Gesellschaft bestehen, in der auch die Frau erwerbstätig sein kann und Kinder ganztags betreut werden. Popp liefert den Nachweis dafür, wie sehr einstige Geschlechternormen immer noch unbewusst wirken.

 

Wer beeinflusst wie, worüber gesprochen wird?

 

Gleich mehrere Autorinnen untersuchen die Debatte um die ehemalige Fernsehmoderatorin Eva Herman.  Die Auseinandersetzung zählt längst zum Kanon der von der Geschlechterforschung untersuchten Medienereignisse: Heike Kahlert arbeitet die Widersprüchlichkeiten in Hermans Buch „Das Eva-Prinzip“ (2006) und anderen Sachpublikationen von Angehörigen der kulturellen Elite heraus. Sie alle stellen den Geburtenrückgang in den meisten Ländern Europas mit den sich wandelnden Geschlechterrollen in einen Zusammenhang und inszenieren ihn als Bedrohung, ohne die tatsächliche Komplexität des demografischen Wandels auf der Basis wissenschaftlicher Erklärungsmodelle offen zu legen. Kahlert entlarvt, wie die Autorinnen und Autoren jeweils biologistische Argumentationen und damit unvereinbare konstruktivistische Erkenntnisse vermischen, um daraus ihre politischen Forderungen abzuleiten.

 

Die Strategien der medialen Inszenierung von Eva Hermans Thesen und die Folgen für das Sprechen über und die Bedeutung von Elternschaft zeichnen Elisabeth Klaus und Martina Thiele nach. Ihr Fazit: Indem konservative Publizistinnen und Publizisten ihre Auffassungen in verschiedenen Medien verbreiten und so tun, „als sprächen sie nur das aus, was ‚die schweigende Mehrheit’ denkt“ , „erweitern sie [...] das Spektrum des öffentlich Sagbaren zu fundamentalistischen Positionen“ . Positionen, die auf komplexen geschlechtertheoretischen Annahmen und/oder gesellschaftskritischen feministischen Analysen beruhen, erreichen die Öffentlichkeit sehr viel weniger, kritisieren die Autorinnen. Leider lassen sie offen, woran das liegen könnte und wie das zu ändern wäre – leicht ist diese Aufgabe bestimmt nicht.

 

Elternschaft verändert sich weiterhin

 

Im zweiten Kapitel beschreibt Karin Flaakes Beitrag, wie die „neuen Väter“ Geschlechterbilder beeinflussen und von ihnen beeinflusst sind. Und sie zeigt, wie sehr sich die entsprechenden Eltern mit dieser neuen Rollenverteilung auseinandersetzen müssen, um Konflikte mit ihrem gesellschaftlichen Umfeld auszustehen. Dasselbe gilt für gleichgeschlechtliche Paarbeziehungen und ihre Kinder, wie Doreen Kruppa deutlich macht: Gleichberechtigte Arbeitsteilung muss ausgehandelt werden, und die Tendenz dazu, dass eine der Partnerinnen oder einer der Partner das Geld verdient und die beziehungsweise der andere zu Hause bleibt und sich um die Kinder kümmert, ist groß. Die Vorgaben belasten die sogenannten „Regenbogenfamilien“ und werten sie gegenüber heterosexuellen Eltern und deren Kindern ab. In heterosexuellen Beziehungen dagegen geht die Erweiterung der Rollen vor allem mit dem Verlust von Sicherheit einher, die durch die scheinbare Naturgegebenheit der traditionellen Rollen von Mutterschaft und Vaterschaft gewährleistet war. Dies muss von einem Elternpaar bewältigt werden, etwa wenn der Mann sich für die Inanspruchnahme der Elternzeit am Arbeitsplatz rechtfertigen muss und dies auch für ihn eine Bedrohung der Karrieremöglichkeiten bedeutet – eine Erfahrung, die für die Frau weniger überraschend sein dürfte.

 

Die Beiträge in den beiden letzten Kapiteln belegen, dass ein zunehmendes Aufbrechen der bestehenden Rollenbilder zu beobachten ist. Mehr Möglichkeiten zu erobern, bleibt aber weitgehend ein individuelles Projekt. Es  ist nicht nur gebunden an Geschlechterrollen, sondern auch an die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Milieu oder einer Ethnie. Einzelne Vorreiterinnen haben die Gleichstellung bereits vorangebracht, das macht Hoffnung – und auch einzelne Vorreiter haben ihren Beitrag geleistet und finden Nachahmer.

 

Das Buch ist für einen wissenschaftlichen Sammelband erfreulich eingängig geschrieben und unbedingt lesenswert. Es ist den darin versammelten Erkenntnissen zu wünschen, dass sie den akademischen Elfenbeinturm verlassen und über andere Medien die Mitte der Gesellschaft erreichen, um dort ihre politische Wirkung zu entfalten. Nur so lässt sich eine freie Wahl zwischen vielen Lebensmodellen ermöglichen. Voraussetzung dafür ist die Anerkennung dieses Ziels. Die ist weniger ein feministisches und gesellschaftskritisches, sondern ein humanistisches Projekt.

 

Paula Villa, Barbara Thiessen (Hg.): Mütter – Väter: Diskurse, Medien, Praxen. Forum Frauen- und Geschlechterforschung. Schriftenreihe der Sektion Frauen- und Geschlechterforschung in der Deutschen Gesellschaft für Soziologie. Band 24. Münster: Verlag Westfälisches Dampfboot 2009. 341 Seiten, ISBN 978-3-89691-224-4, 34,90 €.