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von Klaus Brake, Günter Herfert (Hg.)

Deutschlandweit bilden viele Städte Inseln der Stabilität in einem demografisch schrumpfenden Umland. Ein aktueller Sammelband von Klaus Brake und Günter Herfert widmet sich diesem jüngst viel diskutierten Trend der Reurbanisierung. Mehr als zwanzig Geografen, Regionalforscher und Sozialwissenschaftler haben hier den wissenschaftlichen Diskurs aufgearbeitet und präsentieren neue Forschungsergebnisse.
Für Leser, die an der deutschlandweiten Entwicklung von Städten interessiert sind, dürfte der Beitrag von Günter Herfert und Frank Osterhage mit dem Titel „Gibt es eine Trendwende zur Reurbanisierung“ der interessanteste sein: Die beiden Wissenschaftler analysieren die Entwicklung von 78 Oberzentren mit mehr als 80.000 Einwohnern sowie der Gemeinden im Umkreis von 25 Kilometern. Noch in den 1990er Jahren war die Suburbanisierung – Bevölkerungsverluste der Städte zugunsten ihres ländlichen Umlandes – das dominante Muster der Raumentwicklung in Deutschland. Seit der Jahrtausendwende hat sich dies grundlegend verändert. Viele Städte sind nach Jahren des Verfalls oder Strukturwandels wie Phönix aus der Asche aufgestiegen.
In Ostdeutschland ist die demografische Stabilisierung der Großstädte angesichts des allgegenwärtigen Bevölkerungsrückgangs auf dem Lande schon länger sichtbar. Mittlerweile gewinnen auch in Westdeutschland die Städte wieder an Bedeutung.  Dabei  unterscheiden Herfert und Osterhage zwischen drei verschiedenen Typen von Zentralisierung – ein Begriff, der in diesem Beitrag als Synonym für Reurbanisierung steht: Erstens gibt es demografisch wachsende Städte mit einem schwächer wachsenden Umland, zweitens wachsende Städte mit schrumpfendem Umland. Und drittens findet eine Zentralisierung dort statt, wo sowohl Städte wie Umland Bevölkerung verlieren, dieser Prozess im Umland aber stärker ausgeprägt ist als im urbanen Zentrum. In allen drei Fällen steigt der relative Bevölkerungsanteil der Städte innerhalb der Region. 65 der 78 untersuchten deutschen Stadtregionen verzeichnen eine dieser drei Formen von Zentralisierung. Ihre Einwohnerzahl wächst entweder absolut zum Umland (43 Stadtregionen) oder das Umland schrumpft stärker als die Stadt (22 Stadtregionen). Selbst deutlich schrumpfende Großstädte wie Gera (Thüringen) oder Essen (Nordrhein-Westfalen) bauen auf diese Weise ihren Einwohneranteil innerhalb der Region aus.
Desurbanisierung, also eine wachsende Einwohnerzahl im Umland bei schwächerem Wachstum oder gar Bevölkerungsverlusten der Städte,  ist nur noch in wenigen, eher unbedeutenden Großstädten zu verzeichnen – etwa in Salzgitter,  Siegen oder Bremerhaven. Interessanterweise ist Berlin, das viel diskutierte Vorzeigebeispiel einer wieder aufstrebenden Großstadt, die einzige Stadt Deutschlands für die im untersuchten Zeitraum (2004 bis 2008) noch eine relative Desurbanisierung zu verzeichnen war: Der brandenburgische Speckgürtel gewann in diesem Zeitraum mehr Einwohner hinzu als die Hauptstadt.
Doch warum hat städtisches Wohnen im vergangenen Jahrzehnt derart an Attraktivität gewonnen?  Bereits der erwähnte Beitrag stellt fest, dass es sich bei der Reurbanisierung nicht um einen Wegzug aus dem Umland in die nahe gelegenen Städte handelt. Vielmehr speist sich das Wachstum der Städte vorwiegend aus überregionalen Zuzügen junger Menschen zwischen 18 und 29 Jahren. Neu ist dabei, dass die Wegzüge ins grüne Umland der Städte, traditionell bedeutsam für die Mobilität der 30- bis 50-Jährigen, deutlich nachgelassen haben: „Der Suburbanisierung geht das Personal aus“, hat der Stadtsoziologe Hartmut Häußermann einst formuliert. Sigrun Kabisch, Annett Steinführer und Annegret Haase argumentieren in ihrem Buchbeitrag „Reurbanisierung aus soziodemografischer Perspektive“, dass die Städte neben den jungen Ausbildungswanderern, die stets die Wanderungsströme in die Städte dominiert haben, nun immer stärker auch Familien und Menschen jenseits des Studentenalters anziehen. Schuld daran ist der soziale Wandel: Anstelle von Hausfrauen-Ehen gibt es immer mehr Doppelverdiener-Paare und Ein-Personen-Haushalte. Der ökonomische Strukturwandel lässt die Dienstleistungswirtschaft wachsen und die dort beschäftigten Männer und Frauen jenseits der 30 bevorzugen vermehrt die Vorteile städtischen Wohnens – zentrale Lage, kurze Wege, gute Nahversorgung und ein breites kulturelles Angebot.
Einen Beleg für die seit etwa zehn Jahren im Anschluss an Richard Floridas Buch „The Rise of the Creative Class“ diskutierte Attraktivität von Städten für eine „kreative Klasse“ findet sich in einem weiteren Buchbeitrag. Florida hatte argumentiert, dass in der postindustriellen Gesellschaft neue Arbeitsplätze tendenziell dort entstehen, wo die „Kreativen“ ihr optimales Lebens- und Arbeitsumfeld finden – in der kulturellen Vielfalt und dem liberalen Umfeld der Städte. Martin Gorning und Marco Mundelius zeigen in Ihrem Aufsatz „Reurbanisierung und wissensbasierte Ökonomie“ anhand der Arbeitsplatzentwicklung in der Kulturwirtschaft, wie sich deren Beschäftigungsanteile in die Agglomerationen verlagert haben und dort für Beschäftigungswachstum sorgen. Auch in prosperierenden und demografisch wachsenden Regionen wie Köln oder München verlagert sich die Kulturwirtschaft nicht etwa ins billigere Umland, sondern es wächst der Anteil kulturwirtschaftlich Beschäftigter in den Städten. Waren in dieser Branche (dazu gehören etwa die Musikwirtschaft, der Film-, Kunst- oder Buchmarkt) in der Stadt Köln im Jahr 2000 noch 3,3 Prozent aller bundesweit tätigen Kulturschaffenden ansässig, so waren es im Jahr 2007 bereits 3,5 Prozent. In der umliegenden Region sank der Anteil von 1,1 auf 1,0 Prozent. In München stieg der Anteil an Kulturschaffenden im gleichen Zeitraum von 5,3 auf 5,8 Prozent. Es sei in Deutschland mittlerweile unverkennbar, schreiben die Autoren, dass sich die Wirtschaft immer mehr in urbanen Großräumen konzentriere. Antreiber dieser Entwicklung seien die wissensintensiven Dienstleistungen.
Irritierend in diesem Buch ist der Beitrag von Markus Hesse zum „Sprachspiel Reurbanisierung“. Aller empirischen Evidenz  zum Trotz behauptet der Autor, bei der Reurbanisierung handele es sich im Wesentlichen um einen von den Medien konstruierten Diskurs, der „losgelöst von der auf dem Wege harter empirischer  Analysen festgestellten Entwicklung der Städte“ stattfinde. Offenbar hat der Autor hier, um seine von Anfang an feststehende These nicht hinterfragen zu müssen, einfach die Realität gegen den Strich gebürstet.
Aufschlussreiche Makroanalysen werden in dem beschriebenen Band  ergänzt durch Beiträge zur Entwicklung der Städte Berlin, Dortmund, Hamburg, Leipzig und München. Eingeleitet wird das ganze durch einen zwar etwas sperrigen aber gleichwohl erhellenden Aufsatz zur historischen Entwicklung und zum Gebrauch des Begriffs „Reurbanisierung“ von Klaus Brake und Rafael Urbanczyk. Denn unter dieser Bezeichnung, eingeführt in den 1950er Jahren, war im Verlaufe des letzten halben Jahrhunderts immer wieder Unterschiedliches zu verstehen. Heute ist zwar ein Wachstum der Einwohnerzahlen in den Zentren im Vergleich zu nichtstädtischen Regionen belegbar. Aber dabei handelt es sich nicht um eine „Re“-Urbanisierung, hin zu einem früheren Zustand. Die reurbanisierte Stadt des 21. Jahrhunderts, auch damit beschäftigten sich mehrere Beiträge, ist in mancher Hinsicht auch eine „neue“ Stadt.

 

Rezension von Steffen Kröhnert, Nachdruck unter Quellenangabe (Steffen Kröhnert/ Berlin-Institut) erlaubt.

 

Klaus Brake/ Günter Herfert (Hg.): Reurbanisierung. Materialität und Diskurs in Deutschland. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2012. 422 Seiten. 59,95 Euro.

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