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Democracy in Dangerous Places
von Paul Collier

In seinem Buch "Wars, Guns and Votes" erklärt der Sozialwissenschaftler Paul Collier die strukturellen Ursachen von politischer Gewalt.


Als vor zwei Jahrzehnten der Eiserne Vorhang fiel, schien für manche Beobachter das Ende der Geschichte angebrochen. Der Umbruch erschien ihnen als endgültiger Siegeszug von Liberalismus und Demokratie – und damit als das Ende von Gewalt und Bürgerkrieg. Doch die politische Gewalt verschwand nicht. In einigen Regionen der Welt wurde sie gar schlimmer als je zuvor.

Trotz nahezu unüberschaubaren Mengen von Literatur zu Hintergründen, Anlässen und Folgen einzelner Konflikte bleibt fast immer im Unklaren, was die strukturellen Ursachen von politischer Gewalt sind. Vor allem im deutschen Sprachraum dominieren historisch-philosophische Sichtweisen auf Krieg und Konflikt die Diskussion – wie etwa der Bestseller über die „Neuen Kriege“ des Berliner Politikwissenschaftlers Herfried Münkler. Und selbst explizite Konfliktforschungseinrichtungen begnügen sich hierzulande in der Regel mit umfangreichen Beschreibungen spezifischer politischer Auseinandersetzungen, wobei die Klassenkampftheorie von Karl Marx noch immer für Erklärungsversuche taugt.

Paul Collier, Ökonomieprofessor an der Universität Oxford, hat einen gänzlich anderen, einen empirisch-quantitativen Zugang zur Konfliktforschung. Collier und seine Kollegen arbeiten sich nicht an Einzelphänomenen ab, sondern sie untersuchen Konflikt-Datensätze auf statistische Zusammenhänge. Vorstellen kann man sich dies als eine Art Excel-Tabelle, in denen alle Länder der Welt sowie Beginn und Ende sämtlicher aufgetretenen Ereignisse politischer Gewalt verzeichnet sind – Attentate, Putsche, Aufstände und Bürgerkriege. Dies ermöglicht es, zahlreiche weiterer Indikatoren hinzuzufügen, etwa den Grad politischer Repression, das Pro-Kopf-Einkommen, die Altersstruktur der Bevölkerung oder die Höhe der erhaltenen Entwicklungshilfe in einem bestimmten Jahr.

Dank solcher Datensätze muss sich Collier nicht aufs Philosophieren beschränken – er kann genau bestimmen, in welchem statistischen Zusammenhang bestimmte gesellschaftliche oder ökonomische Variablen mit dem Auftreten von politischer Gewalt stehen. Dabei liegen Paul Collier besonders die Länder der „Untersten Milliarde“ (vgl. die Rezension zu Paul Colliers Buch mit diesem Titel) am Herzen, jene vorwiegend afrikanischen Staaten, in denen die ärmste Milliarde der Weltbevölkerung lebt und wo bisher die meisten Versuche, politische Stabilität und wirtschaftliches Wachstum herbeizuführen, gescheitert sind. Die Erkenntnisse, die Collier und seine Kollegen auf diese Weise gewinnen, sind frappierend – und manchmal sehr ernüchternd.

Den modernen westlichen Umgang mit gescheiterten Staaten, die von Armut und Gewalt gezeichnet sind, prägt die Überzeugung, dass sie durch das Abhalten demokratischer Wahlen gerettet werden könnten. Von da an, so die Annahme, wird alles besser. Doch Colliers Analysen zeigen: Unfreiheit und Repression sind zwar ungerecht, aber sie machen eine sehr arme Gesellschaft nicht gefährlich. Während in autokratisch regierten Staaten der Untersten Milliarde das Risiko für das Aufflammen eines gewaltsam ausgetragenen Konfliktes 40 Prozent betrug, lag es in weniger repressiven Staaten bei 70 Prozent. In Ländern mit einem Pro-Kopf-Einkommen von weniger als 2.700 US-Dollar pro Jahr, so rechnet Collier vor, erhöht die Einführung von Demokratie sogar das Risiko politischer Gewalt. Der Statistik zufolge machen Wahlen sehr arme Gesellschaften gefährlicher – und nicht selten ärmer.

Anders als in weiter entwickelten Gesellschaften, wo Wahlen Politiker zu guter Politik anspornen, um wiedergewählt zu werden, führen Wahlen laut Collier in den am wenigsten entwickelten Ländern dazu, dass die Machthaber das Land ökonomisch ruinieren. Denn in Staaten, in denen die Loyalität zum eigenen Clan aus reinem Selbsterhaltungstrieb weit größer ist als die zur „Nation“, reicht gute Politik nicht, um den Job zu behalten. Die Herrscher müssen Wähler kaufen oder diese einschüchtern, Opponenten ausschalten, eine ethnische Minderheit als Sündenbock für Missstände aufbauen oder die Wahl fälschen. All das schürt nicht nur Gewalt, es kostet auch eine Menge Geld und Gefälligkeiten. Die „gewählten“ Herrscher der ärmsten Länder sind weitaus stärker darin engagiert, Wahlen zu gewinnen, als ihr Land ökonomisch voranzubringen. Während in den OECD-Staaten die Chance, dass eine amtierende Regierung wiedergewählt wird, bei etwa 45 Prozent liegt, beträgt die Chance der Wiederwahl in einer Gesellschaft der Untersten Milliarde 75 Prozent.

Doch was sind die strukturellen Bedingungen des Aufflammens von Gewalt? Kein Zusammenhang besteht laut Paul Collier mit der so oft bemühten kolonialen Vorgeschichte. Weder macht die einstige Zugehörigkeit zu einem bestimmten Kolonialreich die heutigen Staaten konfliktanfälliger, noch blieben Länder, die nie Kolonien waren, von Bürgerkriegen verschont. Einen starken Zusammenhang gibt es aber mit der demografischen Struktur eines Landes. Ein hoher Anteil junger Männer macht eine Gesellschaft besonders gewaltbereit (wie auch die Studie „Jugend und Kriegsgefahr“ des Berlin-Instituts nachgewiesen hat). Gerade die ärmsten Länder der Welt haben Millionen unterbeschäftigte, ehrgeizige junge Männer, die bereit sind, sich für jede Konfliktpartei zu engagieren, die ihnen Einkommen und Status verspricht. Verdoppelt sich der Anteil der 15- bis 29-jährigen  jungen Männer an einer Bevölkerung, so vervierfacht sich das statistische Risiko gewaltsamer Konflikte. Ethnische Heterogenität sorgt in armen Ländern zusätzlich für Konfliktstoff, denn andere Volksgruppen bieten sich als Projektionsfläche für Hass und Unzufriedenheit geradezu an. Und auch Reichtum an natürlichen Ressourcen, ob Holz in Liberia, Diamanten in Sierra Leone oder Gold im Kongo, spornen dazu an, sich mit Gewalt einen möglichst großen Anteil daran zu sichern.

Auch die Verfügbarkeit von Waffen spielt eine Rolle. Collier ließ monatelang einen Studenten den Preis einer Kalaschnikow, der beliebtesten Waffe aller Rebellen, in sämtlichen Ländern der Welt recherchieren. Ergebnis: In den Ländern der Untersten Milliarde bekommt man das russische Maschinengewehr für die Hälfte des Preises, der im Rest der Welt üblich ist. Hintergrund: Schlecht bezahlte Soldaten verkaufen ihre eigenen Waffen auf dem Schwarzmarkt – der Staat wird sie schon neu ausstatten. Und das tut er: Je höher die Militärausgaben eines Staates, um so größer das Risiko eines erneuten Konfliktes. Besonders makaber ist, dass viele der ärmsten Staaten durch Entwicklungshilfe von anderen Ausgaben entlastet sind und so stärker in ihre Armee investieren können. Elf Prozent aller Entwicklungshilfe, so die Analyse von Collier, diffundiert in die Militärausgaben. Geschätzte 40 Prozent der Militärausgaben der ärmsten Staaten der Welt werden mit Geldern der Entwicklungshilfe finanziert.

Die wohl ungewöhnlichste konfliktbegünstigende Variable, die Collier in seinem Datensatz findet, sind Berge. Er entwickelt einen speziellen Indikator, um die „Bergigkeit“ von Ländern zu bestimmen und testet den statistischen Zusammenhang mit dem Auftreten politischer Gewalt. Das Ergebnis ist eindeutig: Berge stehen für Gefahr. Hier können sich Rebellen verstecken, aus dem Verborgenen zuzuschlagen und dann wieder zu verschwinden. Kampfgruppen wie die des „Leuchtende Pfades“ in Peru schaffen es seit 40 Jahren, sich für Regierungstruppen unerreichbar in den Gebirgen ihres Heimatlandes zu verbergen.

Nun kann man Gebirge nicht abtragen. Dennoch hilft empirisch-quantitative Konfliktforschung auch bei der Frage „Was tun?“. Ausgaben für Friedensmissionen – etwa für die Stationierung von Blauhelm-Soldaten – reduzieren sehr deutlich das Risiko, dass sich alte Konflikte erneut zu einem Bürgerkrieg entwickeln. Doch auch die bloße Androhung von Intervention hilft. Als Frankreich sich aus seinen einstigen Kolonien zurückzog, gab es den Staaten des frankophonen Westafrika eine Sicherheitsgarantie: Sollte es zu Unruhen kommen, würde französisches Militär binnen kürzester Zeit eingreifen. Statistisch hat diese Garantie das Risiko gewaltsamer Konflikte in den betroffenen Ländern um drei Viertel reduziert.

Sicherheit ist die Grundlage von Wirtschaftswachstum und steigenden Einkommen, die das Risiko von politischer Gewalt weiter deutlich reduzieren. Dafür aber braucht man Kapital und Fachkräfte – beides ist in den ärmsten Staaten dieser Welt in der Regel knapp. Nicht Heerscharen von Beratern und Lebensmittelverteilern, sondern „Maurer ohne Grenzen“ wie Collier sich ausdrückt, bräuchten solche Länder.

George Walker Bush hätte sich von Paul Collier beraten lassen sollen, bevor er die Diktaturen in Afghanistan und Irak beseitigen ließ. Vielleicht hätte dieser ihn gewarnt, dass der Wegfall der autokratischen Machtverhältnisse und die rasche Einführung eines Wahlsystems dort nicht zu weniger, sondern zu mehr Gewalt führen würden. Denn beide Staaten sind sehr arm, es gibt viele unbeschäftigte junge Männer und – viele Berge. Dennoch handelt Barack Obama richtig, wenn er die Truppen jetzt nicht abzieht. Garantierte Sicherheit und Wirtschaftswachstum ist die einzige Chance dieser Länder, nicht erneut in Chaos und Gewalt zu versinken. Leider, und auch das lehren uns Colliers brillante Analysen zu Krieg und Frieden, ist die statistische Wahrscheinlichkeit, dass sie es dennoch tun, nicht gleich null.

 

Rezension von Steffen Kröhnert, Nachdruck unter Quellenangabe (Steffen Kröhnert/ Berlin-Institut) erlaubt.

 

Paul Collier (2009): Wars, Guns and Votes: Democracy in Dangerous Places, 272 Seiten, 19,95 Euro (gebundenes Buch)

 

Der Band ist 2009 unter dem Titel „Gefährliche Wahl. Wie Demokratisierung in der ärmsten Ländern der Welt gelingen kann“ in deutscher Sprache erschienen.

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