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von Mariana Mazzucato

 

Die Wirtschaftswissenschaftlerin Mariana Mazzucato plädiert für massive öffentliche Interventionen im Forschungssektor

Privatwirtschaft und freie Märkte, so lehrt die liberale Wirtschaftstheorie, befördern Innovation, Wachstum und Wohlstand. Wenn sich irgendwo Geld verdienen lässt, dann findet sich gewiss ein Kapitalist, der investiert. Dabei erfinden die Unternehmen neue Produkte und Dienstleistungen, schaffen Arbeitsplätze und den Menschen geht es besser. Weil das Ganze im freien Wettbewerb vieler Akteure geschieht, bekommen die Konsumenten alles Neue sogar zu einem günstigen Preis. Welcher Staat könnte diesen Job erledigen? Keiner! Nur ein schlanker Staat, der sich aus der Wirtschaft raushält, ist ein guter Staat. Soweit die Theorie.

„Grundfalsch“, ruft Mariana Mazzucato, Professorin für Wissenschafts- und Technologiepolitik an der britischen Universität Sussex, dazwischen. Sie meint, die Rolle des Staates bei Innovationen werde komplett unterschätzt. Er sollte daher wie ein „Unternehmerstaat“ auftreten, als „tollkühner und hungriger Innovator“. Mazzucatos Erklärung ist einfach, aber überzeugend: Die meisten radikalen Erneuerungen des Industriezeitalters – Eisenbahn, Raumfahrt, Atomkraftwerke, Computer, Internet oder Nanotechnologie – verdanken ihre Existenz nicht finanzstarken Risikokapitalgebern der Privatwirtschaft, sondern der langen Hand des Staates. Ohne massive Investitionen in die (häufig militärische) Grundlagenforschung hätten es diese Erfindungen niemals in die Praxis geschafft. Ohne Forschung an den Universitäten, ohne den Ausbau der Forschungsinfrastruktur gäbe es keine iPhones und keine Diabetesmedikamente. Gerade angesichts alternder Gesellschaften, des Klimawandels und anderer großer sozioökonomischer Herausforderungen der heutigen Zeit müsse der Staat mit entsprechender Forschung aktiv werden.

Clever beschreibt Mazzucato am Beispiel des Technologiekonzerns Apple, wie dieses Prinzip funktioniert. Selten zuvor verkörperten ein Unternehmen und sein Firmenleiter so eindeutig Innovation, Forschung und Spitzentechnologie wie Apple und sein verstorbener Gründer Steve Jobs. Doch Apple steckt selbst vergleichsweise wenig Geld in Forschung und Entwicklung, analysiert die Autorin. Stattdessen baut der Konzern auf Technologien, die andere mit öffentlichen Mitteln entwickelt haben: Internet, Datenträger, Drahtlosnetzwerke, Touchscreen, GPS und so weiter. Apple weiß, was Smartphones können und wie sie aussehen müssen, um Gewinne einzufahren. Das, was Smartphones smart macht, haben aber andere erfunden.

Mazzucato räumt auch gleich noch mit der Vorstellung auf, über die Förderung kleiner Startups ließen sich überall auf der Welt große Silicon Valleys errichten. In Wirklichkeit, schreibt die Autorin, schaffen die meisten Startups nur wenige Jobs und gehen oft nach kurzer Zeit pleite. Innovationsgetriebenes Wachstum gebe es vor allem dort, wo es viele mittlere und große, aber wenige kleine Unternehmen gibt. Denn diese können von dem Wissen profitieren, das staatlich geförderten Forschungsinstitute absondern. Das Silicon Valley, das als Eldorado der Privatwirtschaft gilt, sei das beste Beispiel dafür.

Von den üblichen Ökonomen hält die Volkswirtin Mazzucato wenig. Denn diese sähen den Staat nur dort, wo der Markt versage. Bei der Beseitigung von Umweltschäden etwa, weil die Kosten an der Umwelt nicht in die Unternehmensbilanzen einfließen. Oder bei der Grundlagenforschung, deren Ergebnisse keinen unmittelbaren kommerziellen Nutzen verspricht.

Wenn es nach Mazzucato ginge, sollte der Staat stattdessen viel länger an der Forschung dranbleiben – am besten bis zur Markteinführung. Denn Investoren, so die Autorin, denken viel zu kurzfristig. Sie profitieren von der staatlichen Technologieförderung und minimieren so ihr unternehmerisches Risiko. Dieses wird sozialisiert, die Gewinne aber privatisiert. Wenn die Unternehmen sich dann auch noch besonders „innovativ“ beim Vermeiden von Steuern anstellen, was nicht nur das Beispiel Apple belegt, sind Staat und Steuerzahler die Doofen.

Zu Recht beklagt Mazzucato dieses System als „parasitär“ und „dysfunktional“: „In der Pharmabranche finanziert der Staat die riskantesten Forschungen, aber die großen Pharmafirmen schöpfen die Gewinne ab“. Deshalb klagt die Wissenschaftlerin eine angemessene Gewinnbeteiligung des Staates ein, damit dieser seine Rolle als Forscher und Ideentreiber weiter finanzieren kann. Wie das funktionieren soll, kommt im letzten Kapitel des Buches leider etwas kurz und hilflos daher.

 

Rezension von Reiner Klingholz, Nachdruck unter Quellenangabe (Reiner Klingholz / Berlin-Institut) erlaubt.

Mariana Mazzucato: Das Kapital des Staates. Eine andere Geschichte von Innovation und Wachstum. München: Verlag Antje Kunstmann, 2014. 320 Seiten. 22,95 Euro.