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Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (Hg.)

 

Das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) hat seine neue Raumordnungsprognose vorgestellt. Der Bericht enthält Annahmen, welche demografischen Entwicklungen in den Regionen Deutschlands bis zum Jahr 2050 zu erwarten sind.

Schon seit den 1980er Jahren beschreibt das BBSR in seinen Prognosen, wie sich die Bevölkerung auf regionaler Ebene voraussichtlich verändern wird. Es handelt sich dabei um „Status-quo-Prognosen“: Trends der Vergangenheit werden rechnerisch in die Zukunft verlängert. Deshalb enthält der Bericht sowohl ein Bild der zukünftigen als auch eines der vergangenen und der gegenwärtigen Situation.

Überall in Deutschland sind Ausprägungen des demografischen Wandels wie Geburtenrückgang, Alterung und Migration zu erkennen. Ziel der vorgelegten fünften Raumordnungsprognose des BBSR ist es, sichtbar zu machen, wie unterschiedlich sich dabei die deutschen Kreise entwickeln.

Der Bericht liefert für drei demografische Einheiten Regionalprognosen: für die Gesamtbevölkerung, für private Haushalte und Erwerbspersonen. Gleichzeitig werden diese hinsichtlich dreier Aspekte genauer analysiert: Wie wird sich die Bevölkerung in Zukunft entwickeln? Wie viele junge und alte Menschen wird es in Zukunft geben? Wie viele Menschen mit Migrationshintergrund werden in Deutschland leben? Bei der Untersuchung der Bevölkerung haben die Autoren die Kreise in Clustern zusammengefasst, um Gemeinsamkeiten und Unterschiede hervorzuheben.

Mit Blick auf die Alterung der Gesellschaft wird klar, dass der Anteil der Jüngeren aufgrund des Nachwuchsmangels sinkt und jener der Älteren wächst – weil die Menschen immer älter werden und weil die geburtenstarken Jahrgänge bald schon ins Seniorenalter kommen. Die kombinierte „Alterung von unten“ und die „Alterung von oben“ werden sich bis 2025 beschleunigen und erst 2040 ihren Höhepunkt erreichen. Danach erreichen die geburtenstarken Jahrgänge der Babyboomer das Sterbealter, so dass der Anteil der älteren Menschen an der Gesellschaft wieder sinkt.

Doch bis dahin werden immer weniger junge Erwerbsfähige in den Arbeitsmarkt hineinwachsen und Ältere ihn zunehmend dominieren. Bis 2025 wird die Zahl der Erwerbsfähigen im Alter von 15 bis 70 Jahren von 54,9 Millionen auf 51,2 Millionen zurückgehen. Die Autoren haben für ihre Berechnung nicht das gesetzliche Renteneintrittsalter von heute 65 Jahren berücksichtigt, das mittelfristig auf 67 Jahre erhöht werden soll, sondern die Erwerbsfähigkeit sogar bis zum 70. Lebensjahr angehoben. Der Schwund der Erwerbsfähigen wird sich nahezu vollständig in den ostdeutschen Bundesländern abspielen, die stark von der Abwanderung junger Menschen betroffen sind, während die erwerbsfähige Bevölkerung in den westdeutschen Bundesländern stabil bleibt – vor allem wegen der Zuwanderung jüngerer Menschen aus dem Osten und aus dem Ausland. Der Rückgang bei den Erwerbspersonen unter 45 Jahren wird in fast allen Regionen Ostdeutschlands um die 30 Prozent betragen.

Die Prognosen des BBSR und die dahinterstehenden Annahmen machen deutlich, dass sich das gesamte Bundesgebiet in einem Wechsel von Wachstum zu Schrumpfung befindet. Von dieser Entwicklung ist Ostdeutschland schon seit längerem betroffen. Regional betrachtet verlieren aber auch die ersten westdeutschen Kreise an Bevölkerung. Demzufolge wird 2025 die Hälfte der bundesweiten Bevölkerung in schrumpfenden Kreisen leben. Nach 2025 können die Zuwanderer in den westdeutschen Kreisen nicht mehr die Bevölkerungsverluste ausgleichen, weil mehr Menschen sterben als geboren werden. Dies läutet unweigerliche den Schrumpfungsprozess auch in ganz Westdeutschland ein.

Die Mehrzahl der Kreise wird zukünftig Sterbeüberschüsse verzeichnen. Die restlichen Kreise werden bis 2025 ihre Bevölkerung durch Wanderungsgewinne stabil halten können, einige wenige werden gar weiter wachsen. Grundlage für diese Prognose ist allerdings die Annahme des BBSR, dass die künftig stabilen und wachsenden Kreise stark von einer Zuwanderung aus dem Ausland profitieren. Die Wissenschaftler des BBSR legen ihren Prognosen einen jährlichen Wanderungsgewinn von etwas mehr als 200.000 Personen zwischen 2006 und 2025 zu Grunde. Von 2025 an soll er sich bis auf über 315.000 Personen im Jahr 2050 erhöhen. Dieser angenommene Wanderungsgewinn entspricht etwa dem Durchschnitt der Jahre 1986 bis 2005.

An dieser Stelle offenbaren sich die Grenzen der verwendeten Methode. Denn die Status-quo-Prognose ignoriert besondere geschichtliche Ereignisse, die die Bevölkerungsentwicklung in gerade diesen vergangenen 20 Jahren massiv beeinflusst haben. So fällt in den betrachteten Zeitraum das Zuwanderungshoch, zu dem Hunderttausende von Aussiedlern und Spätaussiedlern aus Polen, Rumänien und vor allem aus der ehemaligen Sowjetunion beigetragen haben. Seit Mitte der 1990er Jahren kommen jedoch immer weniger Aussiedler, da immer weniger die Zuzugsberechtigung erhalten. Gleichzeitig wandern aus Deutschland seit geraumer Zeit mehr Menschen aus, was der Nation im Jahr 2008 zum ersten Mal seit 1984 einen negativen Wanderungssaldo in Höhe von 56.000 Personen bescherte. Dies ist wahrscheinlich auch auf die sogenannte Registerbereinigung zurück zu führen: Die Meldeämter haben ihre Einwohnerregister überprüft und Personen, die im Register geführt waren, aber bereits verstorben oder ausgewandert sind, aus Daten gelöscht. Dennoch kann die Bereinigung aus dem Jahr 2008 nicht darüber hintäuschen, dass Deutschland seit Jahren von einem Wanderungsgewinn von 200.000 Personen weit entfernt ist. Die Prognosen sind in diesem Punkt fragwürdig, zumal ungeklärt ist, woher die Zuwanderer kommen sollen, wenn Zuzugsberechtigungen für Ausländer fehlen und die Zuwanderungswelle der Aussiedler der Vergangenheit angehört. Um diese Zusammenhänge besser zu berücksichtigen, wäre es hilfreich gewesen, die BBSR-Forscher hätten auf Basis unterschiedlicher Annahmen zur künftigen Zuwanderung verschiedene Szenarien berechnet.

Die anschauliche Darstellung der Kreise anhand von Karten verdeutlicht die Heterogenität der Regionen und den damit verbundenen regionalspezifischen Handlungsbedarf. Dennoch gelingt es den Autoren mittels vieler Tabellen und Grafiken, die Folgen des demografischen Wandels sichtbar zu machen. Viele Zusammenhänge, beispielsweise zwischen dem Geburtentief nach der Wende und dem künftigen Wettbewerb der ostdeutschen Universitäten um Studierende, erschließen sich dank der klaren und verständlichen Sprache. Hilfreich ist auch die grafische Darstellung der Prognosemethode mit ihren Annahmen. Über den Bericht hinaus bietet das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung eine CD-Rom mit Prognose-Ergebnissen, Tabellenmaterial, Karten und Abbildungen.

 

 

Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (2009): Raumordnungsprognose 2025/2050. Berichte Band 29. Bonn.