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Ausstellung der Leibniz-Gemeinschaft zum Wissenschaftsjahr 2013

Nach dem Auftakt im Berliner Naturkundemuseum eröffnet die zentrale Ausstellung des Wissenschaftsjahrs 2013 „Zukunft leben – Die demografische Chance“ nun in Mainz – Station zwei auf ihrer einjährigen Deutschlandtour. Mit dem Ausstellungskonzept versucht die Leibniz-Gemeinschaft, trockenen, demografischen Daten ein Gesicht zu geben – was nicht in allen Ausstellungsbereichen gelingt.

Wer die Ausstellung im Naturkunde Museum betritt, dem fällt zunächst die dreidimensionale, begehbare Bevölkerungspyramide ins Auge. Wie ein Portal empfängt sie den Besucher im Reich der Demografie. Wer verstehen will, was es bedeutet, dass wir immer weniger, immer älter und immer vielfältiger werden, ist hier richtig. Den Ausstellungsmachern gelingt die schwierige Aufgabe, einen breiten Überblick über alle Themen zu geben, die das komplexe Phänomen „Demografischer Wandel“ berührt. Denn dass sich hinter dem Schlagwort mehr verbirgt als nur niedrige Kinderzahlen und Alterung, ist wohl nur wenigen bewusst. Die Ausstellung zeigt nachvollziehbar und eindrucksvoll, dass sich mit der deutschen Bevölkerungsstruktur auch Arbeitswelt, Wirtschaft und das gesellschaftliche Zusammenleben ändern werden und müssen. Sie stellt veränderte Lebensverläufe und Erwerbsbiografien vor und thematisiert Problemfelder wie Zuwanderung, Bildung sowie technische Innovation. Jedem Gebiet ist ein weiß erleuchteter, begehbarer Kubus gewidmet, in dem Videos, Expertenmeinungen und Schaubilder durch das Themenfeld führen.

Es ist dabei erklärtes Ziel der Leibniz-Gemeinschaft zu zeigen, dass der demografische Wandel kein Schreckgespenst ist. Im Vorwort des begleitenden Ausstellungskatalogs klingt das so: „Wurde der demografische Wandel im Sinne des Alterns und der Schrumpfung der Bevölkerung zunächst vor allem als Bedrohung und unabwendbares Schicksal verstanden, so verstärken sich gegenwärtig die Stimmen, diese Entwicklungen als gesellschaftliche und politische Gestaltungsaufgabe und sogar als Chance zu begreifen.“ Doch gerade dieser Punkt kommt in der Ausstellung nicht ausreichend zum Tragen. Denn wo genau die Chancen liegen und welche, notwendigerweise auch politischen, Gestaltungsmöglichkeiten sich durch die Wandlungsprozesse ergeben, bleibt unklar. Die zentralen Begriffe des Ausstellungstitels - „Zukunft“ und „Chance“ – bleiben recht unkonkret und dazu noch etwas farblos.

Das liegt auch daran, dass sich die Ausstellung in weiten Teilen sehr komplex präsentiert. Zugegeben: Der demografische Wandel ist ein sperriges Thema. Aber insbesondere die Grafiken sind teilweise zu klein und detailreich, als dass sie auf Anhieb klar verständlich wären. Keine gute Ausgangslage, um das Interesse des Besuchers zu wecken und ihn am Ball zu halten. Mehr Interaktivität hätte dem Thema gut getan. Der Besucher wird nur an wenigen Stellen wirklich miteinbezogen, etwa indem er sich einen „idealen Lebenslauf“ zusammenstellen kann. Ein lebensweltlicherer Zugang wäre an vielen Stellen eingängiger und möglich gewesen - auch wenn dabei ein Teil der wissenschaftlichen Schärfe verloren gegangen wäre. Insgesamt überwiegt der informierende Charakter der Exponate, der auf den Besucher wirkt, als säße er im Schulunterricht. Das ist schade, denn die Ausstellung hätte einer breiten Öffentlichkeit die Möglichkeit geboten, praktisch zu erfahren, wie stark der demografische Wandel das Leben eines jeden Einzelnen beeinflusst.

Für den gemeinen Zuschauer ist das, was zwischen dem 19. April und dem 2. Juni im Mainzer Römisch-Germanischen Zentralmuseum zu bestaunen ist, wohl recht enttäuschend. Wie man an dem sehr gelungenen Ausstellungskatalog sehen kann, funktioniert das Konzept in Buchform eindeutig besser. Wer sich jedoch nicht vor Daten und Grafiken scheut, sollte dennoch die Gelegenheit nutzen und die Ausstellung auf einer ihrer Stationen besuchen. Außer in Berlin wird sie in den kommenden Monaten noch in sechs weiteren Städten, darunter Bochum, Dresden und München, Halt machen.

 

Rezension von Pascale Müller, Nachdruck unter Quellenangabe (Pascale Müller/ Berlin-Institut) erlaubt.

 

Ausstellungskatalog: Karl Ulrich Mayer (Hg.): Zukunft leben. Die demografische Chance. nicolai Verlag, Berlin. 2013. 160 Seiten. 19,95 Euro.

 

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Auch Bevölkerungs- wissenschaftler Prof. Dr. Herwig Birg kritisiert die Ausstellung im Streitgespräch mit dem Soziologen Prof. Dr. Karl-Ulrich Mayer, der sie konzipiert hat:

"Wenn Deutschland vergreist"
IdeaSpektrum 15/2013