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A Handbook about Japan
Von Florian Coulmas, Harald Conrad, Annette Schad-Seifert, Gabriele Vogt (Hg.)

 

Ein umfassendes, auch für Laien verständliches Handbuch in englischer Sprachebeschreibt den demografischen Wandel in Japan, der so schnell wie nirgendwo anders auf der Welt abläuft.

Sieben Grafiken bringen das Wichtigste an dem Japan-Handbuch "The Demographic Challenge" des Deutschen Instituts für Japanstudien in Tokio auf den Punkt. "Der letzte Japaner" ist die erste überschrieben: Sie zeigt die Bevölkerungsentwicklung der Inselnation seit dem Jahre 1400 und die Prognosen bis 3000. Die Zahl der Häupter steigt zunächst gleichförmig an.

Im Verlauf des 20. Jahrhunderts explodiert die japanische Bevölkerung förmlich und verdreifacht sich fast auf rund 127 Millionen. Seit 2005 schrumpft sie, weil die Frauen immer weniger Kinder bekommen und die Regierung kaum Zuwanderung zulässt, die Verluste ausgleichen könnte. Wenn nichts geschieht, ist in knapp hundert Jahren wieder der Stand der Meiji-Zeit nach 1867 erreicht, in der sich Nippon umfassend zu modernisieren begann. Und im Jahre 3000 werden sich die verbliebenen 29 Japaner alle persönlich kennen.

Auf 1.200 Seiten breiten 68 internationale Autoren in 63 Artikeln alle denkbaren Aspekte dieser außergewöhnlichen Entwicklung aus. Sie analysieren, wie sich die Geburten- und Sterbedaten über die letzten hundert Jahre verändert haben, sie beschreiben die Entleerung ländlicher Regionen und die Verstädterung, und sie vergleichen Japans demografische Entwicklung mit jener anderer Industrieländer. Das Handbuch vermittelt einen Eindruck davon, wie sich die Alterung der Gesellschaft in Japan bereits auswirkt und verstärkt auswirken wird, wenn demnächst die hier besonders zahlreiche Babyboom-Generation die Schwelle zum Rentenalter überschreitet. Mit der Formel "Ein Leben lang aktiv beschäftigt" hofft die Regierung dem sich abzeichnenden Mangel an produktiven Kräften zu begegnen. Ideen sind aber auch nötig, so ist zu lesen, um die sich verbreiternde Kluft zwischen den Generationen zu überbrücken und um die Vereinsamung der älteren Menschen aufzufangen, die durch die Tendenz zur Kleinfamilie zunimmt. 

Besonderes Augenmerk gilt der Rolle der japanischen Frauen. Nach wie vor wird von ihnen erwartet, dass sie die Kinder aufziehen und dafür am besten den Beruf aufgeben - schon weil die Arbeitswelt sie kaum ermuntert, die Elternzeit in Anspruch zu nehmen, die Frauen wie Männern seit 1990 zusteht. Damals beschloss die Regierung, Maßnahmen gegen das erschreckende Absinken der Kinderzahlen zu ergreifen. Auch an Betreuungseinrichtungen fehlt es trotz politischer Absichtserklärungen immer noch. Dabei ließe sich die Produktivkraft alternder Gesellschaften wie der japanischen durch vermehrte weibliche Erwerbstätigkeit steigern, wie die Soziologin Chikako Usui schreibt. Allerdings können sich Frauen damit noch weniger als heute schon der traditionell weiblichen Aufgabe widmen, sich um alte Angehörige zu kümmern. 

Zuwanderung ist für Japans Politik bislang keine ernst zu nehmende Option, um den demografischen Problemen und dem drohenden Pflegenotstand beizukommen. Im Zeitalter der Globalisierung zeichnen sich zwar Züge einer "transkulturellen" Gesellschaft ab, wie der geborene Japaner Stephen Murphy-Shigematsu und der in den USA aufgewachsene David Blake Willis am Beispiel ihrer beiden bunt gemischten Sippen schildern. Und immerhin hat sich die Zahl derer, die mit einem nichtjapanischen Pass im Lande leben, seit 1990 verdoppelt. Aber der Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund an der Gesamtbevölkerung ist nach wie vor verschwindend klein.

Weitere Kapitel handeln von den kulturellen, politischen und sozioökonomischen Folgen des demografischen Wandels. Das Spektrum der Themen reicht dabei vom Umbau der Sozialsysteme über Anpassungsstrategien der Industrie an die Alterung bis hin zum Image des Alters, das die Medien vermitteln. In einer Kultur, in der Seniorität von jeher eine überragende Rolle spielte und in den Unternehmen bis heute spielt, bringt das veränderte Generationenverhältnis einiges ins Rutschen: Dem traditionellen Respekt vor dem Alter stehen zunehmend negative Assoziationen gegenüber, weil sich infolge des in Japan besonders starken Anstiegs der Lebenserwartung auch altersspezifische Gebrechen und Demenzerkrankungen mehren.

Niemand, außer Demografen und Japanologen, muss die 1.200 Seiten ganz durchackern. Die Aufsätze stehen für sich - und sind überwiegend gut lesbar. Jedem Kapitel ist zudem eine übersichtliche Zusammenfassung der Themen und Thesen vorangestellt. Und 50 Seiten umfasst allein das Register, mit dem sich Stichworte und Namen auffinden lassen.

Für den ganz schnellen Überblick empfehlen sich in jedem Fall die erwähnten sieben besonders hervorgehobenen Grafiken. Schlaglichtartig erhellen sie etwa, was die schleppende Emanzipation der japanischen Gesellschaft bedeutet: Nur vier Prozent der japanischen Väter nehmen die Elternzeit in Anspruch. "Jemand anderes kümmert sich um die Familie", geben die meisten Männer als Grund dafür an, dass sie dieses Angebot nicht nutzen, dicht gefolgt von "zu beschäftigt" und "zu belastend für meine Arbeitskollegen". Letzteres Argument führen Frauen am häufigsten an, um zu begründen, warum sie glauben, sich keine Auszeit vom Beruf erlauben zu können. Japanische Mütter verbringen wochentags 7,6 Stunden mit ihren Kindern, die Väter lediglich 3,1 Stunden. Eine weitere Grafik, die schlicht den steilen Anstieg der Hundepopulation in den letzten Jahren wiedergibt, veranschaulicht besser als viele Worte die Vereinsamung von Japans alternder Bevölkerung. 

 

Florian Coulmas, Harald Conrad, Annette Schad-Seifert, Gabriele Vogt (Hrsg.): The Demographic Challenge: A Handbook about Japan. Brill, Leiden/Boston 2008. 1199 Seiten, 199,00 Euro/US$ 249,00.

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Open Conference Call,
23 March 2010

"The Impact Of
Ageing Populations"

with expert Dr. Reiner Klingholz