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Die Alpen jenseits von Übernutzung und Idyll
von Werner Bätzing

Das ökologische Gleichgewicht in den Alpen hängt auch von der weiteren Bevölkerungsentwicklung und der Bewirtschaftung ab.

 

Wer die kurzen Beiträge des Alpenkenners Werner Bätzing liest, die dieser Sammelband enthält, erfährt viel über die Geschichte der Besiedlung und Bewirtschaftung des Alpenraums. Darüber hinaus entwirft Bätzing ein Szenario, welche zukünftige Entwicklung im Zuge von Klimawandel und Globalisierung zu erwarten ist – und welche politischen Maßnahmen wünschenswert wären, um die „Orte guten Lebens“ nachhaltig zu sichern.

 

Das Lesebuch ist zum 60. Geburtstag des Autors erschienen, mit einem Geleitwort von Reinhold Messner und einer Einleitung seiner Frau. Die Kapitel sind in einem weniger wissenschaftlichen Stil verfasst, als es der Untertitel „Die Alpen zwischen Übernutzung und Idyll“ vermuten lässt. Sie zeigen in ihrer Mehrzahl vielmehr Bätzings persönliche Sicht auf das Zusammenspiel von Mensch und Natur. Es sind Artikel, die Bätzing seit 1976 in verschiedenen Publikationen des Deutschen Alpenvereins und Zeitungen veröffentlicht hat. Entsprechend unterschiedlich ist ihre Tiefe der Auseinandersetzung mit dem Thema – teils sind es Reiseberichte, teils kritische Betrachtungen der politischen Rahmenbedingungen, die die Entwicklung und Besiedlung dieses besonderen Kulturraums prägen, teils Referate von Ergebnissen seiner Forschungstätigkeiten. Auch Wiederholungen bleiben so nicht aus, trotz einer Überarbeitung vor der erneuten Veröffentlichung.

 

Bätzing geht in einigen seiner Ausführungen weit zurück: Nach der letzten Eiszeit waren die Tallagen versumpft, bis zur Baumgrenze wuchs überall Wald, darüber fanden sich Flächen mit Gras  und Geröll. Die Menschen veränderten die Landschaft, um dort leben zu können – sie entwässerten die Tallagen, rodeten in Talnähe und in höheren Lagen, um Hochalmen zu schaffen, legten Äcker und Wiesen an. Durch kontinuierliche Pflege wie Rodungen, regelmäßiges Schneiden, Düngen, Auslesen von Steinen erhielten sie ihre Lebensgrundlage und die ökologische Stabilität.

 

Bleibt diese Arbeit ungetan, holt die Natur sich den Raum zurück. Doch dieser Prozess bringt wegen der bereits vollzogenen Eingriffe oft Probleme mit sich: Wenn die Terrassen, die Erosionsschutz bieten, verfallen, wird der Erdboden weggespült, es kann zu Schlammlawinen kommen. Wenn die Verbauungen in Wildbächen weggespült werden, bekommt das Wasser mehr Gewalt. Wenn statt einer dichten Grasfläche verschiedene Pflanzen wachsen, sinkt die Speicherfähigkeit des Bodens und beschleunigt sich die Erosion. Angrenzende bewohnte Gebiete und ihre Infrastruktur laufen Gefahr, von Lawinen bedroht zu werden.

 

Der Alpenraum ist sehr unterschiedlich besiedelt. Zwischen 1870 und 1990 ist die Bevölkerung der Alpen von sieben auf elf Millionen Menschen angewachsen. Im 19. und 20. Jahrhundert ist die Bevölkerung der Industriestaaten oft um das Dreifache gewachsen, die Alpenbevölkerung dagegen nur um 65 Prozent. Von 1970 bis 1996 jedoch liegen die Wachstumsraten des Alpenraums mit 14,5 über denen der EU mit 7,0 Prozent. Beim Lesen dieser Zahlen tut sich eine erhebliche Schwäche des Buchs auf: Die Artikel sind beim Redigieren leider nicht aktualisiert wurden, deshalb sind die Zahlen sehr alt – hier wäre es durchaus möglich gewesen, die Kapitel mit Hilfe neuerer Quellen zu ergänzen.

 

Bätzing weist darauf hin, dass im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts der Zusammenbruch der Berglandwirtschaft, des lokalen Handwerks und Gewerbes zu einem Rückgang der alpinen Bevölkerung geführt hat. Ab 1880 gab es erstmals große Auswanderungsbewegungen, da das Land die Bewohner nicht mehr ernähren konnte – so wanderte etwa die gesamte Bevölkerung des oberen Ubaye-Tals gemeinsam nach Brasilien aus. Im piemontesischen Mairatal lebten 1881 noch 22.171 Personen, 1969 waren es nur noch 6.699. Während der beiden Weltkriege erlitt die Bergbevölkerung hohe Verluste. Mitte der 1950er Jahre setzte dann der Massentourismus ein, es kam zu einer „Explosion der Infrastruktur“, bis 1981 die Übernachtungszahlen wegen des Überangebots stagnierten.

 

Eine Gemeindeanalyse Bätzings, bei der er alle knapp 6.000 Gemeinden der sieben Alpenstaaten untersucht und deren Ergebnisse er 1994 publiziert hat, hat ergeben, dass sich hinter dem Bevölkerungszuwachs auf elf Millionen zwei gegenläufige Trends verbergen: „43 Prozent aller Alpengemeinden erleiden seit 1870 einen Bevölkerungsrückgang von durchschnittlich 44 Prozent – also fast eine Halbierung ihrer Einwohnerzahl. Zehn Prozent verzeichnen in diesem Zeitraum eine Stagnation, und in den restlichen 47 Prozent ist seit 1870 ein Bevölkerungswachstum von durchschnittlich 136 Prozent zu beobachten, also mehr als die Verdopplung der einstigen Einwohnerzahl.“ Setzt man bei 10.000 Einwohnern einen Schwellenwert an, so gab es 1991 195 Städte in den Alpen. In diesen lebte ein Drittel der gesamten Alpenbevölkerung. Wie es heute aussieht, knapp 20 Jahre später, ist in dem Buch leider nicht zu erfahren, da liefert beispielsweise der 2008 vom EURAC-Institut für Alpine Umwelt und der Universität Innsbruck herausgegebene Alpenatlas neuere Daten.

 

Die Alpenregion teilt sich in einen Wachstumsraum in den westlichen Ostalpen und einen Entleerungsraum in den Südwestalpen. Zu dem Wachstumsraum gehören beispielsweise das für seine besondere Steuergesetzgebung bekannte Liechtenstein, die bayerischen Alpen als Naherholungsgebiet Münchens, Westösterreich und Südtirol, zum Entleerungsraum die Alpen Piemonts, Aostas oder Nordfrankreichs, worin allerdings Wachstumsinseln wie das Regionalzentrum Grenoble oder Skigebiete wie Isola liegen. Der Rest der Alpen weist eine Mosaikstruktur von Wachstum und Schrumpfen auf.

 

Insgesamt lässt sich feststellen, dass das stärkste Bevölkerungswachstum sich in den Städten und Tälern vollzieht und die Bevölkerung in den oberen Höhenlagen schneller als in den unteren abnimmt: Bätzing hat die Ortsregister untersucht und kommt zu dem Ergebnis, dass es vor 100 Jahren oberhalb von 1.300 Metern noch 185 Ortschaften gab. Heute – besser gesagt, bei Erscheinen des Artikels im Jahr 1981 – dagegen nur noch drei. In den Lagen zwischen 1.000 und 1.300 Metern sank die Zahl der Ortschaften von 160 auf nur noch 25.

 

Was also ist zu tun, wenn kein Zurück zur urtümlichen Wildnis gewünscht ist? Bätzing plädiert für den Erhalt der Kultur- und Bergbauernwirtschaft, weil diese für die ökologische Stabilität der Alpen unerlässlich ist. Er betont die Notwendigkeit, den Massentourismus einzudämmen und traditionelle Wirtschaftsformen zu erhalten: Die Menschen haben die Natur zu ihrem Zweck verändert und durch die Art der Nutzung ein neues ökologisches Gleichgewicht geschaffen. Das ist nun in Gefahr, weil die viele Gegenden nicht mehr bewirtschaftet werden. Die Politik muss Maßnahmen ergreifen, um die vollständige Entsiedlung weiter alpiner Gebiete zu stoppen. Das aber ist laut Bätzing nur möglich, wenn der Bevölkerung eine wirtschaftliche Grundlage geboten wird und diese am Leitbild der Nachhaltigkeit ausgerichtet ist.

 

Erstaunlich ist, dass der renommierte Rotpunktverlag, bekannt für seine schön aufgemachten Bergbücher, dem Band keine Karte des Alpenraums beigefügt hat – nicht allen Leserinnen und Lesern dürfte bekannt sein, in welcher Ecke sich die Cottischen Alpen, die Seealpen oder das Gasteiner Tal befinden. Eine Karte hätte dazu beigetragen, die Ausführungen Bätzings zu veranschaulichen. Für alle, die sich für die Besiedlung der Alpen interessieren oder möglicherweise sogar den Weitwanderweg Gran Traversata delli Alpi benutzen, für den Bätzing sich stark engagiert, ist es dennoch ein lesenswertes Buch.

 

Werner Bätzing (2009): Orte guten Lebens: Die Alpen jenseits von Übernutzung und Idyll. Rotpunktverlag, Zürich. 357 S., 24 Euro.