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von Roland Krüger und Loring Sittler (Hg.)

 

 



"Wir brauchen euch!" ist ein Aufruf an den älteren Teil der Gesellschaft, sich sozial zu engagieren. Die Autoren Roland Krüger und Loring Sittler führen im Wesentlichen drei Gründe für die wachsende Bedeutung des ehrenamtlichen Engagements Älterer an: Aktivität hält geistig fit und körperlich gesund, langjährige Erfahrungen älterer Menschen sind eine Bereicherung für die Gemeinschaft, und ihr Engagement ist eine gesellschaftliche Notwendigkeit.
Das so genannte "dritte Alter" ist heute eine Lebensphase, die für viele Menschen noch drei Jahrzehnte bei guter Gesundheit mit sich bringt. Diese Periode gilt es, mit Aktivitäten zu füllen, die herausfordern, körperlich und geistig gesund halten und Sinn geben. Besonders gut eignet sich dafür soziales Engagement: Das Gefühl "gebraucht zu werden" hält fit und macht glücklich, wie Roland Krüger und Loring Sittler mit Beispielen und Studien belegen. So etwa mit der Schilderung über die "Insel der Seligen": Auf der japanischen Inselgruppe Okinawa leben die meisten Hundertjährigen und erfreuen sich dabei besonders guter Gesundheit. Gemeinschaft und gegenseitiges Helfen sind hier eine Selbstverständlichkeit – sich zur Ruhe setzen und die Hände in den Schoß legen, dagegen auch für ältere Menschen unüblich.

Ein eindimensionales Bild von "älter werden", von "Alter" und "Ruhestand" verhindert hierzulande die Entfaltung solcher Potenziale. Das Buch wagt eine Kritik der Gesellschaft und des Umgangs der Generationen miteinander: Die Fähigkeiten und Eigenschaften der älteren Menschen würden ausgeblendet und Ältere vor allem als pflege- und hilfsbedürftig wahrgenommen. Dadurch gehe der Gemeinschaft vieles an Kapazität und menschlichem Miteinander verloren.
Auf der einen Seite haben Ältere jahrzehntelange berufliche Erfahrungen gesammelt, die nach dem Eintritt in die Rente nicht verloren gehen sollten. Das Beispiel des Senior Experten Service (SES) zeigt, wie ältere Experten nach dem Ausscheiden aus dem Berufsleben, oder auch schon während des Berufslebens ihr Wissen weitergeben. Da reist beispielsweise ein Ehepaar, das in der Textilbranche tätig war, nach Kambodscha, berät dortige Kleinunternehmer und vermittelt Studierenden Kenntnisse der Branche. Auf der anderen Seite bringen ältere Menschen Eigenschaften wie Geduld, Gelassenheit und Ruhe mit, die gerade in sozialen Problemlagen und Konflikten eine große Bereicherung sein können, wie das Buch anhand einer Reihe von Projekten für Jugendliche zeigt. Die "Schulomas" an einer Kölner Schule beispielsweise hören zu, schlichten Streits und geben Nachhilfe oder Musikunterricht und sind so für Schüler und Lehrer eine große Hilfe.

Die Notwendigkeit von mehr Engagement der Älteren wird von den Autoren ausführlich mit  Zahlen und Fakten begründet: Die Gruppe der über 60-Jährigen umfasst heute schon rund 20 Prozent der Bevölkerung. Sie wird Prognosen zufolge auf etwa 30 Prozent innerhalb der nächsten zwei Jahrzehnte anwachsen. Nachfolgende jüngere Generationen werden auf die Hilfe und das Engagement dieser Gruppe angewiesen sein, denn angesichts des fehlenden Nachwuchses wird es für die jüngere Generation schwierig, alle Menschen angemessen zu versorgen. Die Autoren zeigen die Belastungen, die in Zukunft auf die sozialen Systeme zukommen werden, und stellen ihnen mögliche positive Entwicklungsszenarien gegenüber, nach dem Motto: "Schrumpfen muss nicht weh tun". So ist beispielsweise die Stadt Görlitz, in der der Zuzug älterer Menschen für ein lebendigeres soziales Leben gesorgt hat, auch für jüngere Menschen wieder attraktiv geworden. Im brandenburgischen Lunow-Stolzenhagen entstand aus dem örtlichen Sportverein, der keinen Nachwuchs mehr hatte, auf Initiative der Bürger ein Begegnungszentrum, in dem Ältere, Jüngere und Besucher nun diverse Angebote wahrnehmen können.
Roland Krüger und Loring Sittler vertreten die sich hierzulande häufende Perspektive, dass bürgerschaftliches Engagements eine Notwendigkeit ist. Viel Literatur beschäftigt sich mit Freiwilligenarbeit und Ehrenamt, und die Forschung ist sich weitgehend einig, dass unsere Gesellschaft in Zukunft darauf angewiesen sein wird, dass "alle ein bisschen anpacken" und "Vater Staat" nicht mehr für alle sozialen Leistungen verantwortlich gemacht wird. Die Autoren sehen in der zukünftigen Rolle des Staates die eines "Ermöglichers", der "die gesellschaftlichen Eigenkräfte der Bürger unterstützt und ihnen mehr Flexibilität einräumt". Sie beschreiben leider nur vage, welche Rolle der Staat zugesprochen bekommt: Er soll zwar eine "Grundsicherung" zur Verfügung stellen, gleichzeitig jedoch auf das Engagement der Bürger zählen und als "Engagament-Ermöglicher" fungieren. Was jedoch ist eine "Grundsicherung"? Darf der Staat sich aus Schulsozialarbeit, Kinderbetreuung und der psychosozialen Betreuung von Demenzkranken verabschieden, um Kosten zu sparen – und kann er sich als "Ermöglicher" darauf verlassen, dass der "Eingreiftrupp" der älteren Menschen bereitsteht und dies auffängt?
Und welche Maßnahmen ergreift überhaupt ein "ermöglichender" Staat? Welche Sektoren werden gefördert und in welchem Ausmaß – so dass bürgerschaftliches Engagement nicht zu billig bezahlter staatlich geförderter Arbeit wird. Konkrete politische Forderungen sind eher dünn gesät, wodurch viele Fragen offen bleiben. Aber diese fehlenden Ausführungen gehören zum Konzept des Buches: Auch wenn längst nicht alles geregelt ist, sollten wir Bürger nicht abwarten, bis der Staat die Regeln der Zivilgesellschaft definiert, sondern allerorts mit der Arbeit beginnen. Krüger und Sittler bauen dabei auf das soziale Selbstverständnis der Menschen ("eine Aufgabe haben"), das Primat der lokalen Problemlösungsfähigkeit ("Gesellschaft vom Bürger hinauf denken") und den gemeinschaftlichen Charakter von Engagement ("Engagement steckt an").

"Wir brauchen euch!" zeigt dazu vielfältige Möglichkeiten auf. Dies ist wohl der größte Verdienst des Buches: eine Vielzahl an Initiativen aus den unterschiedlichen Bereichen, engagierte Menschen und Freiwilligen-Netzwerke werden hier so vorgestellt, dass man "Lust aufs Älter werden" bekommt und neugierig wird. Das Buch ruft: "Endlich können wir das machen, was wir schon immer machen wollten und haben auch noch genügend Zeit dafür." Vor dem Hintergrund der medialen Negativszenarien einer pflegebedürftigen und kaum zu versorgenden älteren Generation, ist "Wir brauchen euch!" die hoffnungsvolle Gegenposition, die uns klar macht, dass auch in einer alternden Gesellschaft Wohlstand und soziale Sicherheit möglich sind. Jedoch nur dann, wenn dem dritten Alter eine neue Bedeutung verliehen wird.

 

Rezension von Eva Kuhn, Nachdruck unter Quellenangabe (Eva Kuhn/ Berlin-Institut) erlaubt.



Roland Krüger/Loring Sittler: Wir brauchen euch! Wie sich die Generation 50plus engagieren und verwirklichen kann. Murmann Verlag, Hamburg 2011. 232 Seiten, 19,90 Euro. http://www.murmann-verlag.de/buch/wir-brauchen-euch