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Elektronische Medien, Gehirnentwicklung, Gesundheit und Gesellschaft.
Von Manfred Spitzer


Spricht man dieser Tage mit Medizinern, Psychologen oder Lehrern, so hört man allerorten, dass die Zahl verhaltens- und lerngestörter Kinder in den vergangenen Jahren in Deutschland erheblich angestiegen ist. Diagnosen wie "Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom" oder "Hyperaktivität", die früher nur der Arzt kannte, werden zu Alltagsvokabeln. Gleichzeitig haben immer mehr Kinder Übergewicht, eine einst "Altersdiabetes" genannte Krankheit verdient ihren Namen nicht mehr. Auch Schulmassaker und Lehrermorde finden nicht mehr nur in Amerika statt. Die Schuld an dieser fatalen Entwicklungen wird abwechselnd den Lehrern oder den Eltern zugewiesen. Nicht selten resignieren beide vor der "heutigen Zeit", in der man seinen Nachwuchs vor schädlichem Einfluss nicht mehr schützen kann.


Doch man könnte schon. Dies ist die Auffassung des Psychologieprofessors Manfred Spitzer. Denn die Hauptverantwortung für die grassierenden Lern- und Verhaltensprobleme von Kindern und Jugendlichen tragen nach Spitzers Meinung die allgegenwärtigen Bildmedien und das, was unseren Kindern tagtäglich darin zugemutet wird.
In "Vorsicht Bildschirm" belegt er seine These mit einer Vielzahl psychologischer und medizinischer Untersuchungen und plädiert gleichzeitig für einen Ausstieg aus der medialen Umweltverschmutzung.


Der Konsum von Bildmedien hat in Deutschland seit dem Aufkommen des Privatfernsehens und des Computers deutlich zugenommen. Doch was Erwachsene zur Bildung und Zerstreuung nutzen können, schadet Kindern - je jünger, um so mehr. Denn Kinder lernen durch Erfahrung. Frühe Erfahrungen sind dabei um so wichtiger, weil sie im Gehirn Spuren ähnlich einer groben Landkarte anlegen, die spätere Denkmuster strukturieren. Eine gute Basis-Landkarte kann aber nur entstehen, wenn das Kind die Welt ganzheitlich erlebt - durch Hören, Sehen, Riechen, Schmecken und Tasten in allen Dimensionen und mit allen seinen Sinnen. Der Bildschirm dagegen überflutet mit einem zweidimensionalen Brei ausschließlich akustischer und visueller Reize, die das kindliche Gehirn gar nicht zuordnen kann. Fernsehen und Videospiele erzeugen so bei kleinen Kindern eine arme Landkarte der Welt. Dies beeinträchtigt die Strukturierungs- und Konzentrationsfähigkeit des Kindes und schafft eine schlechte Basis für künftiges Lernen.


Doch auch ältere Kinder macht der Erzieher Bildschirm dick, dumm und aggressiv. Die bildhaften Reize fesseln, doch für körperliche Aktivität, Sport und Spiel bleibt immer weniger Zeit. Schokoriegel oder Handyklingeltöne werden als sinnstiftend angepriesen und jedes Jahr liefert das Fernsehen ein paar Tausend Filmleichen frei Haus. Wie Spitzer mit einer - manchmal ermüdenden - Fülle von Studien belegt, gibt es einen nachgewiesenen Zusammenhang zwischen medialer und realer Aggression. Da Medien immer raffinierter werden, wird auch ihr schlechter Einfluss immer stärker: Mittlerweile können Kinder Gewalt nicht mehr nur einfach sehen, sondern in Videospielen aktiv und immer realistischer trainieren. Der nachgewiesene Trainingseffekt solcher Spiele wird mittlerweile auch bei der Ausbildung von Soldaten genutzt.

Doch weder exzessiver Medienkonsum durch Kinder, noch das Sehen immer primitiverer Inhalte ist unvermeidlich. Spitzer erinnert an eine Zeit, in der auch giftige Abwässer im Rhein für unvermeidlich gehalten wurden. Medienwirtschaft und industrielle Produktion haben eines gemeinsam: Sie zeigen unerwünschte Nebenwirkungen, die sich im Preis des Produktes zunächst nicht niederschlagen. Wer am dreckigsten produziert, verdient zumindest kurzfristig oft am Besten. Der Markt allein kann dieses Problem nicht lösen. Erst wenn die Menschen erkennen, dass der Dreck ein Preis des Produktes ist, kann sich dies ändern. Heute trennen wir alle den Müll und zahlen für den grünen Punkt. Spitzer plädiert vehement dafür, dass wir beides auch im Umgang mit dem Bildschirm brauchen: Verhaltensänderung und gesetzliche Eingriffe.

 

Rezensiert von Steffen Kröhnert, Nachdruck unter Quellenangabe (Steffen Kröhnert / Berlin-Institut) erlaubt.

 

Vorsicht Bildschirm!
Ernst Klett Verlag,
Stuttgart 2005,
303 S.,
16,95 Euro.

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