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von Franz Müntefering

Mit dem demografischen Wandel in Deutschland ist es so eine Sache: Er ist unvermeidbar, war seit Jahrzehnten absehbar, wurde lange verdrängt und zeigt jetzt, mit der Verrentung der geburtenstarken Jahrgänge, sein wahres Gesicht. Da kommen leicht trübsinnige Gedanken auf, von einer rapide alternden Gesellschaft, vom Ruin der Sozialkassen, von verwelkenden Landschaften und von einer Zuwanderung, die wir zwar brauchen, die manch einer aber gar nicht haben will.

Doch Vorsicht! Bei so viel Pessimismus sollten wir nicht vergessen, dass der demografische Wandel Folge der Tatsache ist, dass es uns immer besser geht. Weil unser Wohlstand über die Jahre gewachsen ist, weil wir besser gebildet sind als früher, weil die Frauen mehr Rechte haben, weil wir unser Leben immer individueller planen können, sind die Kinderzahlen je Frau gesunken. Weil wir besser medizinisch versorgt und gesünder sind, ist gleichzeitig die Lebenserwartung immer weiter gestiegen. Nicht nur in Deutschland, überall auf der Welt findet dieser Wandel statt. In allen Ländern hatten die Menschen früher mehr Kinder als heute und praktisch überall geht es den Menschen, gemessen an der Lebenserwartung, besser als vor 50 oder 100 Jahren.

Solche schlechten wie guten Gedanken zum demografischen Wandel müssen auch Franz Müntefering umgetrieben haben, als er sich entschloss, ein Buch über das Älterwerden zu schreiben. Einerseits kann er dem Geschenk der vielen Jahre Einiges abgewinnen – der gute Mann ist fit, aktiv und streitlustig und wird in ein paar Monaten 80 Jahre alt. Andererseits weiß er, dass nicht nur er, sondern mit ihm viele andere altern und damit neue Herausforderungen auf die Gesellschaft zukommen.

Das Buch „Unterwegs – Älterwerden in dieser Zeit“ handelt von einer Person, die diesen Wandel über die letzten acht Jahrzehnte in all seinen Facetten miterlebt hat. Wenn Müntefering über das Altern schreibt, meint er sich selbst, aber auch seine Partei, die SPD, und das ganze Land, dessen Politik er jahrzehntelang mitgeprägt hat, über 30 Jahre als Abgeordneter des Deutschen Bundestages, als Minister, als Vizekanzler und als Bundesvorsitzender der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, ein Amt, das er einmal als das „schönste neben dem Papst“ bezeichnet hat. Da war vermutlich etwas Ironie im Spiel.

Heute hat Müntefering keine politischen Ämter mehr. Aber er mischt sich immer noch gerne (auch mit diesem Buch) in den politischen Diskurs ein und hält sich auch nicht mit Kommentaren über die Politik seiner Nachfolgerinnen und Nachfolger in der SPD zurück. Angesichts dieses Unruhestandes wird er gerne gefragt, wie alt er sich denn fühle. Worauf er stets mit dem wirklichen Alter – aktuell 79 Jahre – antwortet. Nachfrage: „Aber fühlen Sie sich denn nicht etwas jünger, vielleicht 75?“ „Nein, ich bin alt, 79 Jahre alt.“ Er weigert sich geradezu, jünger zu wirken als er ist, als wolle er zeigen: Seht her, auch in hohen Jahren geht noch was!


Dieser Wahlspruch zieht sich durch das ganze Buch und daraus leitet Müntefering auch einen Anspruch an die alternde Gesellschaft ab: Wenn die Menschen immer älter würden und das im Schnitt bei erstaunlich guter Gesundheit, dann sollten sie sich gefälligst auch einbringen. Wie alt man sei, bestimme nicht das Geburtsdatum, sondern die Fähigkeiten, die man habe. Wer mit 40 Hilfe braucht, sollte sie bekommen. Wer mit 75 noch etwas für die Gesellschaft leisten kann, sollte genau das tun, schreibt der stramme Sozialdemokrat – immer noch pflichtbewusst wie zu aktiven Zeiten: „Das Renteneintrittsalter ist nicht die Tür ins Unverbindliche und Beliebige“. Wie ein Prediger des Engagements schreibt er den Älteren ins Stammbuch: „Solange der Kopf klar ist, bist Du mitverantwortlich für das, was geschieht.“

Müntefering weiß, wovon er spricht. Zeitlebens hat er sich irgendwie und irgendwo nützlich gemacht. Als 16-jähriger Pfarrjugendführer hat er Zeltlager auf die Beine gestellt, mit 29 saß er im Gemeinderat und mit 79 ist er nicht nur Präsident des Arbeiter-Samariter-Bunds Deutschland, sondern hat noch eine ganze Latte anderer Aufgaben am Bein. Und man spürt, dass er all dieses Engagement auch aus Eigennutz betreibt, denn es hält ihn wach. Genau deshalb sind die Aufrufe an alle, die das Rentenalter erreicht haben, keine calvinistischen Mahnungen mit erhobenem Zeigefinger, sondern praktische Anweisungen gegen Vereinsamung und schleichende Gehirnerlahmung: Hintern hoch, bewegt euch, treibt Sport, bleibt rege, pflegt soziale Kontakte und knüpft neue – nur so kann man alt werden.

Wenn der Autor auf sein Leben zurückblickt, dann hat er die ganze Geschichte der Bundesrepublik vor Augen. Als kleiner Junge erlebt er gerade noch das Ende des Zweiten Weltkriegs, nimmt eine dunkle Erinnerung an einen gewissen „Adolfittla“ mit, den er weder buchstabieren noch einordnen kann, und sieht die Amerikaner, die mit ihren Panzern durchs Land rollen, als „Freunde“. Er erzählt vom Leben in der Nachkriegszeit, als die Mehrheit der Deutschen die dunkle Nazivergangenheit zur Seite schiebt, um sich lieber am Wirtschaftswunder zu erfreuen, als bald die Arbeitskräfte fehlen und deshalb aus dem Ausland angeworben werden. Das Leben der Deutschen und der Fremden spielt sich in parallelen Welten ab. So etwas wie Integration, also ein von beiden Seiten gewolltes gesellschaftliches Miteinander, gibt es nicht.

Die Politik ist Müntefering nicht in die Wiege gelegt. Sein Vater hat ihm stets geraten, sich von ihr fernzuhalten. Auch das katholisch-konservative Umfeld im Sauerland, in dem der junge Mann aufgewachsen ist, weist ihm nicht den direkten Weg in die Partei, der er bis heute verbunden ist. Als er 1961, mit 21 Jahren, erstmals wählen darf, macht er sein Kreuz bei der SPD, bei der „Partei evangelischer Flüchtlinge“, vor der ihm sein Vater noch gewarnt hat. Der Kanzlerkandidat Willi Brandt kommt auf 36,2 Prozent, ein Ergebnis, bei dem die SPD heute ins Delirium fallen würde, das aber dennoch nicht zum Wahlsieg reicht. Auch vier Jahre später, mit immerhin 39,9 Prozent, wird es wieder nichts. Da beschließt Müntefering der Partei beizutreten. Bald wird er Juso-Vorsitzender im Ortsverein, was keine wirkliche Leistung gewesen sei, schreibt er, weil er der einzige Juso weit und breit war.

Erst 1969 erreicht die SPD, gestützt von einer kleinen FDP, eine knappe Mehrheit – die Brandt-Scheel-Regierung ist geboren. 1975 zieht Müntefering als Nachrücker in den Bundestag, da ist aber schon Helmut Schmidt Kanzler, der vermutlich pragmatischste Sozialdemokrat, den es je gab.

Generell sieht sich Müntefering eher auf der Seite der politischen Macher als der Ideologen, eher bei Schröder als bei Lafontaine. Die beiden ringen 1998 um die Parteivorherrschaft. Müntefering gehört mittlerweile zum engeren Zirkel der SPD-Mächtigen. Die Partei unter Schröder gewinnt die Wahl und koaliert erstmals mit den Grünen. Mit diesen „Pfadfindertypen“ zusammenzuarbeiten, habe wirklich Spaß gemacht, schreibt Müntefering. Dass Oskar Lafontaine als Superminister im Kabinett bald das Handtuch wirft, bedauert er kaum, sei doch „von seinen Wahlkampfideen wenig Brauchbares geblieben“.

2002, nach dem nächsten Wahlsieg von Rot-Grün, wird Müntefering Parteivorsitzender und zum Geburtshelfer des „Gesetzes zur Grundsicherung der erwerbsfähigen Arbeitssuchenden“, vulgo Hartz-IV. Anders als seine Partei es mittlerweile tut, verteidigt er die sogenannte Agenda 2010 bis heute. Damals habe die Arbeitslosigkeit einen „Vorhof zur Rente“ ermöglicht und jungen, eigentlich erwerbsfähigen Menschen die „Sozialhilfe als Berufskarriere“ eröffnet. „Gerecht war das nicht“, befindet der ehemalige Politiker und schiebt gleich noch einen Seitenhieb an jene aktuellen Genossinnen und Genossen hinterher, die für ein bedingungsloses Grundeinkommen eintreten: „Einen Hort für Langzeitarbeitslose, die ohne wirkliche Bedürftigkeitsprüfung ihre Grundsicherung bekommen, und die nicht angehalten werden, wieder einen Arbeitsplatz zu suchen, sollten wir nicht wieder sich entwickeln lassen. Er ist nicht sozial.“ Da ist er wieder: „Münte“ mit klarer Kante.

2005 setzt er sich innerhalb des Parteivorstandes in einer Kampfabstimmung gegen die zum linken Flügel zählende Andrea Nahles durch. Die beiden sind nie wirklich beste Freunde geworden. Auch deshalb kann er als Arbeits- und Sozialminister in der großen Koalition unter Angela Merkel den nächsten Schritt zur Anpassung an den demografischen Wandel unternehmen: Er setzt die Rente mit 67 durch, auch keine Leistung, für die ihm die Genossen heute mehrheitlich auf die Schulter klopfen würden. Die Reform sei „nicht geliebt, aber gerecht und hilfreich“, lautet seine Späteinschätzung, zumal es für Härtefälle (Stichwort Dachdecker) zahlreiche Ausnahmen gibt. 2007 legt Müntefering aus privaten Gründen sein Ministeramt nieder. Bis 2013 bleibt er als „Volksvertreter“ im Bundestag, wie er nicht ohne Stolz feststellt.

Was nimmt man mit aus diesem Buch, das, anders als der Titel suggeriert, weit mehr ist als ein Sinnieren über das Älterwerden?

Politik bedeutet Verantwortung zu übernehmen, gesellschaftsverträglich und im Sinne einer Generationengerechtigkeit zu handeln – das gilt gerade weil wir uns im demografischen Wandel befinden. Eine Rente mit 63, eine Mütterrente oder eine „Respektrente“ ohne Bedürftigkeitsprüfung, die eher eine „Künftige-Generationen-Betrugsrente“ ist, passt vermutlich kaum in Münteferings Konzept von Gerechtigkeit.

Müntefering teilt aus in alle Richtungen, wie es sich für einen rüstigen und mitunter genervten bald 80-Jährigen gehört: Gegen einen Innenminister, der die Migration zur Mutter aller Probleme erhebt, ebenso wie gegen eine Politik, die nach qualifizierten Zuwanderern ruft, aber zulässt, dass jedes Jahr 40.000 bis 50.000 junge Menschen ohne Schulabschluss ins Leben entlassen werden und dort notgedrungen kaum eine Chance haben.

Der Unruheständler ist weder Optimist noch Pessimist, auch wenn er große Probleme am Horizont aufziehen sieht, vom Klimawandel bis zum wachsenden Populismus, von steigenden Mieten bis zu „sittenwidrig niedrigen und sittenwidrig hohen Löhnen“. Immerhin bleibt Müntefering zuversichtlich, dass es immer eine Chance zum Gestalten gibt, schließlich war das immer sein politischer Antrieb. Er weiß, dass eine gute Zukunft stets vom Handeln der Menschen abhängt. Nichthandeln ist keine Option.

 

Rezension von Reiner Klingholz, Nachdruck unter Quellenangabe (Reiner Klingholz / Berlin-Institut) erlaubt.



Franz Müntefering (2018): Unterwegs. Älterwerden in dieser Zeit. Bonn: Verlag J.H.W. Dietz Nachf.; 224 Seiten; 23,00 Euro.