Facebook
Twitter

Mass Migration, Ageing Nations and the Coming Population Crash
von Fred Pearce

 

Es ist noch nicht lange her, da wusste über die Hälfte aller Bundesbürger nichts mit dem Begriff "demografischer Wandel" anzufangen. Das dürfte sich geändert haben, seit die Zeitungen voll sind von Geschichten über das alternde Europa, über die aussterbende Spezies der Kinder und die Dörfer im Osten der Republik, in denen kaum noch ein Mensch lebt.

Doch was in Deutschland normal geworden ist, gilt nicht für die Welt. Auch wenn wir Deutschen als Volk bis Mitte des Jahrhunderts im zweistelligen Millionenbereich schrumpfen dürften – die Weltbevölkerung wächst munter weiter, derzeit um rund 230.000 Häupter pro Tag.

Wie passt das zusammen? Und welche Folgen hat die Gleichzeitigkeit von enormem Wachstum und schleichendem Schrumpfen auf ein und demselben Planeten? Fred Pearce, einer der besten und produktivsten Wissenschaftsjournalisten der Welt sowie langjähriger Mitarbeiter des britischen New Scientist, liefert die Antwort in seinem sehr gut recherchierten und packend geschriebenen Buch "Peoplequake", was so viel heißt wie "Menschenbeben". Denn es sind die Menschen, die der Erde in einer Zahl von heute fast sieben Milliarden derart zusetzen, dass sie ihr eigenes Wohlergehen gefährden.

Wer heute um die 50 Jahre alt ist und zu Beginn seines Lebens eine vergleichsweise ökologisch intakte Welt vorgefunden hatte, reich gesegnet mit Rohstoffen aller Art, steht heute vor einer geplünderten, verdreckten und aufgeheizten Erde, auf der zweieinhalb Mal so viele Menschen leben wie ein halbes Jahrhundert zuvor. Nicht viel mehr als ein zehntel Hektar Ackerland verbleibt jedem Erdenbürger im Mittel. Das sind gut 1.000 Quadratmeter, gerade mal zweieinhalb Basketballfelder, auf denen alle pflanzliche und tierische Nahrung heranwachsen muss, die einem Durchschnittserdenbürger zusteht. Da stellt sich die alte, seit Thomas Malthus immer wieder erhobene Frage, ob die Erde ihre Bewohner überhaupt ernähren kann. Vor allem, weil die heutige Landwirtschaft, die zwar 1,7 Milliarden Menschen überfüttert, aber über eine Milliarde hungern lässt, vielerorts Grundwasservorräte plündert, die Böden übernutzt und erodieren lässt, und so viel Energie für die Produktion von Lebensmitteln mobilisiert, dass wir Deutschen für jedes Kilojoule, das wir auf dem Teller haben, rund das Zehnfache an Energie in Form von Erdöl investieren müssen.

Ein wenig atemlos treibt uns der Autor durch die Höhepunkte der globalen demografischen Entwicklung: Bevölkerungsexplosion – Pillenknick – Grüne Revolution – Ein-Kind-Politik in China – Migrationsströme – gesundheitliche Krise in Russland – Vergreisung in Japan und so weiter und so fort. Und am Ende, ein wenig überraschend für die Leser, die längst den großen Crash erwarten, bekommt Fred Pearce die Kurve: Alles könnte noch einmal gut gehen, denn überall auf der Welt sinken die Geburtenraten: Die ersten Länder (darunter Deutschland) schrumpfen bereits, in über 60 Ländern (darunter China, der Iran, die Türkei und Tunesien) liegt die Kinderzahl je Frau bereits unter der Erhaltungsziffer von 2,1, die für eine stabile Bevölkerungsentwicklung nötig wäre. Und auch in den meisten ganz armen Ländern haben die Menschen mehr Zugang zu Bildung als früher, was sich erfahrungsgemäß als bestes Mittel zur Familienplanung entpuppt.

Ist es also nur eine Frage der Zeit, eine Frage von ein paar Jahrzehnten, bis die Explosion zu einer Implosion wird? Es sieht ganz danach aus, wenn man den Autor ernst nimmt: Denn in allen entwickelten Staaten der Welt bekommen die Menschen im Mittel weniger als zwei Kinder, wenn sie die Möglichkeit haben, ihre Familie nach ihren freien Vorstellungen zu planen. Nur in patriarchalen Gesellschaften, in denen die Frauen nichts zu melden haben, so Pearce, herrschen noch die großen Familien vor. Aber mit dem unaufhaltsamen Siegeszug von Bildung und Gleichberechtigung sei dieses Modell ein Auslaufmodell.

So ganz wird allerdings nicht klar, wie es der Menschheit gelingen soll, bei vorerst noch stark wachsender Erdbevölkerung und bei der gigantischen wirtschaftlichen Entwicklung der großen Schwellenländer den Ausstoß von Treibhausgasen um 80 Prozent abzusenken. Wie sich die alternden, schrumpfenden und gesättigten früh industrialisierten Staaten von ihrem Wachstumsdenken lösen können, das schon lange keine reale Grundlage mehr hat. Und wie die alte Welt die kommenden Wanderungsströme der Jungen bewältigen kann, die vor Klimawandel und Bevölkerungsdruck in den armen Ländern Reißaus nehmen. All diese Probleme, die damit zusammen hängen, dass immer mehr Menschen immer mehr wollen, beschreibt Fred Pearce so eindringlich, dass seine Argumente und die Folgerung, dass am Ende alles gut gehen wird, nicht gänzlich überzeugen.

Zumal auch im günstigsten Fall ein langer Atmen nötig sein dürfte: Denn erst im nächsten oder übernächsten Jahrhundert, wenn das seit langem anhaltende Bevölkerungswachstum gekippt und in eine lange Schrumpfungsperiode übergegangen ist, könnte sich die Weltbevölkerung tatsächlich wieder einer Größe von vielleicht zwei bis drei Milliarden genähert haben. Und dann spielen in der Tat die Grenzen des Wachstums keine Rolle mehr. Denn dann, mit einer Menschheit, die deutlich älter und weiser, friedlicher und grüner, konservativer und weniger innovativ sein wird als heute, wird das Leben laut Pearce zwar langweiliger sein– aber irgendwie auch besser, unter anderem, weil die Frauen die Welt dominieren. Ob wir das gut oder schlecht finden ist nicht die Frage, meint der Autor. Die Weichen dorthin seien heute schon gestellt, und es gebe kein Zurück auf diesem Weg.

 

Pearce, Fred (2010): Peoplequake: Mass Migration, Ageing Nations and the Coming Population Crash, Bantam Paperbacks, 352 Seiten, ISBN 9781905811342, 15,99 Euro.

Demografischer Wandel im Berlin-Institut

Beiträge zum Abschied von Reiner Klingholz

Jahresbericht 2018

Was das Berlin-Institut im letzten Jahr erarbeitet hat, erfahren Sie im Jahresbericht

Teilhabeatlas Deutschland

Ungleichwertige Lebensverhältnisse und wie die Menschen sie wahrnehmen

Urbane Dörfer

Wie digitales Arbeiten Städter aufs Land bringen kann