Die Folgen des Ukraine-Krieges demografisch betrachtet

Seit Russland die Ukraine am 24. Februar angegriffen hat, sind nach offiziellen Zahlen 610.000 Ukrainer:innen nach Deutschland geflohen, darunter überwiegend Frauen und Kinder (Stand: Mai 2022). Die tatsächliche Anzahl an Kriegsgeflüchteten dürfte noch höher liegen, denn sie können ohne Visum in Deutschland einreisen und werden so nicht systematisch registriert.

Der Krieg hat nicht nur die größte Fluchtbewegung in Europa seit Ende des Zweiten Weltkriegs ausgelöst. Seine vielfältigen Auswirkungen zeigen sich bereits weltweit: So haben sich beispielsweise nach Sanktionsmaßnahmen die Verbraucherpreise verteuert und angesichts blockierter Getreideexporte ist die Ernährungssicherheit in Afrika gefährdet. Die Invasion Russlands in die Ukraine nimmt damit direkt und indirekt Einfluss auch auf demografische Themen wie Migration und Integration, Lebensverhältnisse in Deutschland, Ernährungssicherung in Afrika und die gesundheitliche Versorgung von Frauen und Mädchen – eine Analyse.

Migration und Integration

Die größten Fluchtbewegungen in Europa seit Ende des Zweiten Weltkriegs

Millionen von Menschen suchen innerhalb und außerhalb der Ukraine Schutz vor dem Angriffskrieg Russlands. Allein im Land spricht die Internationale Organisation für Migration von rund acht Millionen Geflüchteten. Weitere sechs Millionen Menschen haben laut dem UN-Flüchtlingskommissariat seit dem 24. Februar das Land verlassen. Sie sind vor allem in die Anrainerstaaten Polen und Rumänien geflohen. In Deutschland hat das Ausländerzentralregister bislang 727.200 Personen aus der Ukraine registriert. Laut einer Umfrage des Bundesinnenministeriums unter ukrainischen Geflüchteten sind viele Menschen, die derzeit in den Städten und Gemeinden ankommen, gut gebildet, zwischen 18 und 49 Jahre alt und zum überwiegenden Teil Frauen mit Kindern.

Die aktuellen Fluchtbewegungen unterscheiden sich deutlich von denen der Jahre 2015/2016 – sowohl aufgrund der demografischen Zusammensetzung der Geflüchteten als auch anhand der rechtlichen Rahmenbedingungen, unter denen die Menschen ankommen. Dies dürfte kurz- und mittelfristig in besonderem Maße die Kommunen herausfordern. Sie bewerkstelligen, unterstützt von zahlreichen ehrenamtlichen Initiativen und Einzelpersonen, die Ankunft, Unterbringung und Versorgung der Geflüchteten. Sind diese ersten Hürden genommen, müssen die Kommunen Neuankommenden und Alteingesessenen gleichermaßen die Teilhabe an zentralen Lebensbereichen wie Bildung, Gesundheit und Arbeitsmarkt ermöglichen – auch in friedlichen Zeiten eine enorme Herausforderung. Die schwer einschätzbare Entwicklung des Krieges erschwert diese Arbeit zusätzlich.

Kommunen müssen mit Ungewissheiten umgehen

Das Berlin-Institut arbeitet in vielen Projekten eng mit Vertreter:innen aus Kreis- und Kommunalverwaltungen und der Zivilgesellschaft zusammen. Im Rahmen unseres von der Stiftung Mercator geförderten Projekts „Alle sollen teilhaben“ konnten wir in den vergangenen zwei Monaten aus erster Hand erfahren, wie etwa die mit Integration befassten Stellen in einigen Kreisverwaltungen auf den Krieg reagieren. Eines wurde dabei besonders deutlich: Die Verantwortlichen müssen mit einem hohen Grad an Ungewissheit umgehen. So ist nicht immer klar, wie viele Menschen wann ankommen. Vielerorts mussten die Verwaltungen daher zunächst in den Notfall-Modus schalten, um rasch all jene unterzubringen, die nicht zu Freund:innen oder Bekannten konnten. Mitarbeitende mussten oft auf Abruf Betten in Notunterkünften aufstellen.

Weiterhin zeichnet sich bereits jetzt ab, dass es an Kita- und Schulplätzen sowie Sprachkursangeboten mangelt, die den Bedarfen der Zielgruppe entsprechen. Deutschkurse, an denen etwa auch alleinerziehende Frauen teilnehmen können, waren schon in den vergangenen Jahren oft schwer bereitzustellen. Zudem ist aktuell unklar, wie lange die Menschen vor Ort bleiben, ob sie sich bald für eine andere Stadt entscheiden oder gar die Möglichkeit besteht, in absehbarer Zeit an ihren Heimatort zurückzukehren. Die kommunale Integrationsarbeit kommt somit nicht umhin, mit großer Flexibilität zu agieren. Als Berlin-Institut beobachten wir die Entwicklungen weiter in unseren Projekten, insbesondere auf kommunaler Ebene.

Lebensverhältnisse in Deutschland

Wie der Ukraine-Krieg die Lebensverhältnisse in Deutschland beeinflusst

Infolge der Invasion Russlands in die Ukraine erleben Erdgas-, Strom- und Spritpreise derzeit ein Rekordhoch. So verteuerten sich die Energiekosten in Deutschland im Februar um fast  70 Prozent. Doch nicht nur Tanken und Heizen wird teurer, auch andere Verbraucherpreise explodieren: So zahlten Verbraucher:innen im April dieses Jahres für Waren und Dienstleistungen durchschnittlich 7,4 Prozent mehr als im Vorjahresmonat, wie das Statistische Bundesamt mitteilte – ein neuer Höchststand im wiedervereinigten Deutschland. Ein Grund dafür ist, dass Unternehmen aufgrund der steigenden Energie- und Logistikkosten ihre Preise erhöhen. Außerdem verteuern sich insbesondere Agrarprodukte, da Russland und die Ukraine wichtige Agrarlieferanten sind. Gemeinsam decken sie ein Viertel der weltweiten Weizen- und Gerstenexporte ab und exportieren mehr als 60 Prozent des weltweiten Sonnenblumenöls.

Ärmste Haushalte und Landbewohner:innen besonders betroffen

Von den steigenden Lebenshaltungskosten sind vor allem einkommensschwache Haushalte betroffen. Dazu zählen Personen mit Migrationshintergrund, Studierende, Alleinerziehende, Erwerbslose oder Menschen mit niedrigem Bildungsstand. Löhne und Sozialleistungen können derzeit mit der Inflation nicht Schritt halten, wie eine aktuelle Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung bestätigt: Trotz der Entlastungspakete der Bundesregierung machen die erhöhten Energiepreise bei den einkommensschwächsten zehn Prozent der Haushalte 6,7 Prozent des Nettoeinkommens aus. Diese Entwicklung führt zu einer weiteren Verschärfung sozioökonomischer Disparitäten in Deutschland.

Ebenso ist die Bevölkerung auf dem Land besonders stark von den steigenden Kraftstoffpreisen betroffen, da sie im Vergleich zu den Städtern stärker auf ihr Auto angewiesen ist und durchschnittlich längere Wegestrecken zurücklegen muss. Weitere Verkehrssubventionen, wie das 9-Euro-Ticket, entlasten die Haushalte kaum, denn das ÖPNV-Angebot auf dem Land ist rar und stellt somit für viele keine Alternative dar. Damit könnten sich die Stadt-Land-Unterschiede weiter verschärfen und entlegene Regionen weiter an Attraktivität verlieren.

Ernährungssicherung in Afrika

Wie der Ukraine-Krieg Hungerkrisen in Afrika verschärft und so die demografische Entwicklung beeinflusst

Weit über Europa hinaus spüren Menschen die Folgen der Invasion. Russland und die Ukraine gehörten vor Kriegsbeginn zu den weltweit wichtigsten Exportländern von Grundnahrungsmitteln wie Weizen, Gerste oder Mais. Jetzt gelangt aus beiden Ländern kaum noch etwas ins Ausland. Das trifft vor allem Staaten im Nahen Osten und Afrika südlich der Sahara, die bisher große Mengen an Lebensmitteln aus Russland und der Ukraine importierten. Durch das knappere Angebot explodieren jetzt die Preise für Agrarprodukte: Im März 2022 lagen sie bereits um ein Drittel höher als noch vor einem Jahr. Die Vereinten Nationen warnen, dass die Preise noch weiter steigen könnten: Der Krieg treibt die Kosten für Düngemittel und Transport ebenfalls in die Höhe, während gleichzeitig Dürren in verschiedenen Weltregionen das Nahrungsmittelangebot zusätzlich verknappen.

Die steigenden Preise verschärfen Hungerkrisen in Ländern wie Somalia, Jemen und Madagaskar. Die Folgen für die ärmsten Familien sind dramatisch. Wenn Schwangere nicht genügend essen, haben sie eine größere Gefahr von Komplikationen während der Schwangerschaft und Geburt. Gleichzeitig haben unterernährte Neugeborene deutlich schlechtere Chancen, ihre ersten Monate und Jahre zu überleben. Eine abwechslungsreiche und ausreichende Ernährung ist auch Grundlage dafür, dass Kinder gesund aufwachsen und ihr Potenzial ausschöpfen können. Kinder, die nicht genug essen, können sich nicht so gut in der Schule konzentrieren, sie haben schlechtere Chancen auf einen Abschluss und verdienen später im Leben weniger. Indem Hungerkrisen die Gesundheit und Zukunftsperspektiven der nächsten Generation verschlechtern, gefährden sie langfristig so Fortschritte im demografischen Wandel. Denn erst wenn sich unter Eltern die Einsicht durchsetzt, dass Kinder gesund aufwachsen und das Bildungsniveau steigt – insbesondere von Frauen – sinken zeitverzögert auch die Geburtenraten.

Gesundheit und Selbstbestimmung von Mädchen und Frauen

Sexuelle und reproduktive Gesundheit und Rechte von Frauen in Gefahr

In Krisen wie dem Ukraine-Konflikt wird der Zugang zu lebensrettenden Versorgungsleistungen rund um Verhütung, Schwangerschaft und Geburt stark eingeschränkt oder gar nicht mehr gegeben. Einrichtungen des Gesundheits- und Sozialwesens sind zerstört. Erfahrungen aus anderen Krisen zeigen, dass sich Kriege und damit verbundene Unterbrechungen in der gesundheitlichen Versorgung negativ auf die Mütter- und Kindersterblichkeit auswirken und übertragbare Infektionen wie HIV, ungewollte Schwangerschaften und die Risiken von sexueller Gewalt steigen.

Der Krieg erschwert zudem die Schwangerenfürsorge, professionelle Geburtshilfe und andere wichtige Leistungen. Nach Angaben des Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen (UNFPA) werden in den nächsten drei Monaten mehr als 80.000 Ukrainerinnen ein Kind zur Welt bringen. Das sind etwa 1.000 Entbindungen pro Woche. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt, dass 15 Prozent der Schwangeren aufgrund potentiell lebensbedrohlicher Komplikationen eine qualifizierte medizinische Versorgung benötigen werden. Wo keine Ärztin oder kein Geburtshelfer schnell erreichbar ist, sind Leib und Leben von Kindern und deren Mütter in Gefahr. Schon heute wird aus der Ukraine vonFrauen berichtet, die ohne geburtshilfliches Personal unter prekären Umständen teils sogar in U-Bahn-Stationen entbinden.

Auch für Geflüchtete, die die Ukraine verlassen haben, ist eine umfassende gesundheitliche Versorgung nicht immer automatisch sichergestellt. Die meisten von ihnen fliehen in das Nachbarland Polen, wo beispielsweise der Zugang zu Abtreibung weit restriktiver ist als in der Ukraine. Außerdem brauchen sie einen Zugang zu Gesundheitsdienstleistungen oder psychosozialer Betreuung, der durch bürokratische Formalitäten erschwert wird.

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